Ein pensioniertes Ehepaar hat von seinem Nachbarn die Nase voll. Weil die Äste seiner Weide und seiner Brombeersträucher immer wieder über den Grenzzaun in ihren Garten wuchern, machen sie kurzen Prozess: Die Rentnerin besprüht die Äste und Sträucher, die über den Zaun ragen, mit Unkrautvernichtungsmittel: «Ich habe die Äste und Sträucher immer wieder zurückgeschnitten. Nach einer Weile hat es mir einfach nur noch gereicht», erklärt sie ihre Tat vor dem Bezirksgericht Rheinfelden. Dort müssen sich beide wegen mehrfacher Sachbeschädigung verantworten. Die Staatsanwaltschaft fordert für sie eine Busse in Höhe von 300 Franken, für ihren Mann eine Busse in Höhe von 750 Franken.

Als der Geschädigte und Kläger sieht, wie die Blätter an seiner Weide braun werden und die Brombeersträucher absterben, reisst ihm endgültig der Geduldsfaden. Er erstattet Anzeige. «Seit Jahren werden meine Pflanzen systematisch zunichtegemacht», wirft der Geschädigte seinen Nachbarn vor und schiebt nach: «Das muss jetzt ein Ende haben.» Zwar habe der Geschädigte nicht gesehen, wie die Beschuldigten das Unkrautvernichtungsmittel gesprüht, jedoch wie sie mit einer Rebschere an den Pflanzen herumgeschnitten haben.

Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab verweist hierbei auf das sogenannte Kapprecht: «Der Nachbar kann überragende Äste abschneiden, wenn sie ihn einschränken oder schädigen und der Eigentümer der Pflanze nicht der Aufforderung nachkommt, die überragenden Äste zu beseitigen.» Besonders die stachligen Brombeersträucher, die bis zu einem Meter über den Zaun herübergewuchert sind, haben ihren Bewegungsradius im eigenen Garten eingeschränkt, schildert die Beschuldigte. «Zudem sind die Sträucher fast in meine Thujen hineingewachsen», fügt sie hinzu.

Die Weide kann gerettet werden

Für den Zivilkläger ist klar, dass das Unkrautvernichtungsmittel für den Schaden verantwortlich ist. «Ein geschulter Baumpfleger hat sich die Weide und die Brombeersträucher angeschaut und ist eindeutig zum Ergebnis gekommen, dass diese mit Pflanzengift geschädigt wurden», sagt er. Weil der Zivilkläger verhindern will, dass seine Weide komplett eingeht, lässt er von einem Baumpfleger die kranken Äste entfernen und fordert dafür von den Beschuldigten rund 200 Franken.

Für den Verteidiger ist fraglich, ob das Unkrautvernichtungsmittel die Weide und die Brombeersträucher geschädigt haben. Grund für seine Zweifel ist eine Einschätzung desselben Baumpflegers, der bereits im Garten des Zivilklägers den Schaden begutachtete. Der Verteidiger schickte diesem ein Foto eines Hartriegelstrauchs, der in unmittelbarer Nähe zu der geschädigten Weide und den Brombeersträuchern steht. «Der Baumpfleger sagte mir, dass es wahrscheinlich ist, dass der Hartriegelstrauch von einer Pilzkrankheit befallen ist», sagt der Verteidiger und führt weiter aus: «Es ist nicht auszuschliessen, dass die Schäden an den Pflanzen des Klägers auf andere Umstände zurückzuführen sind.» Deshalb stellt der Verteidiger den Antrag, die Aufnahmen der geschädigten Pflanzen von einem Experten auswerten zu lassen. Der Zivilkläger findet dies überflüssig. Er drängt auf ein Urteil. Nicht so Gerichtspräsidentin Lützelschwab. Sie stimmt dem Antrag des Verteidigers zu und setzt einen zweiten Verhandlungstag an.