Armut im Fricktal, Teil 2

In Sicherheit, aber arm: «Für mich ist es hier ein Paradies»

Liah und Aman verliessen 2007 Eritrea und kamen mit ihrem Sohn über Italien in die Schweiz.

Liah und Aman verliessen 2007 Eritrea und kamen mit ihrem Sohn über Italien in die Schweiz.

Liah und Aman flohen 2007 aus Eritrea über Italien in die Schweiz. Heute sind sie auf Sozialhilfe angewiesen, weil der Vater keinen Job mehr findet.

Plötzlich muss es schnell gehen. Aman* flieht aus der Militärkaserne, wo er Dienst leisten muss. «Er war zum dritten Mal zu spät aus dem Urlaub zurückgekehrt und das wird in Eritrea mit Haft bestraft», erzählt seine Frau Liah*. Die beiden packen das Nötigste und fliehen mit Baby Aaron* über die Grenze nach Sudan.

Hier zu bleiben ist keine Option. Die Familie zieht weiter nach Libyen und über das Meer nach Italien. «Europa wirkt für jeden, der in Afrika lebt, wie ein Paradies. Alles scheint hier einfacher und besser zu sein.»

Von Italien nach Basel mit dem Zug

Die Realität holt die Familie aus der Traumwelt, als sie in Italien ankommt. Die Lager sind überfüllt, Schlafplätze fehlen, die Perspektiven sind düster. Von Frankreich schwärmen andere Flüchtlinge, von der Schweiz auch. Hier sei alles besser, hier sei alles sauber, hier seien die Menschen freundlich.

Aman besorgt Zugstickets und im Dezember 2007 kommen die drei in Basel an. «Wir konnten am Bahnhof nicht nach dem Weg zum Empfangszentrum für Asylsuchende fragen, denn wir konnten kaum Englisch», erzählt Liah. Ein Busfahrer, der sich die Szenerie rund um den Bahnhof gewohnt ist, weiss auch so, wohin die drei wollen und zeigt ihnen auf dem Stadtplan den Weg.

Berufliche Integration schwierig

Heute, neun Jahre später, spricht Liah*, 31, ganz gut Deutsch und fühlt sich in der Schweiz wohl. «Ich könnte nicht mehr zurück. Mein Land ist jetzt die Schweiz.» Ihr Mann hat mehr Mühe. Er möchte manchmal zurück, weil er die Familie vermisst, die Kollegen auch. Doch ein Zurück «gibt es nicht».

Die Integration ist für Aman, 36, schwieriger, weil er bis heute Mühe mit der Sprache hat. «Die Sprache aber ist das A und O bei der Integration», sagt Liah.

Sie weiss aber auch: «Man muss für die Integration kämpfen, sich anpassen – und fühlt sich trotz allem immer auch etwas fremd.» Liah* nippt an ihrem Glas Wasser, erzählt von Aarons ersten Schultagen. «Die anderen Kinder wollten ihn immer anfassen, weil er eine andere Hautfarbe hat. Er wollte deshalb nur noch langärmlig zur Schule.»

Aaron ist gut in der Schule, hat viele Kollegen, bei denen er auch übernachtet. Er ist beliebt. Eines allerdings bringt ihn jedes Mal auf die Palme: «Wenn er Neger genannt wird.» Das komme, so Liah, leider immer wieder vor.

Schwieriges Berufsleben

Die Familie, die inzwischen auf vier Kinder – drei Mädchen, ein Bube – angewachsen ist, lebt seit Jahren in einer Fricktaler Gemeinde und hat den Ausweis C, also die Niederlassungsbewilligung.

Die Wohngemeinde muss damit der Familie auch unter die Arme greifen, wenn es finanziell nicht geht. Und beruflich haben es Aman und Liah, wie viele Flüchtlinge, nicht leicht. Die Integration ins Berufsleben fällt vor allem Aman schwer. Er bekommt einen Teilzeitjob als Abwart bei der Wohngemeinde, kündet diesen allerdings, als er eine 100-Prozent-Stelle findet.

Dass diese nur temporär ist, sieht er nicht. Nach sechs Monaten steht er auf der Strasse, findet andere Jobs, auch einen, in dem er aufgeht. Doch nach einem Nabelbruch kann er nicht mehr schwer heben; die Firma kündigt ihm. Seit 2014 ist er ohne Job.

Liah hat mehr Glück, findet eine 40-Prozent-Stelle als Reinigungskraft, geht abends noch in eine andere Firma putzen und macht Übersetzungen. Insgesamt kommen so 2700 Franken pro Monat zusammen. «Mit vier Kindern reicht das bei Weitem nicht», sagt sie. «Wir sind auf Sozialhilfe angewiesen.»

Liah ist dankbar, dass die Gemeinde die Familie unterstützt. «So reicht es zum Leben. Wir haben gelernt, mit dem vorhandenen Geld umzugehen.»

Traurig macht sie, dass sie bei den Kindern oft Nein sagen muss. «Ich kann nicht Aaron ins Lager gehenlassen, seine um ein Jahr jüngere Schwester aber nicht», sagt Liah. Entweder beide. Oder keiner.

In den Sommerferien wollten die beiden grösseren Kinder mit ihren Kollegen ins Freibad. «Das kostet für Eintritt und ein Getränk jedes Mal zehn Franken pro Kind», rechnet Liah vor. Zweimal liess sie sich erweichen. «Beim dritten Mal zeigte ich auf die Badewanne und sagte: Ihr könnt hier baden.»

Das Geld aus dem Automaten

Die Kinder verstehen oft nicht, warum ihre Kollegen alles haben können, das neueste Handy, die schönsten Kleider, die teuersten Fahrräder – und sie nicht. Die Kleider holt Liah oft in der Brockenstube, ein Handy gibt es für die Kinder nicht, der Schulsack war ebenfalls Secondhand, was zu etlichen abschätzigen Blicken führte – auch von anderen, gut situierten Eltern.

Die Kinder fragen, warum die anderen mit dem Auto in der Schule abgeholt werden, wenn es regnet, nur sie nicht. Liah* schmunzelt. «Meine Tochter sagte einmal: ‹Mami, du kannst doch einfach mit der Postcard Geld am Automaten holen, dann haben wir genug.›»

Liah ist froh, dass sie Kolleginnen hat, die sie unterstützen – und dass auch Vereine der Familie oft entgegenkommen. So erliess der Fussballclub einmal die Hälfte der Jahresgebühr, damit Aaron, ein begeisterter Kicker, seinem Hobby frönen kann.

Liah* blickt einem Schmetterling nach, der im Garten herumflattert, in dem wir das Gespräch über das Arm-Sein führen. «Wissen Sie», sagt die zierliche Frau dann. «Für mich ist es hier ein Paradies, weil ich weiss, wie ich gross geworden bin. Die Kinder jedoch kennen nichts anderes als das Leben hier. Für sie haben die Entbehrungen deshalb einen ganz anderen Stellenwert als für mich.»

Zwei Herzenswünsche hat Liah. Dass ihr Mann, gelernter Elektriker, wieder eine Stelle findet und die Familie der Gemeinde finanziell nicht mehr zur Last fällt. «Und dass meine Kinder einen guten Beruf lernen. Sie sollen es einmal besser als wir haben und sich mehr leisten können.»

* Alle Namen geändert

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