Kaiseraugst

In der Liebrüti kippt die Stimmung: Mit dem Einkaufsläden verliert die Siedlung an Leben

Marbelis Stebler vom Tropicalisimo-Zumba-Studio im Liebrüti-Einkaufszentrum hofft auf gute Neuigkeiten.

Marbelis Stebler vom Tropicalisimo-Zumba-Studio im Liebrüti-Einkaufszentrum hofft auf gute Neuigkeiten.

Früher war «alles da», doch mit wachsendem Leerstand im Einkaufszentrum sinkt die Attraktivität der Kaiseraugster Grosssiedlung.

Es ist ihr Revier. Hier sind sie aufgewachsen, zu Hause. Sie kennen nichts anderes. Vier Jungs cruisen mit ihren Bikes durch die Grünflächen. «Echt cool hier», sagt einer. Und seine Kollegen nicken. Die Ruhe und der viele Platz ohne Autos – für die vier ein Traum. Der Vater einer der Jungen taucht auf, erinnert den Junior ans Fussballtraining. «Liebrüti? Was soll ich dazu sagen?» Achselzucken. Doch dann: «Familienfreundlich, das war einmal. Zu viele Senioren, die sich dauernd beschweren. Die Kinder dürfen ja gar nicht mehr laut sein.»

In der Liebrüti, Ende der 1970er-Jahre im Auftrag des Basler Pharmakonzernes Hoffmann-La Roche als Modellsiedlung erbaut, kippt die Stimmung. Die Unsicherheit ist beim Gang über das Areal mit Händen zu greifen. Wen man trifft – kein Bewohner will mit Namen Stellung nehmen.

«Unter der Roche war es am besten»

Auch nicht eine Frau, die schon seit 1982 hier wohnt. Sie bekommt leuchtende Augen, wenn sie sich an damals erinnert: «Das war ein toller Architekt, der wollte, dass wir es hier bequem haben, auch im Alter», sagt sie. Und: «Unter der Roche war es am besten. Die haben sich gekümmert. Nicht nur aufs Geld geschaut.» Man habe sich «wie in einer grossen Familie» gefühlt. Und heute? «Liebrüti ist für uns zum Ghetto geworden», bedauert die Frau. Sie ist sich mit einem befreundeten Ehepaar, auch schon seit Jahrzehnten in der Liebrüti wohnhaft, einig: «Wenn wir nicht so alt wären, würden wir wegziehen.»

Im Liebrüti-Einkaufszentrum wächst der Leerstand.

Im Liebrüti-Einkaufszentrum wächst der Leerstand.

Weggezogen sind schon Bank, Poststelle und Reisebüro. Aber nichts wird so sehr vermisst wie die Migros-Filiale im ersten Obergeschoss des Einkaufszentrums, die am 2. Mai zuletzt geöffnet hatte. «Als es die noch gab, war ich zufriedener», sagt eine Frau, die mit ihrer Familie seit acht Jahren in Liebrüti wohnt. Die Tochter kurvt mit ihrem Trottinett zwischen den Holzpavillons herum. Die stehen auf der Sportfläche im Erdgeschoss. Nur in einem herrscht Betrieb.

Bleiben oder zügeln – das ist jetzt die Frage

«Mama, Mama», quengelt der Sohn. Die hat keine Zeit, hat viel zu erzählen. Dass jetzt nur noch der Denner zum Einkaufen übrig ist. Dass der Kiosk auf Ende Jahr auch zugeht. Dabei seien sie und ihr Mann vor zehn Jahren aus Basel in die Liebrüti gezogen, gerade weil es dort «alles gab», auch ein Hallenbad. Jetzt überlegten sie sich doch: Bleiben oder zügeln? So manche hätten sich schon entschieden – zum Zügeln. «Sicher vier bis fünf uns bekannte Familien sind inzwischen aus der Liebrüti ausgezogen», berichtet die Frau. Hätten sich in Fricktaler Dörfer verabschiedet und dort etwas gekauft.

«Grosszügig geschnitten» sei ihre 4,5-Zimmer-Wohnung mit 120 Quadratmetern zwar, aber mit 2300 Franken sei die Miete für 1970er-Jahre-Standard auch «nicht gerade tief». Hinzu kämen die 150 Franken monatlich für die Einstellhalle. Mit dem jüngsten Kind, das noch im Kinderwagen liegt, oft zu Hause, lernt sie gerade viele Liebrüti-­Bewohner neu kennen. Und sagt: «Anonym geht es hier überhaupt nicht zu. