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(K)ein Grund zur Sorge: Brummt oder stottert der Pharmamotor?

Novartis hat im letzten Jahr den Abbau von 2150 Stellen angekündigt; 700 davon am Standort Stein (im Bild). Archiv

Novartis hat im letzten Jahr den Abbau von 2150 Stellen angekündigt; 700 davon am Standort Stein (im Bild). Archiv

Die Exporte der Pharmafirmen im Aargau brachen um 50 Prozent ein. Bereits im Jahr zuvor waren die Exporte um 21,8 Prozent gesunken. Muss das die Fricktaler beunruhigen? Die Antwort fällt differenziert aus.

Die Zahl lässt aufhorchen: Die Exporte der chemisch-pharmazeutischen Branche aus dem Aargau gingen im letzten Jahr nominal um 50,1 Prozent zurück; sie sind also regelrecht eingebrochen. Da schluckt manch ein Fricktaler leer, denn der Wirtschaftsmotor in der Region hängt stark von Pharmabenzin ab – manche sagen: Das Fricktal ist der Pharmabranche auf Gedeih und Verderben ausgeliefert.

Besteht also Grund zur Sorge? Die Antwort fällt differenziert aus.

1. Die Statistik hat Erklärungsbedarf. 

Nach wie vor ist die chemisch-pharmazeutische Industrie mit 38,6 Prozent die grösste Exportbranche im Aargau; es folgt mit 37,3 Prozent die Maschinen- und Elektroindustrie. Der Exporteinbruch ist, dies die gute Nachricht, auch nur zu einem kleinen Teil auf einen quantitativen Rückgang zurückzuführen. Christoph Vonwiller, Volkswirt bei Fahrländer Partner, nannte am Mittwoch bei der Vorstellung der Wirtschaftsumfrage 2019 der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK) vorab zwei zusammenhängende Gründe für die Hiobszahl. 

Erstens sind die Durchschnittspreise für exportierte Pharmaprodukte massiv gesunken. Lagen diese pro Kilogramm 2016 noch bei 56 Franken, sanken sie 2017 auf 40 und im letzten Jahr sogar auf 21 Franken. «Dies dürfte zum einen auf den starken internationalen Preisdruck zurückzuführen sein und zum anderen und wesentlichen Teil auf Änderungen in der Produktion», so Vonwiller. 

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Denn in der Aussenhandelsstatistik des Bundes – aus ihr stammen die von der AIHK präsentierten Zahlen – ist der Versandort massgebend. Vonwiller erklärt diesen zweiten Grund so: «Versendet beispielsweise eine Firma ihre Waren nicht mehr ab dem Produktionsstandort im Kanton Aargau, sondern neu von einem zentralen Lager im Kanton Basel-Stadt, so fallen diese Exporte für den Kanton Aargau – zumindest statistisch – weg.» 

Schweizweit gesehen ist, und das ist die gute Nachricht auch für die Werke im Fricktal, die Pharmabranche aber nach wie vor eine treibende Kraft: Die Exporte der chemisch-pharmazeutischen Industrie legten 2018 um 5,8 Prozent und damit sogar stärker als im Vorjahr zu. 

2. Die Selbsteinschätzung ist positiv. 

An der Wirtschaftsumfrage haben sich 527 Aargauer Firmen mit 40 996 Beschäftigten beteiligt. 15 Firmen mit 3306 Beschäftigten stammen aus dem Pharma- und Chemie-Bereich. Das sind zwar nur 2,8 Prozent der Firmen, sie beschäftigen aber 8,1 Prozent der Leute. Welche Firmen teilgenommen haben, sagt die AIHK nicht. 

Insgesamt sprechen die Firmen von einem guten Geschäftsjahr und rechnen für 2019 mit einem befriedigenden bis mehrheitlich guten Jahr. Auffallend dabei: Die Pharmaindustrie weist unter den produzierenden Branchen den höchsten positiven Wert auf, hat also die höchsten Erwartungen an das Geschäftsjahr 2019. «Die gute Stimmung in der Pharmabranche ist auch in der diesjährigen Wirtschaftsumfrage augenfällig», schreibt Vonwiller. 

Der Geschäftsgang wird dabei von den Pharmafirmen sowohl im Rück- wie auch im Ausblick als gut bewertet. Beim Gesamtumsatz rechnet die Mehrheit der teilnehmenden Firmen mit gleichbleibenden und bis steigenden Zahlen. «Impulse werden dabei vorwiegend von der ausländischen Nachfrage erwartet, während im Inland von einer insgesamt stabilen Auftragslage ausgegangen wird», so Vonwiller. Dementsprechend reiche auch die Einschätzung zur nominalen Entwicklung der Exporte von mehrheitlich gleichbleibend bis teilweise steigend. Allerdings: Die Einschätzungen fallen «deutlich weniger optimistisch» aus als noch in der letztjährigen Umfrage. 

