Fricktal
Kein Witz: Er heiratet schon bald zum 1000. Mal

Adrian Keller hat so viele Hochzeiten erlebt wie kaum ein anderer. Der Zivilstandsbeamte führt heute in einer Woche in Rheinfelden seine 1000. Trauung durch. An seine erste Trauung mag er sich gut erinnern - und seine persönliche ebenso.

Thomas Wehrli
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Adrian Keller, 48, verheiratet, kinderlos, aufgestellt, die Ruhe in Person, den Schalk in den Augen.

Adrian Keller, 48, verheiratet, kinderlos, aufgestellt, die Ruhe in Person, den Schalk in den Augen.

AZ

«Ja, ich will!» Diesen Satz bekommt Adrian Keller am kommenden Freitag zum 1000. Mal zu hören und dies, wie stets, im Doppelpack: Der Leiter des Regionalen Zivilstandsamtes führt seine eintausendste Trauung durch. «Ich freue mich darauf», sagt er.

Die Freude trüben könnten nur mehr zwei Begebenheiten: Erstens, dass das Paar die Hochzeit noch kurzfristig absagt. Zweitens, dass ein Partner bei der Trauung Nein sagt. Ersteres kommt laut Keller «immer wieder mal vor», manchmal auch wenige Tage vor der Hochzeit. Sei es, weil sich ein Todesfall in der Familie ereignet, sei es, weil sich das Paar trennt (die Reservation kann ein Jahr im Voraus gemacht werden), sei es, dass einer der beiden kalte Füsse bekommt. «Besser so, als eine Minute nach dem Ja.»

Ein Nein hingegen ist Keller noch nie untergekommen. «Da wäre ich im ersten Moment sicher paff.» Schweizweit gebe es im Jahr «einige wenige Fälle», weiss er aus Gesprächen mit anderen Zivilstandsbeamten. Diese haben festgestellt: Das Nein der Frauen kommt, so es kommt, immer aus Überzeugung.

Schlechter Jux

Manch ein Mann dagegen sagt auch aus Jux oder aus einer Wette heraus: nein. «Ein gefährliches Spiel», warnt Keller. «Denn das kann zum Abbruch der Trauung führen.» Er selber würde im Falle eines Neins den Nicht-mehr-Wollenden auf die Ernsthaftigkeit der Situation hinweisen und ein zweites Mal fragen.

Gefragt, ob ein Paar wirklich zusammenpasst, hat sich Keller «schon das eine oder andere Mal». Sich gefragt, ob da alles mit rechten Dingen zugeht, ebenso. Hat er «einen Grundverdacht», dass es sich um eine Scheinehe handeln könnte, ist er von Amtes wegen verpflichtet, bei anderen Amtsstellen Abklärungen zu treffen. Erhärtet sich der Verdacht, wird das Paar getrennt befragt. «Stimmen die Geschichten nicht überein, kann ich verfügen, nicht auf das Gesuch auf die Vorbereitung der Eheschliessung einzutreten.» Ein ungutes Gefühl im Bauch hat Keller bei rund fünf Prozent seiner Kunden.

Auf dem WC eingeschlossen

An seine erste Trauung erinnert sich Keller noch bestens. Er arbeitete damals in Oftringen und war «hypernervös». Er lacht. «Ich wurde erst etwas ruhiger, als ich erfuhr, dass der Bräutigam noch aufgeregter war als ich – und sich vor der Trauung eine halbe Stunde lang in der Toilette eingeschlossen hatte.» Er kam, dies sei nachgemerkt, noch rechtzeitig wieder heraus.

Fast die gleiche Nervosität packte Keller 2004 noch einmal, als er sich nach 17 Jahren Trauabstinenz (er arbeitete zwischenzeitlich auf der Einwohnerkontrolle in Rheinfelden) das erste Mal in Rheinfelden an die Trauformel traute.

Heute, nach 999 Trauungen, ist die Nervosität nicht mehr gross, ist vieles Alltag. Dennoch erlebt Keller jede Trauung als einzigartig. «Ich kann von Berufes wegen an einem der schönsten Momente im Leben eines Menschen teilhaben. Was will man mehr?»

