Er wirkt müde, der Kaspar Lüscher, an diesem Montagmorgen, kurz nach 8 Uhr. Und das ist gut so.

Denn seine Müdigkeit ist Spiegelbild des Weges, den der Autor und Schauspieler mit seinem neuen Stück, Karl mit Hund, bereits zurückgelegt hat. Es ist Indiz des Einswerdens von Kaspar mit Karl, ist Zeichen des Transformationsprozesses vom Autor des Stückes zu seinem Darsteller.

Die Korrelation verhält sich dabei fast umgekehrt proportional: Je erschöpfter Lüscher ist, desto weiter fortgeschritten ist die Transformation, desto näher ist jener Moment des Öffentlichwerdens.

Er muss gehörig erschöpft sein, denn die Premiere ist am kommenden Samstag im Kornhauskeller in Frick. «Langsam sehe ich wieder Land», sagt er, wie wir uns in der Küche seines Hauses in Gipf-Oberfrick über die zwei Protagonisten unterhalten, den Kaspar und den Karl. Und natürlich den Hund.

Er sitzt da, der Kaspar, das Smartphone neben sich, einen dicken Pullover übergezogen, ein Lächeln im Gesicht. Der Schlaf habe in letzter Zeit schon gelitten, räumt er ein, weil es ein Weg sei vom Text zur Stimme, vom Blatt auf die Bühne, «weil das ganze Ich gefordert ist, sich quasi im Stück auflösen muss».

Das Stück. Es handelt von Karl, einem Mann, der eigentlich sein Leben lang anständig war, dann aber gleichwohl Mist baut und im Gefängnis landet. Es erzählt von einem Mann, der nicht nur Täter ist, sondern auch Opfer, der, aus dem Knast entlassen, versucht, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Karl steht an sich selber an, scheitert an seinem Unvermögen, mit der Situation umzugehen. Er ist zwar raus aus dem Knast, aber er ist nicht frei. Der einzige, der bedingungslos zu ihm hält, ist sein Hund.

Inspiriert von Georges Simenon

Inspiriert zum neuen Solo-Stück hat Lüscher ein Roman von Georges Simenon, «einem Meister», wie er sagt, den er immer wieder gerne liest. Die Handlung hat er von Paris nach Bern verlegt, den Stoff adaptiert und in ein Mundartstück transformiert. Gereizt hat ihn, wie Simenon, ein Stück zu schreiben, das mehrschichtig ist, dass sich, wie eine Zwiebel schälen lässt, und so seinen Kern erst mit der Zeit offenbart.

Und gereizt hat ihn das Duett, Mensch mit Hund, das auf der Bühne zwar ein Imaginäres bleibt, aber dennoch eine entscheidende Dimension ins Stück bringt.

In der Lüscher’schen Küche findet sich vieles, auch ein Katzenfutter-Schälchen. Ein Hundenapf jedoch fehlt. Kaspar Lüscher lehnt sich auf dem Holzstuhl zurück, streicht mit der Hand durch seine kräftigen Haare. Als Kind habe er sich einen Hund gewünscht, erzählt er. Kräftig sollte dieser sein, gehörig Eindruck schinden, eine Dogge oder ein Schäferhund eben. Bekommen hat er einen Rauhaardackel. Er lacht. «Bis heute springt zwischen mir und jedem Rauhaardackel, den ich antreffe, sofort der Funken.» Selber wieder einen Hund zu haben, «nein», sagt er, schüttelt den Kopf, «das käme nicht gut. Dann gäbe es nur noch mich und den Hund.»

Vom Autor zum Darsteller

Nun gibt es eben Karl und den Hund. Eine grosse Herausforderung ist der Rollenwechsel – nicht in den Hund, natürlich, sondern vom Autor des Stückes in seinen Darsteller. «Wenn man sich ein Stück anschaut, so entstehen Bilder in einem, die tragen», sagt er. «Diese Bilder decken sich nicht mit dem, was sich auf der Bühne abspielt.» Ähnlich sei es zwischen Autor und Darsteller. «Als Autor habe ich innere Bilder. Als Schauspieler muss ich diese verlassen.»

Diese Transformation kann nur gelingen, wenn ein Team da ist, das den Weg begleitet. Im Fall von «Karl mit Hund» übernehmen diese Begleitung, die mehr eine Hinführung ist, Regisseur Raphael Bachmann und Regieassistentin Mia Lüscher.

Es ist das erste Mal, dass Kaspar Lüscher in einer Produktion mit seiner Tochter zusammenarbeitet. Mia Lüscher, 24, hat vor kurzem ihre Schauspielausbildung in Freiburg i. Br. beendet. «Sie bringt sich stark ein», so ihr Vater. Es sei wunderbar, wenn man als Vater mit seiner Tochter zusammenarbeiten könne, sagt er, wissend, dass das Funktionieren einer solchen Vater-Tochter-Kooperation, die zur gegenseitigen Inspiration wird, nein: werden muss, nicht selbstverständlich ist. «Wir erleben uns gegenseitig in neuen Rollen», sagt Lüscher.

Dass die berufliche Kooperation bei den beiden funktioniert, hängt stark mit der Art und Weise zusammen, wie er und seine Frau, Verena Buol, sich als Familie verstehen, wie sie miteinander und untereinander umgehen. Es ist zum einen ein Sich-gegenseitig-Ernstnehmen, zum anderen ein Im-Diskurs-Sein.

Die gegenseitige Vertrautheit, das Wissen darum, wie der andere tickt, wie er denkt und fühlt, kann dabei durchaus hilfreich sein, den Charakter der Figur noch etwas tiefer gründen zu lassen. Oder besser gesagt: die Charaktere, denn Karl verändert sich im Laufe der Geschichte, offenbart dem Zuseher neue Dimensionen seines Ich.

Es ist viel Text, den Lüscher beherrschen muss. 70 Minuten Text, um genau zu sein. Wie macht er das? Er habe noch nie mit einer Souffleuse gearbeitet, sagt er, das sei nicht sein Ding. Es sei eine besondere Form des Auswendiglernens. «Die Situation muss derart präzise in meinem Kopf sein, dass nur der eine Text kommen kann.»

Kaspar Lüscher verstummt, überlegt kurz. Draussen tuckert ein Auto vorbei und der Blick durch das Küchenfenster auf das Dorf offenbart erstmals in diesem Jahr, dass der Herbst naht. Es sei wie bei einem Musikstück, fährt Lüscher fort. «Zuerst hört man das Stück, dann nähert man sich ihm und schliesslich eignet man es sich an.»

Neue Bilder entstehen

Wie bei der Musik Ton für Ton zusammenkommen, sich ineinanderfügen zu einem Stück, zu einem Ganzen, Moll oder Dur, so setzt Lüscher in den Proben Szene für Szene, Bild für Bild, Karl für Karl zusammen. Der schönste Moment, so Lüscher, sei jener, wenn in den Proben Bilder entstehen, wenn er sich selber Türen zu neuen Räumen öffnen könne, wenn ein Satz, ein Wort eine neue Dimension erhalte.

Er wirkt müde, der Kaspar Lüscher, wie er am Küchentisch von Karl und Kaspar erzählt. Und gleichzeitig hellwach. Das sei auch bei den Proben so. «Sobald ich im Stück bin, ist die Erschöpfung wie weggeblasen.» Ist Kaspar der Karl. Und Karl der Kaspar.

Kaspar Lüscher, Karl mit Hund, Kornhauskeller, 20.15 Uhr: 16. September (Premiere) sowie 18. bis 20. September.