In der Selbsteinschätzung erwarten die Firmen der Pharmabranche dennoch die grösste Ertragssteigerung aller Branchen. Die chemische Industrie kommt in dieser Frage hinter dem Detailhandel auf Rang 3. 

3. Treibender Motor ist der Export. 

Die Pharmabranche hängt, stärker als viele andere Bereiche, von der Entwicklung der Exporte ab. «Traditionellerweise werden mehr als 98 Prozent der Schweizer Pharmaprodukte exportiert», so Vonwiller. Bei den befragten Aargauer Unternehmen lag dieser Teil bei 97 Prozent und somit nur geringfügig unter dem gesamtschweizerischen Wert. 

4. Investitionen sind rückläufig.

Die Pharmabranche ist hoch spezialisiert und lebt von der Innovation. Dies zieht hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung nach sich. Diese haben die grossen Player, allen voran Novartis und Roche, in den letzten Jahren auch im Fricktal getätigt. Novartis hat 2012 500 Millionen Franken in den Ausbau des Werkes in Stein investiert, Roche hat in Kaiseraugst ein neues IT-Zentrum für fast eine Milliarde hingestellt. Die Firmen haben damit «ein Bekenntnis zum forschungsorientierten Life-Science-Standort Fricktal abgegeben», hält Vonwiller fest. Allerdings, und dies ist der eine Schatten über dieser Entwicklung: «Gemäss Rückmeldungen aus den teilnehmenden Unternehmen hat sich diese Investitionstätigkeit im vergangenen Jahr jedoch rückläufig entwickelt», hält Vonwiller fest. Und auch im laufenden Jahr werde auf Aargauer Boden nicht mit höheren Investitionen gerechnet. 

5. Stellenabbau dämpft Erwartungen. 

Der zweite Schatten über der Pharmabranche in der Region ist ein massiver Stellenabbau. Dieser steht auch im Kontrast mit der allgemeinen Entwicklung in der Branche. Zwar rechnen die Pharmaunternehmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, nicht mit einem grossen Stellenaufbau – aber eben auch nicht mit einem -abbau; die Vollzeitstellen haben im letzten Jahr um 0,3 Prozent zugenommen. Zum Vergleich: Über alle Branchen lag die Zunahme bei 0,78 Prozent. 

Im Kontrast dazu hat Roche 2017 rund 235 Stellen in der Verpackung am Standort Kaiseraugst gestrichen. Vonwiller spricht von «einem Kahlschlag». Und im letzten Jahr hat Novartis angekündigt, dass schweizweit 2150 Arbeitsplätze abgebaut werden, rund 700 davon in Stein. Zwar werden hier gleichzeitig bis zu 450 Stellen im Bereich neuartiger Therapien geschaffen. «In der Nettobetrachtung entspricht dies noch immer einem Stellenabbau. Und dies obwohl die Pharmaindustrie auf überaus gute Jahre zurückblicken darf», sagt Vonwiller. 

6. Entwicklung im Auge behalten. 

Gesamthaft geht es der Pharmaindustrie im Aargau und im Fricktal nach wie vor gut. Sie rechnet mit steigenden Exporten und verbesserter Ertragslage. Die mittelfristige Entwicklung gilt es, gerade aus regionaler Optik, dennoch im Auge zu behalten. Denn das Fricktal hängt nicht unwesentlich am Pharmatropf. Hustet die Pharma, hustet das Fricktal mit. 

Zwei Sachen sind für die Zukunft wichtig: Erstens eine Diversifizierung; diese ist nicht leicht hinzubekommen, keine Frage. Aber sie könnte das Klumpenrisiko abfedern. Hier ist nicht zuletzt der Planungsverband Fricktal Regio gefragt. Zweitens gilt es, das Sisslerfeld (endlich) weiterzuentwickeln. Denn eine Cluster-Bildung im Life-Sciences-Bereich, wie sie angedacht ist, birgt eben nicht nur ein Klumpenrisiko, sondern stellt gleichzeitig auch eine Chance dar, dass der Bereich so stark wird, dass er eine Eigendynamik entwickelt und eine Abwanderung eines Players weniger wahrscheinlich werden lässt. Denn eines ist sicher: Der Pharmabereich wird weiter wachsen. Weil es mehr Menschen gibt, weil sie älter werden – und weil sie höhere Life-(Sciences-)Ansprüche haben. Nicht nur im Fricktal. Aber vom Fricktal aus.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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