Rheinfelden

Kenianischer Medizinstudent in der Schweiz: «Ich muss meiner Familie helfen»

Sora Samuel Mudha absolvierte im Praktikum auch einen Vormittag in der Radiologie. An einem Computertomographen wird er in Kenia kaum arbeiten. Es gibt nur drei. mf

Sora Samuel Mudha absolvierte im Praktikum auch einen Vormittag in der Radiologie. An einem Computertomographen wird er in Kenia kaum arbeiten. Es gibt nur drei. mf

Sora Samuel Mudha studiert in Kenia Medizin und absolviert im Gesundheitszentrum ein Praktikum. In seinem Land gibt es nicht einmal in jedem Spital einen Röntgenapparat.

«Bei uns gibt es Computertomographen nur in den drei grossen Ausbildungsspitälern», sagt Sora Samuel Mudha, «im Spital im Turkana County gibt es nicht einmal Röntgenapparate.» Er erzählt dies im radiologischen Institut des Gesundheitszentrums Fricktal (GZF). Hier absolviert der 23-jährige Medizinstudent in dieser Woche ein Praktikum.

Er arbeitete einen Tag in der Notfallaufnahme mit, war mit dem Rettungsdienst unterwegs, hatte Einblicke in den Operationssaal und gestern stand eben Röntgen auf dem Programm. «Ich habe schon viel gelernt», sagt er und schwärmt von den Verhältnissen in der Schweiz. «In Kenia sind die Spitäler immer überfüllt, hier in Rheinfelden ist alles sauber und die Ärzte können sich für ihre Patienten Zeit nehmen.»

Aus Zufall in die Schule

Sora Samuel Mudha stammt aus dem Turkana County, einem Verwaltungsbezirk im Norden Kenias, an der Grenze zum Südsudan und zu Äthiopien. Auf rund 140 000 Einwohner gibt es derzeit gerade einmal vier Ärzte und zwei Medizinstudenten. «Ich wollte unbedingt Medizin studieren. Ich muss dorthin zurück und meiner Familie und meiner Gemeinschaft helfen», sagt Mudha. Müssen? «Ja, etwas in meinem Innern treibt mich an. Am liebsten möchte ich mich als Kinderarzt spezialisieren und mich für die Kinder und Jugendlichen vor Ort einsetzen.»

Diese leiden an Malaria, Hepatitis oder gar Cholera. Vor allem aber unter den Folgen von schlechter oder ungenügender Ernährung und Wassermangel. Das Turkana County ist eine karge Gegend. «Es gibt keine Möglichkeit, Getreide oder Gemüse anzubauen», sagt Mudha. Aufgewachsen ist er in einer Nomadenfamilie, gemeinsam mit vier Geschwistern. «Wir zogen mit unserem Vieh umher», erzählt er. «Mit Ziegen, Schafen, Kamelen und Zebus.»

Der junge Mediziner spürt aber auch die Erwartungen seiner Familie und seines Dorfes. Denn Schulbildung ist im Turkana County nicht üblich. Viele Menschen können weder lesen noch schreiben. «In unserer Familie bin ich der erste, der zur Schule durfte», so Sora Samuel Mudha. Weshalb gerade er, der Viertgeborene? «Aus Zufall», antwortet er. Die Regierung wähle alljährlich ein Kind pro Familie aus dem Dorf aus, das die Primarschule besuchen dürfe. «Die Wahl fiel eigentlich auf meinen Bruder. Doch ihm gefiel die Schule nicht. Irgendwann durfte ich ihn ersetzen.» Der Zufall erwies sich als Glücksfall. Mudha erwies sich als begabt und fleissig. Er gehörte landesweit zu den leistungsstärksten Schülern in der Grundschule.

Aberglaube und Zauber

Dank der guten Noten machte ihn ein Lehrer auf das Angebot der Organisation Aiducation International (vgl. Box) aufmerksam. «Ich habe mich um ein Stipendium beworben und schliesslich ab der zweiten Klasse der Highschool eines bekommen», sagt Sora Samuel Mudha, und betont, wie dankbar er für diese Chance sei. Auch in der Oberstufe gehörte er zum besten Prozent der Absolventen – und erhielt schliesslich ein Stipendium vom Staat fürs Medizinstudium.

Mittlerweile ist er im vierten Jahr und verliess nun für sein Praktikum in Rheinfelden erstmals Kenia. Heute endet es bereits, doch es bleiben noch einige Tage in der Schweiz – «sogar etwas Sightseeing sollte noch drinliegen», sagt Mudha mit einem Schmunzeln. Danach gilt es, zurück in Kenia das Studium abzuschliessen und die Menschen von der Medizin als Wissenschaft zu überzeugen. «Gerade in ländlichen Gebieten herrschen immer noch oft Aberglaube und der Glaube an Zauber», sagt er.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1