Fricktal

Kirchen verlieren laufend Mitglieder: «Der Rückgang ist nicht dramatisch»

Für Linus Hüsser (im Bild in der Kirche in Frick) ist klar: Die Kirche muss sich ändern. Er erwartet, dass Frauen bis in 5 oder 10 Jahren Diakoninnen werden können. (Archiv)

Für Linus Hüsser (im Bild in der Kirche in Frick) ist klar: Die Kirche muss sich ändern. Er erwartet, dass Frauen bis in 5 oder 10 Jahren Diakoninnen werden können. (Archiv)

Regelmässig treten Menschen aus der Region aus der Kirche aus. Doch wie schlimm ist es wirklich? Eine Spurensuche.

Sie sind dann mal weg. Die Gläubigen. Jedes Jahr kehren etliche Fricktaler den Landeskirchen den Rücken – meist für immer. Die Austrittswelle, so scheint es, hält seit Jahren an und legt an Dynamik stetig zu. Stimmt das? Wie schlimm steht es um die Kirchgemeinden wirklich? Die AZ stieg mit Linus Hüsser, Präsident der Kirchenpflege Herznach-Ueken, ins Archiv. Der Blick in die Statistik ab 1999 zeigt ein differenziertes Bild. Sechs Beobachtungen.

Nach einem Rückgang Ende der 1990er-Jahre, stieg die Zahl der Gläubigen zwischen 2000 und 2008 wieder an. Dies hat zum einen demografische Gründe; es gab mehr Geburten als Todesfälle. Dies hat aber vor allem Wachstumsgründe: Die drei politischen Gemeinden Ueken, Herznach und Densbüren, die zusammen die Kirchgemeinde bilden, sind im selben Zeitraum um 362 Einwohner gewachsen.

Seit 2009 geht die Zahl der Gläubigen wieder zurück. Im Vergleich zu 1999 hat die Kirchgemeinde aktuell sieben Prozent weniger Mitglieder. Den Rückgang erachtet Hüsser denn auch als «nicht dramatisch». Im Vergleich mit anderen Orten, etwa Basel-Stadt, «stehen wir sogar sehr gut da».

Die Zahl der Kirchenaustritte, die seit 2005 in der Statistik separat ausgewiesen werden, liegen zwischen 6 und 27. Das entspricht zwischen 0,5 und 2,6 Prozent der Gläubigen. Hüsser erwartet, dass die Zahl der Austritte auch in Zukunft ähnlich hoch sein wird.

Warum sie austreten, müssen die Gemeindemitglieder nicht angeben. «Am meisten hört man, dass man mit der heutigen Kirche nichts anfangen kann.» Die Kirche ist den Menschen zu altbacken. Andere ziehen aus den Missbrauchsskandalen, mit denen die katholische Kirche seit Jahren zu kämpfen hat und die nach wie vor nicht aufgearbeitet sind, ihre Konsequenzen. Dritte konvertieren. Und die Kosten? Schliesslich spart eine vierköpfige Familie in Herznach mit einem steuerbaren Einkommen von 80 000 Franken rund 740 Franken im Jahr. Offiziell sage das kaum jemand, sagt Hüsser. Er ist aber überzeugt: «Wenn keine Kirchensteuern zu zahlen wären, würden wohl einige nicht austreten.»

Die Austritte führen bei der Kirchgemeinde zu Mindereinnahmen. «Uns geht es finanziell zum Glück nicht schlecht», sagt Hüsser, schiebt dann sogleich nach: «Wir gehen aber auch haushälterisch mit den Geldern um.» Zudem ist das Seelsorgerteam heute auch kleiner. Hatte früher jede der drei Pfarreien Hornussen, Herznach-Ueken und Zeihen einen eigenen Seelsorger, so verfügt der gemeinsame Seelsorgeverband Homberg aktuell über 140 Stellenprozente. In der Warteschleife ist zudem der Pastoralraum «AG 20», der sich über 17 politische Gemeinden erstrecken soll. Zwar scheiterte das Projekt im November 2017 am Widerstand mehrerer Gemeinden. «Früher oder später wird der Pastoralraum kommen», sagt Hüsser.

Soziales Engagement

Für den Kirchenpflegepräsidenten ist klar: «Die Kirche wird in der Region immer einen Stellenwert haben.» Vielen sei heute gar nicht bewusst, was der Staat alles finanzieren müsste, wenn es die Kirchen nicht gäbe. Als Beispiele nennt Hüsser die Spitalseelsorge, den kirchlich regionalen Sozialdienst und das soziale Engagement der Gruppierungen. Aber auch der Unterhalt der Kirchen als (kunst-)historische Bauten gehört dazu. «Die Kirchen bieten den Menschen einen Rückzugsort, einen Ort der Stille und der Sammlung – und diese Ruheoase steht Gläubigen ebenso wie Nichtgläubigen offen.»

Dass sich die Kirche ändern muss, steht für Hüsser ausser Frage. Sie müsse mit der Zeit gehen, dürfe aber auch nicht einfach alles über Bord werfen. «Wir haben wichtige und schöne Traditionen, wie die Fronleichnamsprozessionen, und die gilt es zu bewahren.» Wichtig sei aber, den Menschen das Handeln der Kirche besser zu erklären. «Das kam in der Vergangenheit zu kurz.» Und natürlich sei es wichtig, so Hüsser, authentisch zu sein – und dazu gehöre auch, die Missbrauchsskandale schonungslos aufzuarbeiten. Hüsser mahnt gleichzeitig: «Die Skandale sind schlimm. Man sollte aber deswegen nicht die ganze Kirche verdammen.»

Wie schnell sich die Kirche ändern werde, sei schwierig abzuschätzen. Hüsser erwartet beispielsweise, dass das Diakonat für Frauen geöffnet wird. Ob dies allerdings in 5 oder erst in 10 Jahren komme, könne er nicht beurteilen. Und Frauen als Priesterinnen? Das werde es vorderhand kaum geben, ist Hüsser mit Blick auf die Aussagen von Papst Franziskus überzeugt.

«Urbedürfnis des Menschen»

Die Antwort auf die Frage, ob die Kirche, die eine lange und wechselvolle Geschichte hat, selber einmal Geschichte sein wird, muss sich Hüsser nicht lange überlegen. «Nein», sagt er, schüttelt den Kopf. Zum einen wachse die katholische Kirche weltweit nach wie vor. Zum anderen sei die Kirche noch immer eine grosse kulturelle und historische Macht. «Und es ist ein Urbedürfnis des Menschen, nach dem Sinn zu fragen. Er glaubt seit der Schöpfung, dass es neben dem Materiellen etwas Geistiges geben muss.» Das werde sich nicht ändern.

Selber hatte Hüsser – trotz Skandalen und schwierigen Entscheiden aus Rom – nie Probleme mit dem Glauben. Das liege wohl auch an seinem Geschichts-Blick, sagt der Historiker. «Wenn man sieht, was in der Weltgeschichte alles gelaufen ist, hat man für das Auf und Ab der Institutionen mehr Verständnis.»

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