Regierungsrat Markus Dieth sprach von einem Jahrhundertfrost. Von Schäden in einem Ausmass, wie sie die Aargauer Landwirtschaft noch nie erlebt habe. Nach den beiden Frostnächten vom 19. bis 21. April mussten viele Landwirte mit einem Totalausfall in ihren Obstkulturen und Rebbergen rechnen. Nun, gut vier Monate später, zeigt sich das tatsächliche Ausmass.

«Wir haben in allen Bereichen des Obstbaus Schäden zu verzeichnen», sagt etwa Bruno Wirth, Betriebsleiter auf dem Hirsackerhof in Olsberg. 50 bis 60 Prozent beträgt der Ernteausfall bei den Kirschen, 75 Prozent bei den Zwetschgen, gar 100 Prozent bei den Aprikosen. Bei den Äpfeln, die derzeit geerntet werden, sind 85 bis 90 Prozent erfroren. Und auch für die anstehende Traubenlese macht Wirth eine düstere Prognose. Er erwartet einen Ausfall von mindestens 80 Prozent.

Kanton erwartet weitere Gesuche

Wie Bruno Wirth erging es auch anderen Obst- und Rebbauern im Fricktal. «Besonders beim Steinobst sind die Schäden gross. Hier gab es mehrere Totalausfälle», sagt Obstbau-Spezialist Daniel Schnegg vom Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg. Aber auch beim Kernobst sei der grösste Teil erfroren.

Aargauer Weinbauern kämpften mit Frostschutzkerzen gegen Schäden an ihren Reben:

Den betroffenen Betrieben hat der Kanton Hilfe angeboten. Als finanzielle Sofortmassnahme gewährt er zinslose Überbrückungskredite. Gemäss Roland Hofer, Sprecher des Departements Finanzen und Ressourcen, sind inzwischen drei Kreditgesuche eingegangen. Allesamt stammen sie aus dem Fricktal, zwei von Rebbauern, eines von einem Steinobstbauern. Der Kanton rechnet mit weiteren Gesuchen. «Dies insbesondere von Rebbauern, deren finanzielle Ausfälle erst im kommenden Jahr spürbar werden», sagt Hofer.

«Kantonale Hilfe ist ein Risiko»

Die Gesuche werden von der Aargauischen Landwirtschaftlichen Kreditkasse geprüft. Sie entscheidet aufgrund diverser Kriterien, wer Geld erhält. Zehn Jahre haben die Bauern dann Zeit, um die Kredite zurückzubezahlen. Mit dieser Idee stösst der Kanton allerdings auch auf Kritik. «Die Hilfe des Kantons ist nur eine Problemverlagerung», sagt etwa Marcel Weiss, Präsident der Sektion Laufenburg beim Verband Aargauer Obst. «Für die Betriebe bedeuten die Kredite ein Risiko.» Schliesslich belaste die Rückzahlung das Budget. Ein weiteres schlechtes Jahr wäre dann umso schwieriger zu überstehen. Weiss geht deshalb davon aus, dass «nur Betriebe, deren Existenz durch die Schäden unmittelbar bedroht ist, einen Antrag für einen Kredit stellen».

Aargauer Weinbauern kämpfen mit Frostschutzkerzen gegen Schäden an ihren Reben

Aargauer Weinbauern kämpfen mit Frostschutzkerzen gegen Schäden an ihren Reben

April 2017

Begrüsst hätte Weiss finanzielle Hilfe ohne Rückzahlung. Tatsächlich laufen derzeit die Abklärungen für Beiträge durch die Stiftung «Fonds Suisse». Diese müssen die Landwirte nicht zurückzahlen. Allerdings werden nur Härtefälle berücksichtigt.

Für Bruno Wirth aus Olsberg war ein Überbrückungskredit kein Thema. «Einerseits, weil wir andere Betriebszweige haben, die einen Teil der Ausfälle kompensieren. Andererseits, weil wir über gewisse Reserven verfügen», so Wirth. «Unter anderen Umständen hätten wir uns überlegen müssen, einen Kredit zu beantragen.»