Vor bald 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, einem Mittwoch, hämmerte Martin Luther seine 95 Thesen zum Ablasswesen an das Portal der Schlosskirche in Wittenberg – und setzte damit eine innerkirchliche Reformbewegung in Gang, die schlussendlich zur Spaltung des Christentums führte. Ob der Thesenanschlag tatsächlich so erfolgte, ist umstritten; die Auswirkungen von Luthers, Zwinglis und Calvins Wirken sind heute gelebter Alltag.

Im Fricktal, knapp 600 Kilometer Luftlinie entfernt, war im Oktober 1517 die kirchliche Welt noch in Ordnung, sprich: Man war auf die Kirche in Rom fokussiert. Daran sollte sich im 16. und 17. Jahrhundert auch wenig ändern. «Die Habsburger setzten alles daran, dass ihr Herrschaftsgebiet beim alten Glauben blieb», sagt Historiker Linus Hüsser. Das Fricktal sei denn «auch nie auf der Kippe gestanden», so Hüsser. Im Gegenteil: Die beiden Waldstädte Laufenburg und Bad Säckingen wurden von der österreichischen Regierung für ihre Glaubens- und Reichstreue gelobt.

Mehr Kopfzerbrechen bereitete den Habsburgern die dritte Waldstadt, Rheinfelden. Wie vielerorts, wo die Reformation auf fruchtbaren Boden stiess, waren es Einzelpersonen, welche die Saat streuten. Im Fall von Rheinfelden waren es der Chorherr Johann Waldenberger und der Prediger Johannes Eberlin von Günzburg, die mit ihren reformatorischen Gedanken einen Teil der Rats- und Chorherren hinter sich scharren konnten. Rheinfelden war somit die grösste Reformationszelle im Fricktal, der Hotspot, wenn man so will. Durchsetzen konnte sich die Reformation damals aber auch in Rheinfelden nicht.

Dafür kam auf eidgenössischer Seite Bewegung in die kirchlichen Strukturen. Basel und Bern wurden reformiert. Das Fricktal war somit Ende der 1520er-Jahre nicht mehr nur Staats-, sondern auch Konfessionsgrenze. Hornussen war katholisch, Bözen reformiert; Hottwil war reformiert, Wil katholisch. Das führte mitunter zu speziellen Konstellationen und Vorkommnissen. So wurde ein reformierter Pfarrer von der Berner Regierung gerüffelt, weil er sich erdreistete, noch gute Kontakte zur Pfarrei Herznach zu unterhalten.

Schleichwege nach Herznach

Und längst nicht allen Seelen passte die aufgezwungene religiöse Neuorientierung. Die Gläubigen aus Asp beispielsweise, die vor der Glaubenspaltung in Herznach zur Kirche gingen, weigerten sich, wie von Bern verordnet, in Bözen die Gottesdienste zu besuchen. «Sie sympathisierten weiter mit der katholischen Kirche», erzählt Hüsser. Deshalb schlichen sie des Sonntags durch die Wälder – und setzten sich in die Herznacher Kirchenbänke. Die Regierung kam ihnen auf die Schliche und verbot das interkonfessionelle Treiben. Beim letzten heimlichen Marsch, so erzählt die Legende, meisselten die «Wallfahrer» ein kleines Kreuz in einen Stein im Wald. Das Relikt heisst seither der «Asperstein».

Auch in den Kirchen rund um das Fricktal kam es zu Bilderstürmen. Die Pietà – ein Bildnis von Maria mit dem Leichnam Jesu – in der Kirche von Mandach brachten einige Gläubige, so erzählt es die Legende, gerade noch rechtzeitig nach Wil in Sicherheit. Heute schmückt sie die Wendelinskapelle in Wil.

«Die unterschiedlichen Konfessionen verstärkten die Distanz zwischen den katholischen Fricktalern und den reformierten Bewohnern in den umliegenden Gemeinden», sagt Hüsser. Das manifestierte sich im Kulturgut ebenso wie im Brauchtum; die Fasnacht beispielsweise war auf reformiertem Boden lange verpönt. «Den Bözern war es zudem verboten, die Chilbi in Hornussen zu besuchen», sagt Hüsser. Wer sich nicht daran hielt – und das waren einige –, musste vor dem Sittengericht vortraben.

Als Konfessionsgrenzregion versuchten die Fricktaler natürlich auch, daraus Profit zu schlagen. So schrieben die Fricker, als vor gut 300 Jahren ein Neubau der Kirche anstand, dem Bischof, es wäre ein mächtiges Zeichen, wenn man hier, im Grenzland, eine prunkvolle Kirche hinstellen würde, die im Kontrast zu den nüchternen reformierten Bauten steht. Die Kirche kam, im üppigem Barock.

Längst ist diese Ausschliesslichkeit einem Neben- und zum Teil auch Miteinander der Konfessionen gewichen. Im 19. Jahrhundert brachten auswärtige Arbeitskräfte aus Basel ihren reformierten Glauben mit. Es entstanden reformierte Genossenschaften und Kirchgemeinden, die erste in Rheinfelden, wo die Reformierten ab 1854 eine Kapelle mieteten. Die erste Kirche wurde 1895 eingeweiht. Heute leben mehr Reformierte als Katholiken in den untersten Gemeinden im Fricktal.

Im oberen Fricktal setzte die religiöse Durchmischung wenige Jahre später ein. Hier waren es vorab Berner Bauern, die den Fricktalern ihre Höfe abkauften und zuzogen. Dass es damals schon ein Miteinander gab, zeigt eine kleine Begebenheit: Der katholische Fricker Pfarrer stellte ein Pult aus seiner Sakristei als Kanzel für die reformierten Gottesdienste zur Verfügung.