Bei den diesjährigen Nationalratswahlen sieht manch ein Wähler, bildlich gesprochen, vor lauter Bäumen den Wald nicht. Denn im Aargau bewerben sich nicht weniger als 496 Personen für einen der 16 Sitze in der grossen Kammer, darunter 55 Fricktaler.

Wen also wählen? Eine Möglichkeit, die politischen Haltungen der Kandidierenden mit der eigenen abzugleichen, bieten Online-Wahlhilfen wie Vimentis. Die Kandidierenden beantworten dazu 73 Fragen aus sechs Themenbereichen. Daraus erstellt das System zum einen ein Spider-Profil (siehe Grafiken). Zum anderen kann der User selber austesten, wer zu ihm passt. Die Plattform ist derzeit noch im Aufbau; viele Kandidaten haben den Fragebogen aber bereits ausgefüllt.

Die AZ vergleicht in einer losen Serie die Spider-Profile der Fricktaler Kandidierenden auf den Hauptlisten der grossen Parteien – und zwar innerhalb der gleichen Partei. Denn auch hier gibt es zum Teil markante Abweichungen. Den Anfang machen die drei CVP-Kandidaten Alfons P. Kaufmann, Werner Müller und Marion Pfister. Kaufmann und Müller politisieren bereits heute auf kantonaler Ebene; beide sitzen im Grossen Rat.

Auf dem Spider die augenfälligsten Differenzen haben die drei Christdemokraten bei den Bereichen «Mehr Umweltschutz» und «Restriktive Finanzpolitik». In beiden Bereichen liegen Kaufmann und Pfister nahe beisammen, Müller tanzt etwas aus der Reihe. Er spricht sich für eine restriktivere Finanzpolitik aus als die beiden Parteikollegen, räumt dem Thema «Mehr Umweltschutz» dagegen einen weniger grossen Stellenwert ein. Bei der «Liberalen Gesellschaft» hat Pfister den klar höheren Ausschlag als ihre beiden Parteikollegen. Beim Bereich «Freie Wirtschaft» kommt Kaufmann, selber Unternehmer, auf den niedrigsten Spider-Wert. Dennoch: Die Spider-Profile der drei CVP-Kandidaten liegen alles in allem noch recht nahe beisammen und durchaus im Ranking der CVP-Profile.

Auf der politischen Karte liegen alle drei leicht rechts vom Nullpunkt, in der Reihenfolge Pfister, Kaufmann, Müller, wobei Müller der am weitesten rechts stehende der drei CVPler ist. Aber auch er steht noch nahe an der Mitte. Auf der Achse liberal–konservativ ist Müller leicht konservativer als die anderen beiden, wobei Pfister die liberalsten Positionen vertritt.
Spannend wird es, wenn man die Antworten auf die einzelnen Fragen analysiert. Bereits die erste Frage, jene nach der Legalisierung des Cannabiskonsums, beantworten die drei Kandidaten unterschiedlich. Kaufmann ist dafür, Pfister eher dagegen und Müller dagegen. Auch das Wahlalter beurteilen die drei CVPler unterschiedlich. Pfister ist für eine Senkung auf 16, Kaufmann eher nicht und Müller ganz dagegen. Das gleiche Bild zeigt sich bei der Frage, ob Parteien Spenden und Beiträge über 10'000 Franken offenlegen sollen oder nicht.
Eine heiss diskutierte Frage ist jene, ob bei Personen, die die Schweizer Sicherheit gefährden, auch dann eine Ausschaffung möglich sein soll, wenn die Sicherheit der Person im Ausschaffungsland nicht garantiert werden kann. Pfister findet ja, Kaufmann eher ja und Müller eher nein.

Zwei von drei befürworten Zivildienst für Frauen

Pfister und Kaufmann befürworten, dass auch Frauen Armee-, Zivildienst oder Zivilschutz leisten müssen; Müller ist eher dagegen. Als Einziger ist Kaufmann eher dafür, dass die Schweiz mehr Flüchtlinge direkt aus den Krisengebieten aufnimmt. Beim aktiven Wahlrecht für Ausländer, die seit 10 Jahren in der Schweiz wohnen, sind alle dagegen oder eher dagegen.
Die drei CVPler beurteilen zwar etliche der 73 Fragen unterschiedlich, in vielen Fällen sind sie sich, zumindest was die Tendenz betrifft, aber einig. So etwa bei der Frage nach der Impfpflicht für Kinder im Kindergartenalter; hier sind alle eher dafür. Einig sind sie sich auch, wenn es um einen verstärkten Kündigungsschutz für Arbeitnehmer über 55 geht: Sie finden eher nicht (Müller, Kaufmann) oder nicht. Während Pfister die direkte aktive Sterbehilfe durch einen autorisierten Arzt eher erlauben will, ist Kaufmann eher und Müller ganz dagegen.
Eher ja sagt Kaufmann, wenn es um die Adoption fremder Kinder durch gleichgeschlechtliche Paare in eingetragener Partnerschaft geht; eher nein sagt Müller. Pfister enthält sich.

12 Milliarden zusätzlich für erneuerbare Energien?

Eine zusätzliche Elternzeit von 12 Wochen neben dem klassischen Mutterschaftsurlaub befürwortet als einziger Kaufmann; er setzt hier ein +, was für eher dafür steht. Die Frage, ob die Schweiz jährlich 12 Milliarden Franken zusätzlich in erneuerbare Energien investieren soll, setzt einzig Müller nicht unter Strom: Er ist klar dagegen. Ebenfalls hält er wenig von der Idee, ab 2030 keine Neuwagen mit Verbrennungsmotoren mehr zum Verkauf zuzulassen; Kaufmann kann sich das zumindest vorstellen. Ein + setzt Kaufmann – hier ist er wieder auf der gleichen Linie wie Müller – auch bei der Frage, ob die Schweiz industrielle Massentierhaltung verbieten soll.

Einig sind sich die drei CVPler bei einem Mindestlohn von 4000 Franken – hier sagen alle klar oder zumindest eher (Kaufmann) Nein. Von einer vollständigen Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten halten ebenfalls alle drei nichts (Müller) oder eher nichts. Im Eigenheim-Land Schweiz darf die Frage nach der Abschaffung des Eignemietwerts nicht fehlen. Kaufmann ist klar dagegen, Müller klar dafür und Pfister eher dafür.

Summa summarum beantwortet Kaufmann acht Fragen mit einem klaren Ja oder Nein, also mit einem ++ oder --, Pfister 13 und Müller 38.