Die Rheinfelder wollen keine Saubermaterial-Deponie im Wäberhölzli. Das entschieden sie am Sonntag in der Referendumsabstimmung mit 1805 gegen 1588 Stimmen recht deutlich. Henri Leuzinger, 67, der seit 1981 in Rheinfelden lebt und als Fotograf, Raumplaner und Publizist ein profunder Kenner der Stadt ist, äussert sich im az-Interview über die Gründe, den zum Teil hart geführten Abstimmungskampf und darüber, was Rheinfelden braucht, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Henri Leuzinger, wie ist die Luft am Tag nach der Abstimmung in Rheinfelden?

Henri Leuzinger: Die Luft ist wieder rein, die Situation hat sich geklärt. Wohl nicht zur Begeisterung der Stadt, die mit ihrem Projekt gescheitert ist.

Beide Lager argumentierten mit dem Naturschutz. Wer hatte nun die Natur wirklich auf seiner Seite?

Beide Seiten hatten valable Naturschutz-Argumente. Der Unterschied lag primär in der Zeitdimension. Im Forst plant man die Waldbewirtschaftung auf Jahrzehnte hinaus, die Opposition stellte dem eher kurzfristige Anliegen wie den Erholungswert des Waldes gegenüber. Das ist legitim, obwohl man sich schon fragen kann, wie hoch der Erholungswert eines Waldes ist, der in einer Grube liegt.

Die Deponiegegner gewannen die Abstimmung mit einem Vorsprung von gut 200 Stimmen. Hat Sie das doch recht deutliche Verdikt überrascht?

Das Ergebnis hat alle überrascht. Selbst erfahrene Politfüchse wagten im Vorfeld keine Prognose. In Rheinfelden zeigt sich einmal mehr die alte Regel: Ist man unsicher mit einer Vorlage, stimmt man Nein. Ich bin froh, dass ein klares Resultat herausgekommen ist. Für die Stadt wäre es nicht gut gewesen, wenn die Deponiefrage mit einem Zufallsmehr entschieden worden wäre. Nun müssen Stadt und Forst über die Bücher und mit dem Wald im Wäberhölzli etwas Gescheites machen.

Der Abstimmungskampf wurde emotional und zum Teil mit harten Bandagen geführt. Weshalb?

Zum einen ist die Natur per se ein emotionales Thema. Zum anderen gab es unter den Deponiegegnern auch Personen, denen es nicht primär um das Wäberhölzli ging.

Worum ging es ihnen dann?

Um generelle Opposition gegen die Stadtbehörden. Sie fanden im «Wäberhölzli» ein Thema, das dafür prädestiniert ist, weil man es emotional sehr gut aufladen konnte. Das zeigte schon die legendäre Gemeindeversammlung im letzten Dezember. Hier erschienen Leute, die man zuvor nie an der Gemeindeversammlung sah. Was dann an der Versammlung mit dem Rückkommensantrag ablief, heizte die Stimmung zwischen Befürwortern und Gegnern zusätzlich stark auf.

Dann ging es einem Teil der Gegner darum, der Classe politique eines aufs Dach zu geben?

Davon bin ich überzeugt. Sie konnten wunderbar austeilen, ohne dass sie sich selber gross engagieren mussten. Es ist eine Form von Betroffenheitsdemokratie, die leider zusehends an Gewicht gewinnt. Nachhaltig ist sie nicht.

Wie heftig war diese Watsche gegen die Classe politique?

Die Planung in diesem Gebiet lief über mehrere Jahre hinweg und entsprechend schmerzhaft ist die Watsche für die Behörden auch. Unglücklich an der ganzen Geschichte war zudem, dass ja eine Rodungsbewilligung für das Wäberhölzli vorlag, man diese aber ungenutzt verstreichen liess. Der Wald wurde seither immer höher und kräftiger – und eine Rodung immer schwieriger zu erklären.

Der Abstimmungskampf kam bei den Befürwortern spät in die Gänge. Haben sie ihn verschlafen?

Sie wurden sicherlich überrascht von der Emotionalität und der Intensität, mit der die Diskussion ablief. Waldthemen gingen bislang meist ruhig über die Bühne – und im Sinne der Ortsbürger. Die Kampagne lief deshalb erst spät an, wohl zu spät aus Sicht der Befürworter. Sie konnten die emotionale Kraft, die an der Gmeind entstanden ist, argumentativ nicht parieren.

