Frick
Kleiner-Werden als Chance: So rüstet sich die katholische Kirche für die Zukunft

Wie rüstet sich die katholische Kirche für die Zukunft? Ein Ausblick mit Pastoralassistent Uli Feger.

Thomas Wehrli
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Uli Feger ist seit 2011 Pastoralassistent in Frick. Thomas Wehrli

Uli Feger ist seit 2011 Pastoralassistent in Frick. Thomas Wehrli

Für Ulrich Feger, 37, seit Dezember 2011 als Pastoralassistent in Frick tätig, bietet das Kleiner-Werden, mit dem die Kirche seit Jahren konfrontiert ist, auch Chancen. «Ich kann viel mehr auf den Einzelnen eingehen», sagt er. Er habe auch schon Gottesdienste mit drei oder fünf Personen gefeiert. «Das macht die Feier dann sehr persönlich, fast schon intim», sagt er. In solchen Momenten lädt er die Teilnehmer nach vorne in den Chor ein, um den Gottesdienst zusammen mit ihm um den Altar zu feiern. «Das führt zu einer Intensität, die man in einer vollbesetzten Kirche kaum erreichen kann.»

Natürlich, auch Ulrich Feger freut sich über voll besetzte Kirchenbänke, geniesst die Atmosphäre, wenn Hunderte Stimmen ins Gloria einstimmen. Die Kirche sei heute beides: Raum für Gemeinschaft wie Raum für Individualität, sagt er. Diesen Spagat zu meistern, sieht er als eine der Herausforderungen für die Seelsorge von morgen. Den adäquaten Umgang mit dem Gottesdienstraum, der Kirche also, zu finden, als eine zweite.

Denn gerade wenn nur wenige Menschen den Weg in den Gottesdienst finden, kann der Raum übergross wirken, was sich als gefühlte Distanz zwischen Seelsorger und Gläubigen manifestieren kann. Hier sucht Ulrich Feger neue Wege, geht etwa bei der Predigt – mit Headset ausgestattet – auf die Gläubigen zu oder holt sie, wie erwähnt, zu sich nach vorne. In solchen Momenten des Kleinseins auf einen anderen kleineren Raum auszuweichen, den Pfarrsaal beispielsweise, sieht Ulrich Feger als Option. «Allerdings fehlt hier die Atmosphäre des Kirchenbaus.»

30 Berufsjahre vor sich

Angst macht Feger, der noch rund 30 Berufsjahre vor sich hat, das Kleiner-Werden nicht. «Es ist eine gesellschaftliche Realität», sagt er pragmatisch. Diese will er gestalten und als Chance zu mehr Relevanz und Authentizität nutzen. «Das ist für mich die grösste Herausforderung für die Zukunft.» Dass das Pendel dereinst kehrt, dass die Menschen also am Sonntag wieder in Massen in die Kirche strömen, wie es früher war, glaubt Feger nicht. Er möchte das Rad der Zeit auch nicht zurückdrehen, denn früher ging manch einer nicht zur Kirche, weil er das Bedürfnis dazu hatte, sondern weil es gesellschaftliche Norm war. «Heute, in Zeiten des Individualismus, entscheidet jeder selber», so Feger. Das führe zwar zum beobachteten Kleiner-Sein, gleichzeitig aber zu einem Authentischer-Sein.

Der gesellschaftliche Wandel bringt auch mit sich, dass junge Menschen nicht mehr automatisch mit dem Glauben aufwachsen, dass sie oft als junge Erwachsene wenig bis keinen Glaubensbezug mehr haben. Auf diese Entwicklung zu reagieren, stellt für Ulrich Feger eine weitere Herausforderung der Kirche von morgen dar. «Wir müssen Wege finden, die Menschen als Erwachsene abzuholen», sagt er. Wege finden, Menschen an Lebenswendepunkten, wie es etwa die Hochzeit oder die Geburt des ersten Kindes ist, abzuholen, sie dann für den Glauben zu begeistern.

«In solchen Momenten erwacht bei vielen Menschen eine Sensibilität für das Religiöse, für Spiritualität», hat Feger beobachtet. Ein zweiter Ansatzpunkt ist für Feger eine adäquate Glaubensvermittlung an Jugendliche. Hier reicht es nicht mehr, den Katechismus zu lehren; es braucht einen Unterricht, der die Jugendlichen bei ihren Fragen und Bedürfnissen abholt. Dass dies nicht einfach ist, weiss Feger, der in Frick die Firmandinnen und Firmanden betreut. «Aber der Aufwand lohnt sich», ist er überzeugt.

Das Kleiner-Werden der Gemeinschaft spiegelt sich auch in den finanziellen Mitteln: Sie schwinden mit jedem Kirchenaustritt. «Jeder Kirchenaustritt ist bedauerlich», sagt Feger. Weniger wegen den pekuniären Konsequenzen, als vielmehr wegen dem Menschen, welcher der Kirche den Rücken kehrt. Die damit verbundene finanzielle Schwächung dagegen bereitet Feger keine schlaflosen Nächte. «Ich vertraue darauf, dass die Kirche immer wieder Wege findet, mit den sich verändernden Rahmenbedingungen zurechtzukommen.» Eine solche Reaktion ist die Schaffung von Pastoralräumen, die allerdings gerade bei vielen Seelsorgern in der Region skeptisch aufgenommen wird. Zu gross seien die Räume, wird moniert und vor der Gefahr einer unpersönlichen Seelsorge gewarnt, einer «Massenabfertigung», wenn man so will.

