Atomkraft

«Kalt läufts einem den Rücken hinunter»: Als der Kaiseraugster KKW-Pavillon gesprengt wurde

Der Informationspavillon beim geplanten Kernkraftwerk flog in der Nacht zum 19.Februar 1979 in die Luft. Keystone

Der Informationspavillon beim geplanten Kernkraftwerk flog in der Nacht zum 19.Februar 1979 in die Luft. Keystone

Am 18. Februar 1979 verwarf das Schweizer Stimmvolk eine erste Anti-Atom-Initiative an der Urne mit 51,2 Prozent Neinstimmen. Die Atomlobby jubelt, bei den Atomgegnern brodelt es. Gewaltig.

Montag, 19. Februar, 2.12 Uhr. Der Frust entlädt sich. Ein lauter Knall. Dieser «war so heftig,dass Bewohner der fast einen Kilometer entfernten Kaiseraugster Liebrüti-Siedlung wach wurden», berichtet Reporterlegende Heinz Fröhlich am Dienstag auf der Frontseite des «Aargauer Tagblattes».

Das Bild zeigt den in Trümmern liegenden Informationspavillon auf dem AKW-Gelände in Kaiseraugst. Die Stahlträger stehen noch, die Zwischenböden und das Flachdach ebenso. Die Wände und die Einrichtung aber «liegen bis zu 50 Meter in der Umgebung zerstreut», stellte Fröhlich vor Ort fest. Der Sachschaden belaufe sich auf über eine Million Franken, schätzte Ulrich Fischer, der Direktor der Kernkraftwerk Kaiseraugst AG, am Tag nach der Explosion.

Es war nicht das erste Mal, dass Atomkraftgegner – neben Demonstrationen – mit Aktionen gegen das geplante Kernkraftwerk im Fricktal vorgingen. Die bisherigen «Anschläge» jedoch beschränkten sich auf Farbschmierereien und kleinere Sachbeschädigungen. Eine Sprengung war eine völlig neue Dimension.

«Kalt läufts einem den Rücken hinunter», kommentierte «Tagblatt»-Chefredaktor Samuel Siegrist auf der Frontseite. «Sprengstoffanschläge von ‹Verlierern› gegen ‹Sieger› nach einer eidgenössischen Volksabstimmung? Nicht auszudenken, was sich da an zukünftigen Möglichkeiten eröffnen würde.»

Bereits kurz nach dem Anschlag wird das Gelände weiträumig abgesperrt. Die Kantonspolizei ermittelt. Nach den Tätern wird national gefahndet. Sie bleiben bis heute unerkannt.

Mehrere Kilogramm Sprengstoff

Vor Ort ist an jenem Montag auch der damalige Aargauer Kripochef und spätere Polizeikommandant Léon Borer. Es seien «sprengstoffversierte Täter» gewesen, sagt er an einer Pressekonferenz vor Ort. Diese hätten «mehrere Kilo» Sprengstoff eingesetzt.

Offensichtlich, so hält Fröhlich den Attentätern zugute, seien die Täter bemüht gewesen, keine Menschenleben zu gefährden. So seien an den drei Zufahrtsstrassen zum Pavillon, nach «irischem Muster», Plakate mit der Warnung angebracht worden: «Stopp – zurücktreten – Polizei rufen – in 5 Minuten schwere Explosion im Informationspavillon».

Die Ermittlungen in dem «in der Schweiz bisher schadenmässig wohl grössten Sprengstoffdelikt» übernahm die Bundesanwaltschaft. Viele Fragen der angereisten Journalisten konnte sie am Montag allerdings nicht beantworten.

Sicher schien einzig, «dass die Täter ortskundig und mit den Gepflogenheiten der Polizei vertraut gewesen sind», fand Fröhlich heraus. Denn das Informationszentrum hatte die Kantonspolizei vor der Abstimmung als «gefährdetes Objekt» eingestuft und überwacht. «Allerdings in der Nacht auf Montag nicht mehr, wie der Rheinfelder Bezirkschef Käser bestätigte; es schien nicht mehr notwendig – über die Atominitiative war ja bereits abgestimmt.» Ein fataler Irrtum.

«Zutiefst betroffen» dürften auch die Hunderttausenden von Stimmberechtigten sein, die der Atominitiative am Wochenende ihre Stimme gaben, mutmasste Siegrist in seinem Kommentar. «Die offiziellen Komitees werden sich distanzieren, hoffentlich den Anschlag verurteilen», hofft der Chefredaktor und schreibt weiter: «Die ‹Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst› lässt mitteilen (nicht etwa aus Kaiseraugst, sondern aus Basel), dass sie den Anschlag für ‹nicht nötig› halte. Immerhin.» Die «Gewaltfreie Aktion gegen das AKW Kaiseraugst» (Gegak), eine Abspaltung der «Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst», liess dafür am Tag darauf eine verbale Bombe hochgehen. Dazu später.