Als Hochzeitspaar mag man ihm antworten: Einen Zivilstandsbeamten, der es versteht, den Moment aller Momente (zumindest für den Moment) würdevoll und mit einer Prise Humor zu gestalten.

Keller ist so ein Beamter, nein: so ein Mensch. Ihm, 48, verheiratet, kinderlos, aufgestellt, die Ruhe in Person, den Schalk in den Augen, ist es deshalb ganz wichtig, jeder Trauung eine persönliche Note zu geben.

Dafür nimmt er sich im Vorgespräch Zeit, notiert sich Anekdoten und Begebenheiten und lässt die eine oder andere Reminiszenz in die 20- bis 30-minütige Zeremonie einfliessen. «Es braucht nicht viel, um der Zeremonie einen persönlichen Touch zu geben», sagt Keller. Ist der Bräutigam beispielsweise Fussballer, nimmt Keller den Ball auf – und baut das runde Leder in seine Traurede ein.

Die Hochzeit gibt es für Keller nicht. «Jede Trauung ist einmalig und ist auf ihre Weise schön.» Stark beeindruckt hat ihn jene eines Berufsmusikers. Dieser schrieb für seine Frau einen Popsong. «Das tönte fantastisch.»

Tränen in den Augen

Besonders be- und gerührt ist Keller, wenn das Brautpaar Emotionen zeigt. «Dann kommt es schon vor, dass ich die eine oder andere Träne unterdrücken muss.» Gelingt dies nicht ganz, kramt er schnell ein Taschentuch hervor, wischt sich den Schweiss ab («ich schwitze sehr schnell») – und mit ihm die Tropfen in den Augen.

Da stellt sich die alte Frage: Wer ist näher am Wasser gebaut, der Mann oder die Frau? «Schon die Frauen», sagt Keller, «aber die Männer sind nicht viel weiter vom Wasser entfernt.»

1000 Trauungen. Das tönt nach Flashback wie im Film: «Und täglich grüsst das Murmeltier.» Keller lacht. «Mein Job beschränkt sich nicht auf die Trauungen. Als Zivilstandsbeamter begleite ich die Menschen von der Geburt bis zum Tod.»

Diese Breite macht für ihn, der die Geschichte liebt (und gerne in alte Register abtaucht), auch den Reiz seines Jobs aus. Mit dem Tod, ja, da habe er zu Beginn «schon seine Mühe gehabt», vor allem damit, die richtigen Worte zu finden.

Den Schmerz verstehen

Heute betrachtet er diesen Teil seines Jobs als «mindestens so dankbar» wie die Hochzeiten. Denn wenn die Leute spüren: Da ist einer, der ihnen zuhört, der ihren Schmerz versteht, der ihnen ruhig die nächsten Schritte erklärt, «dann sind sie oft dankbarer als die Brautpaare». Sich die Zeit zu nehmen, auch wenn anderes warten muss, ist Keller wichtig.

Wenn er spürt, dass er den Trauernden Kraft mit auf ihren Weg geben kann, «dann habe ich das Gefühl, meinen Job gut zu machen».

Leben und Tod. Hochzeit und Scheidung. Freud und Leid. Sie liegen nicht nur im Leben, sondern auch auf dem Zivilstandsamt nahe beisammen.

Dass heute mehr als 40 Prozent der Ehen wieder geschieden werden, sieht Keller als Zeiterscheinung. «Man lebt mehr im Augenblick als früher.» Dies akzeptiere die Gesellschaft heutzutage auch – anders als noch vor einer Generation, als eine Scheidung «pfui» war.

«Hui» oder besser: «Ja, ich will!», sagte Keller selber 2010 zu seiner Partnerin. «Es war schon speziell, zu erleben, wie nahe einem die Worte gehen, wenn man auf der anderen Seite des Tisches sitzt.» Die Feier habe ihn tief berührt. Taschentuch inklusive.