Frauenordination zulassen

Nur eben: Die Zahl der Seelsorger wird kleiner und die Kirche muss Wege finden, damit umzugehen. An eine Trendwende bei der Berufung von Menschen, die vollamtlich in der Seelsorge tätig sein wollen, glaubt Feger nicht. «Wir werden einige Aufgaben über ehrenamtliche Einsätze auffangen müssen», ist er überzeugt. «Wir müssen die Personen, die sich engagieren wollen, noch stärker in die Pfarreiarbeit einbinden.» Das geschieht in Frick bereits heute; der Gottesdienst im Alterszentrum Bruggbach beispielsweise wird im Turnus von Frauen aus der Pfarrei geleitet. «Das hat sich bestens bewährt und ist ein Modell mit Zukunftspotenzial», so Feger.

Dass mit der Aufhebung des Pflichtzölibats oder mit der Frauenordination die Personalprobleme der Kirche gelöst wären, glaubt Ulrich Feger nicht. Dennoch würde er Schritte in diese Richtung begrüssen, «weil die Kirche dann an Authentizität gewinnen würde». Arbeiten muss die Kirche für Feger auch an ihrer Glaubwürdigkeit. «Sie ist das Fundament und dieses wurde in den letzten Jahrzehnten durch die Missbrauchsskandale stark belastet», so Feger. Diese Reden-Handeln-Schere ist für ihn mit ein Grund, dass viele Menschen die Kirche verlassen. «Sie gehen nicht, weil sie mit der Kirche vor Ort unzufrieden sind, sondern mit der Institution Kirche, oder weil sie einfach Geld sparen wollen.» Feger ist froh, dass die Kirche nun mit Franziskus einen Papst an der Spitze hat, der Glaubwürdigkeit verkörpert und lebt. Wunder jedoch, sprich: eine massenweise Rückkehr der Gläubigen oder auch schon eine Trendwende bei den Austritten, dürfe man trotzdem nicht erwarten.

Kirche-Sein erlebt Feger als ein heterogenes Gebilde. «Unter dem einen Dach haben verschiedene Glaubens- und Denkweisen Platz», sagt er mit Blick auf die doch sehr unterschiedlichen Praktiken der Bischöfe von Basel und Chur. Zum einen findet er es wertvoll, dass es in ein- und derselben Kirche verschiedene Zugänge gibt; auf der anderen Seite sieht er die Gefahr des Auseinanderdriftens, die sich dann nicht zuletzt in der schwierigen Suche nach einem gemeinsamen Nenner manifestiert. «Wenn es Pfarreien und Gemeinschaften gibt, denen die lateinische Messe wichtig ist, dann soll die Kirche diesen Raum ermöglichen. Gefährlich wird es erst, wenn ein Weg zur Doktrin erhoben wird.»

Kirche-Sein heisst für Ulrich Feger auch: Eine hörbare Stimme sein. «Wir müssen noch vermehrt zu relevanten Themen Position beziehen», sagt er und ist sich dabei der Gratwanderung bewusst, denn «politisch darf Kirche nicht sein». Früher sei die Kirche eine moralische Instanz gewesen, so Feger. Das sei sie heute nicht mehr – und müsse sie auch nicht mehr sein. «Aber eine Herausforderung ist sicher, dass wir als Kirche wieder zur Stimme werden, die gehört und ernstgenommen wird.»

Dialog mit dem Islam

Dass mit dem Kleiner-Werden auch die moralisch-ethischen Werte, für die das Christentum steht, erodieren, glaubt Ulrich Feger nicht. «Ob man den Gottesdienst besucht oder nicht, ist keine notwendige Voraussetzung, dass man christliche Werte lebt oder nicht.» Für ihn sind diese Werte so tief in der Gesellschaft verankert, dass sie auch in einer säkulareren Gesellschaft ihre Gültigkeit bewahren können. Die Kirche kann auch im Kleiner-Werden moralisch-ethische Impulse setzen, dazu braucht es Wertvorstellungen, die überzeugen und authentisch gelebt werden und ausserdem habe die Kirche in vielen Bereichen – etwa der Bildung, der Krankenpflege oder der Fürsorge – wertvolle Impulse gegeben «und die werden weiterleben», sagt er.

Eine vergleichsweise neue Herausforderung für den Westen ist der Umgang mit dem Islam. «Hier ist Dialog gefragt», so Feger. Und es sei Aufgabe der Kirche, diesen Dialog zu ermöglichen und zu unterstützen. Für den Pastoralassistenten ist dabei klar: Den Islam gibt es genauso wenig wie das Christentum. Entsprechend gebe es keine Patentrezepte, sondern nur an die jeweilige Konstellation angepasste Reaktionsmuster. Ein solches müsse sein, offen auf andere Religionen zuzugehen, im Dialog, und bereit sein, von den anderen auch zu lernen. «Für viele Muslime oder auch Juden haben die Spiritualität und ein gelebter Glaube aktuell eine deutlich höhere Bedeutung als für so manchen Christen. Das können wir für uns als Impuls nutzen.»

Kirche, so meint Ulrich Feger zum Schluss, gebe es seit 2000 Jahren. «Und Kirche wird es auch noch in 2000 Jahren geben», ist er überzeugt. Wie diese aussehen wird, vermag er nicht zu beurteilen. Er hofft, dass sie authentisch bleibt und nahe beim Menschen.
Dieser Beitrag ist in der Schrift «300 Jahre Kirche Frick» erschienen. Die 92-seitige Schrift ist ab sofort in der Buchhandlung Letra und auf dem katholischen Pfarramt in Frick für 12 Franken erhältlich.