Gipf-Oberfrick
Kann mit Dr. Internet jeder Arzt sein? Das sagt Noch-Hausarzt Pius Blum

Pius Blum geht nach 30 Jahren als Hausarzt in Pension. In drei Jahrzehnten hat sich viel verändert in der Medizin – die Ansprüche, die Pillen, die Methoden. Ein Rückblick in 15 Schritten.

Thomas Wehrli
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«Vertrauensverhältnis ist das A und O»: Pius Blum in seiner Praxis.

«Vertrauensverhältnis ist das A und O»: Pius Blum in seiner Praxis.

Thomas Wehrli

Vor 30 Jahren eröffnete Pius Blum seine Arztpraxis in Gipf-Oberfrick. Ende Monat geht der 65-Jährige nun in «Teilpension»: Blum beendet zwar seine Arbeit als Schulmediziner, ist aber weiterhin als Naturarzt tätig. Über der Gärtnerei Moser in Frick behandelt er seine Patienten ab Juli mit Akupunktur, Chinesischer Medizin und Bachblüten. Die Allgemeinpraxis in Gipf-Oberfrick übernimmt Denise Martin; die 43-jährige Ärztin ist vom Gesundheitszentrum Fricktal angestellt, führt die Praxis aber medizinisch selbstständig (die az berichtete).

30 Jahre. Sie stehen für Veränderung in der Medizin wie im Alltag. Sie stehen für neue Ansprüche und alte Begehrlichkeiten. Sie stehen für alte Pillen und neue Methoden. Und sie stehen für die Schwierigkeit, einen Nachfolger zu finden. Ein Rückblick in 15 Fragen.

Pius Blum und die Nadeln

Pius Blum, 65, wuchs in Pfaffnau LU auf, studierte in Freiburg und Basel Medizin und arbeitete nach dem Staatsexamen fünf Jahre lang als Assistenzarzt, unter anderem am Spital in Laufenburg. 1985 eröffnete er in Gipf-Oberfrick eine Arztpraxis und liess sich mit seiner Familie im Dorf nieder.

1989 nahm Blum aus persönlichem Interesse an einem Einführungskurs für Akupunktur teil. «Eigentlich hatte ich nicht vor, Leute mit Nadeln zu plagen», blickt er zurück. «Aber die Methode faszinierte mich derart, dass ich sofort eine Ausbildung begann.»

Später kamen chinesische Kräuter und Bachblüten hinzu. Blum weiss, dass die Methoden nicht unumstritten sind. Er sagt: «Wenn man mit diesen Methoden arbeitet und sieht, dass sich der Zustand bessert – dann ist das für mich Beweis genug.» Als Vorteil empfindet Blum, dass er einen schulmedizinischen Rucksack hat. «Das erleichtert die Arbeit und hilft, besser abzuschätzen, wo man mit alternativen Methoden Erfolg haben kann und wo die Schulmedizin ran muss.»

Gute Erfahrungen mit der Traditionellen chinesischen Medizin hat Blum insbesondere auch bei psychischen Erkrankungen gemacht. Blum ist verheiratet, Vater von drei erwachsenen Töchtern und zweifacher Grossvater. (twe)

1 Wie schwer ist es, einen Nachfolger für eine Arztpraxis zu finden?

Sehr schwer. Als Faustregel gilt: Je ländlicher die Region, desto länger dauert es. Gipf-Oberfrick ist, für fricktalische Verhältnisse, fast schon «urban». Die Gemeinde wächst, hat ein gesundes Steuersubstrat, lockt viele finanzstarke Familien an und verfügt über eine einzige Arztpraxis. Bei aktuell gut 3500 Einwohnern ein Paradies für Ärzte – könnte man meinen. Doch auch Blum und das Gesundheitszentrum, das die Praxis übernimmt, brauchten insgesamt drei Jahre, um eine Nachfolgerin zu finden. «Ich dachte nicht, dass es so schwierig sein würde.»

