Wenn Néstor Pitana am Sonntagabend im Olympiastadion Luschniki im WM-Final zwischen Frankreich und Kroatien zum letzten Mal in seine Pfeife bläst, wird ein Stück Fussball-Geschichte geschrieben. Zu einem Protagonisten dieser Geschichte könnte der kroatische Mittelfeldmotor Ivan Rakitic, 30, werden, der im Alter von vier Jahren zum ersten Mal die Schuhe für den FC Möhlin-Riburg schnürte.

Obwohl Rakitic beim FC Barcelona Stars wie Neymar und Messi an seiner Seite weiss und nur noch einen Sieg vom Aufstieg in den Fussball-Olymp entfernt ist, ist er sich seiner Anfänge bewusst: «Ovdje je sve pocelo» – zu Deutsch: Hier hat alles begonnen – dies schrieb Rakitic zu einem Bild, das ihn als jungen Kicker auf dem Steinli-Areal in Möhlin zeigt und das er kurz vor dem WM-Viertelfinal auf seinem Twitter-Account postete.

Kroatiens Natistar Rakitic kommt aus Möhlin

Der Mann aus Möhlin

Der Doppelbürger Ivan Rakitic aus Möhlin musste sich als junger Profi zwischen der Kroatischen und der Schweizer Nati entscheiden.

18 Tore im ersten Match

Gut ein Vierteljahrhundert ist es her, als Rakitic mit den F-Junioren des FC Möhlin-Riburg die Gegner an die Wand spielte. Sein damaliger Mitspieler Manuel Bertschi erinnert sich, als sei es gestern gewesen: «Wir bestritten zusammen unser erstes Spiel und gewannen 25:0. Ivan schoss 18 Tore.»

Um Klassen besser als der Rest sei er gewesen – und mit einem «feinen Fuss» gesegnet. So sollten die Junioren-Kicker von der Mittellinie aus den Ball so nahe wie möglich an die Torauslinie spielen – eine Distanz von rund 50 Metern. «Wir verfehlten die Torauslinie um mehrere Meter. Nur bei Ivan blieb der Ball an der Linie kleben – drei Mal hintereinander», erzählt Bertschi.

Es dauerte nicht lange, bis Rakitic in den Fokus der Talentspäher des FC Basel rückte. Als schon klar war, dass er zum FC Basel wechseln würde, standen sich die Junioren aus Möhlin und die des FC Basel im Final des Nordwestschweizer Hallenturniers gegenüber. Möhlin gewann mit 1:0 – das Tor schoss Ivan Rakitic.

Als Rakitic im Jahr 1995 zum FC Basel wechselte, war Peter Gebert Junioren-Obmann beim FC Möhlin-Riburg. «Das macht mich unglaublich stolz, dass es Ivan so weit gebracht hat», sagt er. In seiner Zeit als Jugend-Obmann seien rund 20 Spieler zum FC Basel gewechselt, doch gepackt habe es keiner. Ivan sei einer der wenigen gewesen, die ihr Talent mit Fleiss verbanden: «Er hat Tag und Nacht den Ball am Fuss gehabt», so Gebert.

Bernd Kühnel, der Rakitic in der achten Klasse in Möhlin ein Jahr unterrichtete, beschreibt diesen als aufgestellten und zielstrebigen Schüler. «Als ich damals die Schüler fragte, was ihr Berufswunsch sei, zögerten die meisten. Doch Ivan sagte wie aus der Pistole geschossen: ‹Fussball-Profi›.»

Zwei Mal an dieser WM verwandelte Rakitic bereits den entscheidenden Penalty im Elfmeterschiessen, indem er den Torwart in die falsche Ecke schickte, und sicherte so seinem Team das Weiterkommen in die nächste K.-o.-Runde. Kühnel zieht Parallelen zum Schüler Rakitic: «Er war äusserst ausgeglichen und wurde nie nervös – auch nicht bei Klausuren oder Vorträgen vor der Klasse.» Etwas überrascht war Kühnel vor diesem Hintergrund, dass Rakitic zum Schluss des Halbfinals gegen England Dele Alli kurz am Kragen packte. «Das war atypisch für ihn.»

Präzedenzfall an der Schule

Ruedi Frey, der während Rakitics Schulzeit Rektor in der Sekundarschule Möhlin war, erinnert sich an diesen als einen «ruhigen und seriösen Schüler», der einen «guten Abschluss» gemacht und für einen Präzedenzfall an der Schule gesorgt habe: Er war der erste Schüler, für den zwei Lektionen gestrichen wurden, damit er rechtzeitig nach Basel ins Training kam. «Ich wollte Ivan bei seinem Weg unterstützen, weil ich gesehen habe, dass sein Herz am Fussball hing», erzählt Frey.

Auch Ivans Bruder, Dejan, ging bei Frey zur Schule und wurde von diesem bei der Lehrstellensuche unterstützt. «Ab und zu traf ich den Vater von Dejan und Ivan im Restaurant an. Als ich gehen wollte, war die Rechnung immer bereits schon gezahlt», erzählt Frey, den bis heute die grosse Dankbarkeit der Familie beeindruckt – und ihr Zusammenhalt, der laut Frey kein unwesentlicher Grund dafür ist, dass Ivan Rakitic dort angekommen ist, wo er immer hinwollte.