Gipf-Oberfrick
In Gottes Namen, schnarch? Neue az-Serie prüft Lebendigkeit von Fricktaler Predigten

Wie spannend sind die Predigten im Fricktal? Die az will es wissen und besucht in der neuen Serie «Die Predigt» in loser Folge Gottesdienste. Als erstes nimmt unser Redaktor Platz auf der Kirchenbank von Martin Linzmeier, Prediger und Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick.

Thomas Wehrli
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Martin Linzmeier (im Bild in seiner Kirche in Gipf-Oberfrick) sprach in Frick über Fragen und Zweifel, über Wunden und Heilung. twe

Martin Linzmeier (im Bild in seiner Kirche in Gipf-Oberfrick) sprach in Frick über Fragen und Zweifel, über Wunden und Heilung. twe

Thomas Wehrli

In Gottes Namen, Amen. Bischof Felix Gmür hat genug von langweiligen Predigten in den Kirchen seines Bistums. Er hat seinen Seelsorgern einen Predigtkurs verordnet. Gmür will, dass die Seelsorger lebendiger predigen, stärker auf die Zuhörer eingehen und den Gläubigen Anregungen für deren Alltag und Glauben mitgeben.

In Gottes Namen, schnarch? Sind die Predigten heute also langweilig? Schlafen die Schäfchen beim Zuhören fast ein? Die az will es wissen und besucht in der neuen Serie «Die Predigt» in loser Folge Gottesdienste im Fricktal. Erster Kirchenbank: Frick.

Die Predigt

Die Eindrücke, die in der neuen Serie «Die Predigt» geschildert werden, sind rein subjektiver Natur. Der Autor studiert berufsbegleitend an der Uni Luzern Theologie.

Die Kirche: Die katholische Kirche in Frick ist ein typischer Barockbau: Prunk, soweit das Auge reicht. Wie zu dieser Zeit üblich, setzten die Erbauer 1716 bewusst einen bilder- und schnörkelreichen Kontrapunkt zur Schlichtheit der Reformation. Das gefällt, oder auch nicht, und birgt für den Prediger eine Gefahr: Dass der Zuhörer zum Zuseher wird, dass er in die Welt der Bilder abschweift, wenn die Worte nicht fesseln.

Der Gottesdienst: Die az besucht den Vorabendgottesdienst am Samstagabend. Es ist ein reiner Wortgottesdienst, das heisst: Es gibt keine Wandlung von Brot und Wein.

Der Prediger: Den Wortgottesdienst hält Martin Linzmeier. Er ist Gemeindeleiter in Gipf-Oberfrick. Da Frick und Gipf-Oberfrick eine Kirchgemeinde bilden, ist Linzmeier regelmässig auch in Frick im Einsatz.

Die Zuhörer: Den Gottesdienst besuchen knapp 40 Personen. Die meisten sind über 50 Jahre alt. Die für Frick doch eher niedrige Beteiligung hat zwei Ursachen: Viele, vorab ältere Gläubige, ziehen eine Eucharistiefeier einem Wortgottesdienst vor. Zudem ist am Sonntag «Weisser Sonntag», das heisst: 16 Mädchen und Knaben aus der Pfarrei erhalten ihre erste Kommunion. Dieser Gottesdienst ist jeweils sehr gut besucht.

Die Feier: Sie ist schlicht. Vier Ministranten sind im Einsatz. Als Besonderheit zünden sie zu den Fürbitten Kerzen an und stecken sie in eine mit Sand gefüllte Schale.

Der Mitgeh-Faktor: Die Gebete sind für die Gläubigen Routine. Das kann man von der Hälfte der sechs Lieder nicht sagen. Sie werden nicht allzu oft gesungen, was sich hörbar auf die Mit-sing-Quote und, zumindest beim Schreibenden, auch auf die Ton-Trefferquote auswirkt. Etwas Verwirrung stiftet bei einem Lied zudem eine sechste Strophe, welche die Orgel munter spielt, aber die es im Gesangbuch nicht gibt.

Die Technik: Die Leinwand für den Beamer bleibt heute zusammengerollt. Linzmeier setzt ein Headset ein, das ihm erlaubt, auch von seinem Stuhl aus zu den Leuten zu sprechen. Bei der Predigt steht er allerdings, wie die meisten Prediger, am Ambo. Das macht die Predigt zwar etwas statischer, erlaubt es dem Prediger aber, sich auf sein Skript zu stützen. Die Erfahrung zeigt: Je freier jemand spricht, je mehr er auf die Zuhörer zugeht, desto höher ist der «Fessel-Faktor».

Die Stimme: Martin Linzmeier, Deutscher, spricht unaufgeregt, in angenehmer Lautstärke. Er schafft es, mit seiner Aussprache eine Dynamik des Zuhörens zu erzeugen. Will heissen: Die Predigt ist kein monotones Dahinplätschern aneinandergereihter Worte, sondern ein abwechslungsreiches Wort-Werk, was wiederum die Einschlafquote niedrig hält.

Die Grundlage: Ausgangspunkt für die Predigt bildet das Evangelium (Joh. 20, 19-31): Die Jünger versammeln sich, der gekreuzigte Jesus tritt zu ihnen. Thomas, einer der Jünger, war nicht dabei. Als ihm die anderen vom Erlebten erzählen, sagt er, er glaube erst, wenn er Jesus selber sehe und seine Finger in die Male der Nägel legen könne. Acht Tage später erscheint Jesus den Jüngern wieder, diesmal ist Thomas dabei. Nun glaubt er und Jesus sagt: «Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.»

Der Praxisbezug: Bischof Gmür will, dass die Predigten den Gläubigen Anregungen für den Alltag geben. Das erfüllt Linzmeier in hohem Mass. Er nimmt das Beispiel von Thomas, dem Ungläubigen, und transformiert dessen Zweifel und Fragen ins Heute und gibt Anregungen für das (Glaubens-)Leben. Zu glauben falle auch heute noch schwer, sagt er, und: «Ich habe selber manchmal Fragen und Zweifel.» Mit solcher Offenheit schafft es Linzmeier, dass er zum «Du» wird, zum Gegenüber, dem man automatisch zuhört. Zu begegnen sei, so Linzmeier, eine Möglichkeit, anderen zu helfen. Fast jeder trage alte oder neue Wunden in sich, sagt Linzmeier, und wendet sich direkt an die Zuhörer: «Was ist meine Wunde?»

Die Dabei-bleib-Quote: Sie ist dank der Aktualisierung und Konkretisierung der Schriftworte im Hier und Heute hoch. Auch die Interaktion mit den Gläubigen trägt zum Dabeibleiben bei.

Die Dauer: Die Predigt dauert sechseinhalb Minuten, was dem Schnitt einer katholischen Predigt entspricht.

Das Fazit: Martin Linzmeier erfüllt den Anspruch von Bischof Gmür an eine packende Predigt inhaltlich sehr gut. Noch etwas lebendiger dürfte die Präsentation werden. Die az gibt vier von fünf Kerzen.

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