2 Weshalb finden sich kaum Hausärzte?

Eine Ursache ortet Blum im Landfaktor, eine zweite in den finanziellen Perspektiven («ein Spezialarzt kann ein Vielfaches verdienen»), einen dritten in den oft langen Arbeitstagen. «Acht-Stunden-Tage gibt es bei uns nicht, man muss auch abends oder nachts ausrücken.»

3 Gibt es im Fricktal auch in 20 Jahren noch genügend Hausärzte?

Blum wagt keine Prognose. Klar ist für ihn: «Wenn man am Hausarztmodell festhalten will, muss einem die momentane Entwicklung grosse Sorgen machen.» Blum kann sich aber auch vorstellen, dass sich ein neues System auch auf dem Land etablieren wird: Ärztezentren in den grösseren Gemeinden. «Betriebswirtschaftlich macht dies durchaus Sinn», ist Blum überzeugt. «Die Leidtragenden wären die Randregionen.»

4 Heute wird man als Hausarzt mit Handkuss aufgenommen. War das früher auch so?

Nein, sagt Blum. «Die anderen Ärzte hatten Angst, dass man ihnen Arbeit wegnimmt.» Der Widerstand der Ärzte war auch mit ein Grund, dass Blum sein ursprüngliches Projekt – eine Gemeinschaftspraxis im Schwarzbubenland – aufgab. Er arbeitete damals als junger Assistenzarzt am Spital in Laufenburg. Bei einem Spaziergang in Gipf-Oberfrick hörte er vom Neubau mitten im Dorf – und vom Wunsch, dass dort neben Volg und Post auch ein Arzt einzieht. Blum stieg ein und eröffnete im August 1985 seine Praxis.

5 Geht heute eine neue Praxis auf, wird sie von Patienten überrannt. Was das vor 30 Jahren auch so?

Pius Blum lacht. «Meine grosse Angst vor der Eröffnung war: Was, wenn so viele kommen, dass ich den Ansturm nicht meistere?» Die Befürchtung war umsonst, denn fast zur gleichen Zeit wurden in Frick neue Praxen eröffnet. Der Aufbau des Patientenstamms dauerte so mehrere Jahre – sicher auch, weil er ein «Fremder» war: Blum zog kurz vor der Praxiseröffnung mit seiner Familie aus Laufenburg zu. «Es war für uns nicht einfach, uns im Dorf einzuleben, da wir niemanden kannten», blickt er zurück. Dank den drei Kindern ergaben sich aber bald erste Kontakte – und Freundschaften.

6 Ein guter Hausarzt ist rund um die Uhr für die Patienten da. Stimmts?

Nein, sagt Blum bestimmt. «Ich hatte nie vor, etwas zu versprechen, das ich nicht halten konnte. Deshalb schrieb ich auch nie ins Telefonbuch: ‹Notfälle jederzeit›.» Ein Arzt sei viel für seine Patienten da, aber auch er brauche Frei- und Erholungsräume. In den ersten 18 Jahren liess Blum indes sein Praxistelefon unter der Woche 24 Stunden offen. «Das war mir aber auf Dauer zu belastend und so kam nachts der Telefonbeantworter zum Einsatz.» Schliesslich sei der Notfalldienst ja gut geregelt.

7 Kann man sich als Arzt immer abgrenzen?

Nein, sagt Blum. Vor allem in den ersten fünf Jahren, als er mit seiner Familie gleich über der Praxis wohnte, kamen viele Patienten «spontan» vorbei und klingelten auch zu Un- und Nachtzeiten. «Die Familie war froh, als wir in ein anderes Haus im Dorf zogen.»

