Kienberg/Oberhof
Windpark Burg nimmt wieder Fahrtwind auf: sieben Fragen und Antworten zum umstrittenen Projekt

Mit dem Baugesuch für das 25 Millionen Franken teure Projekt, das noch bis 25. Mai aufliegt, haben sich Gegner und Befürworter wieder in Stellung gebracht. Die AZ liefert eine Übersicht zum Status quo und zeigt Ausmass und Problemstellungen des Bauvorhabens nördlich der Salhöhe auf.

Dennis Kalt
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Die Visualisierung – hier der Blick über das Gebiet ins Fricktal im Hintergrund – zeigt, wie die fünf Windenergieanlagen dereinst aussehen könnten.

Die Visualisierung – hier der Blick über das Gebiet ins Fricktal im Hintergrund – zeigt, wie die fünf Windenergieanlagen dereinst aussehen könnten.

Visualisierung: CSD Ingenieure Aarau

Der Stellungskampf an der Jurakrete im Grenzgebiet der Kantone Aargau und Solothurn dauert nun schon über ein Jahrzehnt. Gegner und Befürworter positionieren seither ihre Argumente für das Für und Wider des in Kienberg SO und Oberhof geplanten Windparks Burg im öffentlichen Raum. Mit dem Baugesuch, das aktuell noch bis zum 25. Mai aufliegt, hat das Projekt wieder Fahrtwind aufgenommen. Sieben Fragen und Antworten zum 25 Millionen Franken teuren Windkraft-Projekt.

1. Was genau soll wo gebaut werden?

Das Projektgebiet liegt nördlich der Salhöhe. Vier Windenergieanlagen (WEA) sind in Kienberg geplant, eine fünfte auf der Burgmatte in Oberhof. Die Höhe der Anlagen beträgt rund 150, der Durchmesser der Rotoren 92 Meter. Die Türme der WEA stehen auf einem Ringfundament aus Beton mit einem Durchmesser von 20 Metern. Es handelt sich um sogenannte Hybridtürme: Im unteren Teil bestehen sie aus Beton, im oberen aus Stahl.

2. Wie kommen die grossen und sperrigen Bauteile durch die hügelige Landschaft und über die schmalen Wege zum Bauplatz?

Hierfür müssen dereinst 2,8 Kilometer an Wegen ausgebaut und 1,3 Kilometer neu erstellt werden. Es geht darum, die komplette Zuwegung des Windparks auf eine Tragfähigkeit für Schwerlastfahrzeuge mit einem Gesamtgewicht von bis zu 165 Tonnen auszulegen. Die befahrbare Breite muss mindestens vier Meter betragen. Pro WEA ist für Bodenverbesserungsmassnahmen und den Fundamentbau mit einem Aufkommen von 240 LKW-Fahrten zu rechnen. Für die Anlieferungen der WEA-Komponenten werden etwa 65 Schwertransporte benötigt. Für die Krantechnik, die zum Aufbau eingesetzt wird, sind mit bis zu weiteren 35 LKW-Fahrten pro Kran zu rechnen.

3. Wer trägt das Projekt und lohnt sich dieser Aufwand überhaupt?

Hinter dem Projekt steht die Windpark Burg AG. Zusammen setzt sie sich aus der Gemeinde Kienberg, der AEW Energie AG, der vento ludens Suisse GmbH und den Genfer Stadtwerken. Den Aufwand für das Projekt scheut sie nicht angesichts des immensen Potenzials des Windparks. Gemäss Berechnungen sollen die fünf WEA zusammen 21 Gigawattstunden Strom pro Jahr erzeugen, was dem jährlichen Bedarf aller Haushalte der Stadt Aarau entspricht.

4. Ein Projekt, das jede Menge erneuerbare Energie produziert – da hat doch sicher niemand etwas dagegen?

Doch. Allen voran der Verein Pro Burg. Dessen Präsident Werner Habermacher drückt es drastisch aus: «Das Projekt ist eine Schande für die Region.» Es beeinträchtige die Trinkwasser-Schutzzone der Burg-Quellen, produziere Lärm, Schall und Schattenwurf, störe Wild und Gefieder und belaste Flora und Fauna immens. «Ein Stück unberührter Natur geht verloren und der Erholungsraum wird beträchtlich geschädigt», sagt Habermacher, der nachschiebt, dass die Windkraft nicht steuerbar sei und die Produktion zwischen grossen Hochs und Tiefs hin- und herschwanke. Habermacher bezweifelt denn auch die Wirtschaftlichkeit des Windparks.

5. Was sagen die Projektverantwortlichen zu diesen Vorwürfen?

Sie halten dagegen und betonen die Vorteile für Mensch und Umwelt. Corinne von Wyl-Tschudin, Projektmanagerin bei der vento ludens Suisse GmbH, sagt: «Windenergie ist 100 Prozent erneuerbar, schont die Umwelt – es fallen keine Abgase oder Abfälle an.» Windenergie sei zudem Winterstrom und Nachtstrom. Dies bedeute eine ideale Ergänzung zur Energie der Sonne sowie des Wassers. Von Wyl sagt: «Dies reduziert den Import von meist weniger sauberem Strom im Winter.» Zudem seien diverse ökologische Ausgleichsmassnahmen geplant, etwa Lebensraum für Fledermäuse und Vögel, ein Vernetzungsprojekt zur allgemeineren Förderung der Artenvielfalt und ein Projekt mit Hochstamm Suisse.

6. Die Fronten sind offensichtlich verhärtet. Wie geht es jetzt weiter?

Sicher ist, dass der Verein Pro Burg eine Sammeleinwendung in den nächsten Tagen gegen das Baugesuch einreichen wird – über 160 Unterschriften hat der Verein gemäss Habermacher zusammen. Während der Kienberger Souverän bereits im Dezember 2018 grünes Licht für den Bau der vier WEA gab, muss die Gemeindeversammlung in Oberhof erst noch darüber befinden, ob auf der Burgmatte dereinst eine fünfte zu stehen kommen soll. Denn das Gebiet, in der die WEA geplant ist, befindet sich in der Landwirtschaftszone. Daher ist die Teiländerung des Kulturlandplans und der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) erforderlich. Die entsprechende Teiländerung liegt derzeit noch bis zum 25. Mai öffentlich auf der Gemeindeverwaltung auf. Wann die Teiländerung der Gemeindeversammlung zur Abstimmung vorgelegt wird, ist mitunter abhängig von den Einwendungen, die vom Gemeinderat behandelt werden müssen.

7. Dann wird also noch eine ganze Weile vergehen, bis Gewissheit herrscht, ob und wann der Bau beginnt?

Davon ist mit hoher Sicherheit auszugehen. Zwar habe man einen «Best-Case»-Zeitplan mit Baustart 2022, sagt von Wyl, aber: «Die Probabilität, dass dies so eintritt, ist leider gering, denn wir müssen mit Einsprachen rechnen.» Der Baustart hinge davon ab, bis zu welchen Instanzen diese weitergezogen und wie behandelt würden. Hierzu sagt Habermacher: «Wir werden von jeder Einsprachemöglichkeit Gebrauch machen, die sich uns bietet und diese bis zur letzten Instanz durchziehen.» Denn der Verein Pro Burg wolle sich nichts vorwerfen müssen, wenn sich dereinst die Rotorenblätter an der Jurakrete drehen sollten.