Kaisten

«In diesem Ausmass habe ich das noch nie erlebt»: Apfelbäume blühen zum zweiten Mal

«In diesem Ausmass habe ich das noch nie erlebt»: Josef von Reding zeigt die neuen Blüten an einem der Apfelbäume.

«In diesem Ausmass habe ich das noch nie erlebt»: Josef von Reding zeigt die neuen Blüten an einem der Apfelbäume.

Auf dem Hof der Familie von Reding tragen Apfelbäume Früchte und blühen gleichzeitig. Das kam letztmals vor 30 Jahren vor.

Josef von Reding, Landwirt in Kaisten, traute seinen Augen kaum, als er in diesen Tagen die Apfelbäume im Obstgarten des Familienbetriebes inspizierte. «Mehrere Bäume tragen Früchte und blühen gleichzeitig ein zweites Mal.» Das habe er in diesem Ausmass noch nie erlebt, sagt er, stutzt kurz, kramt in seinen Erinnerungen und fügt dann an: «Vor rund 30 Jahren erlebte ich nach einer langen und heissen Trockenperiode bereits einmal eine zweite Blust.» Abgesehen davon «kann ich mich nicht an eine solche Laune der Natur erinnern», sagt von Reding, der seit Kindsbeinen auf dem Hof lebt. Seit 1990 wird er als Biobetrieb geführt.

Von Reding nimmt einen Ast, zieht ihn gegen sich, beäugt die Blüten. «Ich bin ja mal gespannt, ob daraus etwas wird.» Zu gönnen wäre es ihm, denn der Frost Ende April hat auch den 70 bis 80 Obstbäumen der von Redings zugesetzt. Bei den Kirschbäumen erwartet der Seniorchef – von Reding hat den Hof vor vier Jahren an seinen Schwiegersohn und seine Tochter übergeben – in diesem Jahr kaum eine Ernte. Und auch bei den Apfelbäumen hat der Frost «deutliche Spuren» hinterlassen. Die Gründe für die zweite Blust kann von Reding nur vermuten. «Der Frost hat sicher einen Einfluss», sagt er, lacht und fügt an: «Aber das sollen die Experten beurteilen.»

Anruf bei den Experten, den Obstbauspezialisten beim landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg. «Der Frost hat die Obstbäume aus dem Rhythmus gebracht», bestätigt Daniel Schnegg. «Im Normalfall werden die Nährstoffe von den Wurzeln und der Zuckerproduktion für die Früchteentwicklung und die Blütenknospenbildung für das Folgejahr gebraucht.» Nach den vielen Frostnächten seien viele Apfelblüten erfroren. «Das heisst, die Nährstoffe können nicht den Früchten zugeführt werden, sondern gehen nun in das Triebwachstum und können so aus dem physiologischen Gleichgewicht fallen.» Die Bäume haben freie Energiereserven und stecken diese ins Wachstum. Das kann zu einer zweiten Blust führen.

Wobei Schnegg betont: «Nachzüglerblüten gibt es alle Jahre.» Mehr noch: Es gebe sogar Sorten, die jedes Jahr Nachzüglerblüten machen. Als Beispiel nennt Schnegg die Sorten Pinova und Rubinette. «Dieses Jahr konnten wir zum ersten Mal beobachten, dass auch Frühsorten wie Gravensteiner oder Delcorf bis zum 25. Mai Nachzüglerblüten hatten.»

Massive Ernteausfälle

Die Auswirkungen der Frostnächte Ende April sind für die Aargauer Landwirte gravierend. Mitte Mai bezifferte der Kanton die Ernteausfälle im Obstbau im Schnitt auf 85 Prozent. Bei den Kirschen liegt der Ausfall, je nach Region, gar bei 100 Prozent. Bei den Äpfeln ging man damals von rund 75 Prozent aus. Heute sagt Schnegg: «Es sind noch mehr Sorten betroffen, als wir angenommen haben.» Der Ernteausfall wird daher wohl eher noch höher sein. Wie hoch, lässt sich laut Schnegg erst im Juni sagen, wenn definitiv klar ist, welche Triebe wirklich überlebt haben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1