8 Ist der Notfalldienst eine grosse Belastung?

«Aber sicher», sagt Blum. Zwar sei der Notfalldienst für die Ärzte in den letzten Jahren deutlich «erträglicher» geworden – die Dienstzeit wurde von einer Woche auf einen Tag verkürzt, zu schweren Fällen rückt heute automatisch die Ambulanz aus –, «doch ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Arzt gibt, der gerne Notfalldienst leistet.» Zum einen begegnen einem da meist dramatische und komplexe Fälle, zum anderen kenne man als Notfallarzt den Patienten selten. «Es fehlt einem so nicht nur das Hintergrundwissen, sondern auch das Vertrauensverhältnis.»

9 Wie wichtig ist das Vertrauensverhältnis?

«Es ist das A und O.» Blum weiss aber auch: «Das muss man sich erarbeiten.» Je öfter eine Behandlung erfolgreich verläuft, desto grösser wird das Vertrauen, dass es auch beim nächsten Mal klappt. «Schon dieses Gefühl des Vertrauens ist ein Beitrag zur Heilung.»

10 Was macht ein Arzt, wenn kein Vertrauensverhältnis zustande kommt?

«Dann muss er die Grösse haben und zum Patienten sagen: Mit uns funktioniert es nicht.» In den 30 Jahren sei dies bei ihm vielleicht zwei- oder dreimal vorgekommen. Auch das Umgekehrte gab es. «Wenn ich einem Patienten nicht sympathisch bin oder er mir nicht vertraut, dann ist es richtig, dass er wechselt.»

11 Wie hat sich der Patient über die Jahre verändert?

«Nicht gross», sagt Blum. Man gehe heute sicher früher zum Arzt, «zu einem Zeitpunkt, wo man noch etwas machen kann». Die Prävention habe einen ganz anderen Stellenwert bekommen «und das ist gut so».

12 Ist der Patient heute besser informiert?

Das Internet sorgt dafür, dass jeder ein kleiner Arzt sein kann. «Das macht mir die Arbeit nicht unbedingt einfacher», sagt Blum. Denn viele Patienten kommen und sagen: Ich habe die Krankheit X. «Als Arzt muss ich dann zuerst einmal zurückbuchstabieren und dem Patienten dahin bringen, dass wir mit den Beschwerden anfangen können.» Nicht selten stelle sich dann die vermeintlich schwere Erkrankung als harmlose heraus. «Das Internet sorgt für Verunsicherung», sagt Blum. Auffallend auch: Wenn eine Gesundheitssendung im Fernsehen ein Thema aufgreift, kommen in den Folgetagen oft Patienten, die genau an dieser Krankheit «leiden».

13 Ist der Arztalltag einfacher geworden?

«Mitnichten», sagt Blum. Heute gehe viel mehr Zeit für «Schreibkram und Administratives» drauf als früher. «Die Versicherungen verlangen immer mehr und immer komplexere Angaben.»

14 Der Tod ist Teil des Lebens. Wie geht man als Arzt damit um?

«Wenn ein Patient stirbt, fragt man sich schon: Habe ich einen Fehler gemacht? Habe ich etwas übersehen?» Diese Fragen mit «Nein» beantworten zu können, sei wichtig. Wer den Job als Arzt auf Dauer machen will, muss sich gleichzeitig auch abgrenzen können. Das gelang Blum meist gut. Besonders hart ringen musste er jeweils, wenn ein Kind starb. «Das zu begreifen, ist nicht einfach.»

15 Bekommt man als Hausarzt viel Feedback von den Patienten?

«Meist nicht viel», sagt Blum. Selbst wenn jemand nicht zufrieden war, hört man wenig – die Patienten kommen einfach nicht mehr. Dankbarkeit erlebt er jetzt, seit bekannt ist, dass er die Praxis abgibt. «Ich höre von vielen, dass sie meinen Entscheid sehr bedauern.» Besonders ältere Patienten verunsichert der anstehende Arztwechsel zudem. «Sie haben Angst, dass sie mit der neuen Ärztin nicht zurechtkommen.» Denn beim Arzt ist es wie im Leben: Die alten Socken mag man am Liebsten.