«Das Personal reicht nicht, wir sind am Anschlag. Die Stimmung ist gereizt, die Situation angespannt. Es gibt Krankheitsfälle und Kündigungen.» Jürg Lienhard, Oberrichter, Kammer für Kindes- und Erwachsenenschutz im Kanton Aargau, beschönigte die Situation im Kindes- und Erwachsenenschutzrecht (KESR) am Gemeindeseminar in Frick nicht. «Doch der Grosse Rat hat die Personalaufstockung von 70 auf 81,5 Stellen abgelehnt, das müssen wir akzeptieren.»

Dennoch sei die Professionalisierung, die mit der Gesetzesrevision einherging, richtig gewesen, so Lienhard weiter. «Früher gab es oft verfahrenstechnische Fehler, das sollte heute nicht mehr passieren.»

Gibt es also Lösungsansätze, um die Situation zu verbessern? Können die Gemeinden etwas tun, um die Familiengerichte zu entlasten? Dass die Verfahren vor dem Familiengericht «etwas bürokratischer und etwas langwieriger» seien als früher mit den Amtsvormundschaften, liege in der Natur der Sache, so Lienhard weiter. «Es braucht strikte Verfahrensregeln, damit die Entscheide auch wasserdicht sind.»

Aber, so der Oberrichter: «Es hat Fälle am Familiengericht, die dort nicht hingehören.» Fälle, die der Sozialdienst der Gemeinden mit immaterieller Sozialhilfe wie Beratungen oder Einkommensverwaltung bereits lösen könnte. Deshalb rückte er eine Person ins Zentrum, die, wie er selbstkritisch anmerkte, bei der Einführung des neuen KESR etwas in Vergessenheit geraten sei: die Koordinationsperson bei der Gemeinde –  in grösseren Gemeinden oder bei Verbandslösungen meist der Leiter Sozialdienst, in kleineren Gemeinden meist der Gemeindeschreiber.

Die Koordinationsperson ist die Schnittstelle zwischen Gemeinden und Familiengerichten, die «Drehscheibe», wie Heinz Glauser, Geschäftsleiter des Gemeindeverbandes Soziale Fachbereiche im Bezirk Rheinfelden ausführte. Er plädierte deshalb für eine Professionalisierung der kommunalen Sozialdienste – mittels Zusammenschlüssen oder Leistungsvereinbarungen mit grösseren Gemeinden. Denn, so Glauser, «die Gemeindeschreiber in kleineren Gemeinden machen ihren Job als Koordinationsperson nicht schlecht, aber es ist einfach nicht ihr Kerngeschäft.» Oberrichter Lienhard pflichtete Glauser bei: «Bei Verbandslösungen oder in grösseren Gemeinden herrscht gerade bei komplexeren Fällen mehr Routine.»

Kommunikation verbessert

Lienhard ermutigte die Gemeinden auch, ihr Anhörungsrecht konstruktiv zu nutzen. «Wenn gute Vorschläge kommen, wehrt sich das Familiengericht nicht. Einfach sagen, ‹diese Massnahme zahlen wir nicht›, ist dagegen wenig zielführend.»

Beide Referenten betonten, dass sich vonseiten der Familiengerichte der Informationsfluss seit der Einführung gebessert habe. So werden die Gemeinden mittlerweile über Entscheide der Familiengerichte orientiert. Und im Bezirk Rheinfelden wurde sogar vereinbart, dass die Familiengerichte die Koordinationspersonen bei Gefährdungsmeldungen orientieren.