Anonymes Bekennerschreiben

Am Tag nach dem Anschlag geht bei verschiedenen Medientiteln ein anonymes Bekennerschreiben ein. «Wir haben das vollklimatisierte, stromfressende Lügenpavillon der Kernkraftwerk Kaiseraugst AG ins Jenseits befördert», heisst es im dreiseitigen Schreiben. Die Bombenleger nennen sich darin «Gruppe Anti-AKW-Menschen» – «eine bislang unbekannte Titulierung», hält Heinz Fröhlich fest. Das Bekennerschreiben wurde am Montagabend in Luzern aufgegeben.

Eine gewisse Wut auf die Bombenleger spürt man auch in Fröhlichs Zeilen: «Das anonyme Schreiben enthält die vonseiten der ‹Extremen› sattsam bekannten langatmigen Tiraden und Unterstellungen, aber keine detaillierten Angaben, welche die Schreiber eindeutig als Attentäter identifizieren würden.»

Im «abstrusen Schreiben» würden Fakten dargestellt, welche die «Anti-AKW-Menschen» auch aus den Meldungen der Massenmedien – darunter subsumierte Fröhlich auch das «Tagblatt» – erfahren haben könnten. Und weiter hält er fest: «Das Geschreibe ist in einem entlarvenden Jargon abgefasst.»

Die anonymen A-Werk-Gegner würden sich offen zur Gewalt bekennen und sich «weiterer Schandtaten» rühmen, indem sie sagen würden, dass 1978 «auch einige interessante Dinge gelaufen sind». Darunter verstehen sie: Kurzschlüsse auf den SBB-Linien, Brand im Informationszentrum Gösgen oder auch – «wie die Bombenleger stolz anführen» – die Vernichtung eines für Leibstadt bestimmten Transformators. Fröhlich kommt zum Schluss: «Dies ist klar die Sprache von verblendeten Politchaoten.»

Gleichzeitig kündigten die Anti-AKW-Menschen in ihrem Bekennerschreiben an, mit der Zerstörung des «Kaiseraugster Lügenpavillons» eine neue Offensive gegen die Atomlobby zu starten, die – «so schreiben die Wirrköpfe wörtlich» (Fröhlich) – möglichst die Gesamtheit ihrer Einrichtungen treffen solle.

Selber in die Luft gesprengt?

Derweil legt die Gegak eine neue Attentätertheorie vor: «Die Gegak schliesst nicht aus, dass die gewaltsame Zerstörung auch im Interesse der Kernkraftwerk Kaiseraugst AG geschah.» Was nichts anderes heisst als: Die Betreiber haben den Pavillon selber in die Luft gejagt, um die Atomgegner zu kriminalisieren. Ulrich Fischer weist diese Unterstellung umgehend und vehement zurück: «Wenn wir selber den Pavillon hätten sprengen wollen, dann hätten wir es vor der Abstimmung getan, denn dann hätten wir einige Hunderttausend Nein-Stimmen mehr bekommen.»

Die Auseinandersetzungen zwischen Atomlobby und -gegnern gehen nach dem Anschlag unvermindert weiter. Es kommt zu weiteren Übergriffen auf Atomkraftexponenten; so fliegt im Mai 1979 der Audi von Michael Kohn in die Luft. Kohn war Initiant des Kernkraftwerks Kaiseraugst und Präsident der Kernkraftwerke Gösgen AG. Beim nächsten Mal, so schrieben die Attentäter, werde Kohn im Auto sitzen.

Gebaut wurde das Kernkraftwerk nie. Zu heftig war der Widerstand in der Region, zu verfahren die Situation. Am Schluss waren es, und das ist die Ironie an der Geschichte, Atomkraftbefürworter, die das Kernkraftwerk Kaiseraugst zu Fall brachten. In einer Blitzeingabe forderte eine Gruppe bürgerlicher Nationalräte um Georg Stucky (FDP), Christoph Blocher (SVP), Ulrich Bremi (FDP), Ernst Mühlemann (FDP) und Bruno Hunziker (FDP) den Bundesrat auf, das Projekt fallen zu lassen und die Initianten «angemessen» zu entschädigen. So kam es dann auch.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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