Von aussen hatte man bisweilen das Gefühl: In Rheinfelden sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr…

Das kann man durchaus so sehen. Doch man vergisst dabei: Die Stadt Rheinfelden hat kantonsweit mit 50 Prozent einen der grössten Waldanteile gemessen an seinem Gemeindebann. Daher ist die Wäberhölzli-Frage mit den acht Hektaren nun wirklich nicht die zentrale Herausforderung für die Waldentwicklung der Gemeinde. Wir haben andere Probleme, etwa jenes, dass die Wildsäue teilweise sehr nahe ans Siedlungsgebiet kommen oder dass der Wald immer mehr Freizeit- und Erholungsbedürfnissen gerecht werden muss. Zudem sollte man vor lauter Bäumen nicht die Herausforderungen im Siedlungsgebiet vergessen. Die sind zum Teil immens.

Wo wachsen da die höchsten «Bäume»?

Eine grosse Herausforderung sind die Neubauquartiere im Westen, wie der Salmenpark. Sie bringen uns Hunderte neuer Wohnungen. Die zuziehende Bevölkerung muss ins Stadtleben integriert werden und es stellen sich Fragen, etwa nach dem benötigten Schulraum oder nach einer Erweiterung der Freizeitanlagen, die geklärt werden müssen.

Im Abstimmungskampf war öfters von einem Graben zwischen den Alteingesessenen und den Zuzügern die Rede; Erstere wollten die Deponie, Letztere nicht. Gibt es diesen Graben?

Bei der Wäberhölzli-Frage sicher nicht. Es gab auf Befürworter- und Gegner-Seite Alteingesessene und Zuzüger. Der Graben verlief quer durch die Bevölkerung, sogar quer durch die Reihen der Naturschützer.

Sie sagen: Bei dieser Frage nicht. Gibt es in anderen Fragen ein Konfliktpotenzial zwischen Alteingesessenen und Zuzügern?

Latent sicherlich, das ist in Rheinfelden nicht anders als in anderen Orten, die stark wachsen. Es ist wichtig, dass der Stadtrat eine Bevölkerungspolitik betreibt, die auf Integration der Zuzüger setzt.

Tut er das?

Davon bin ich überzeugt. Zum einen befragt der Stadtrat die Bevölkerung regelmässig zu ihrer Befindlichkeit und ihren Anliegen. Das ist ein wichtiges Instrument, damit die Behörde die Bedürfnisse und Sorgen in der Bevölkerung spürt. Zum anderen hat Rheinfelden ein breites Angebot an Anlässen und Vereinen, die auch von Zuzügern rege genutzt werden. Ich halte seit vielen Jahren die Stadtfeste und andere Anlässe fotografisch fest. Es ist schön, zu sehen, dass jedes Mal viele neue Gesichter dabei sind.

Dann politisiert der Stadtrat nicht, wie einige sagen, an den Bürgern vorbei?

Dafür sehe ich keine Anhaltspunkte. Bis auf wenige Ausnahmen ist der Souverän den Vorlagen des Stadtrates in den letzten Jahren jeweils gefolgt. Das galt auch für ganz gewichtige Vorlagen wie etwa die Frage, ob Rheinfelden einen Einwohnerrat schaffen soll. Hier folgten die Einwohner ebenfalls dem Antrag des Stadtrates und lehnten das System mit Parlament ab. In jüngster Zeit gab es neben dem Wäberhölzli nur einen Ausreisser: Das «Rote Haus»; hier musste der Stadtrat über die Bücher und präsentierte im zweiten Anlauf eine schlankere Vorlage, die dann problemlos durch kam.

Was braucht Rheinfelden jetzt, um zum Courant normal zu kommen?

Der Courant normal wird schnell wieder einkehren, denn beim Wäberhölzli handelt es sich nicht um eine Frage, von deren Antwort die Zukunft von Rheinfelden abhängt. Es handelt sich um eine langfristig angelegte, forstwirtschaftliche Planung. Der Stadtoberförster und die Ortsbürger tun gut daran, einige Argumente der Deponiegegner in die künftige Planung einfliessen zu lassen. Bei einem künftigen Projekt sollte man zudem früher und transparenter informieren.

Man sagt auch: Le ton fait la musique.

Richtig. Und in der Tonart haben sich bei den Deponiegegnern doch einige gewaltig vergriffen. Ich hoffe, solche Ausreisser nach unten gibt es in Zukunft nicht mehr und die Debatten, die es durchaus braucht, verlaufen in faireren Bahnen. Bisweilen kamen mir einzelne Exponenten wie Fussballhooligans vor, denen es gar nicht mehr um das Spiel geht, sondern nur noch um den Klamauk und das Krawallmachen. Das kann es nicht sein, das schadet der Demokratie.

Hat die Auseinandersetzung um das Wäberhölzli in der Stadt etwas verändert?

Ich hoffe, man lernt daraus. Gerade bei emotional besetzten Themen wie dem Naturschutz oder der Siedlungsentwicklung ist es wichtig, dass die Behörden die Bevölkerung früh und offen informieren und in die Verfahren einbeziehen.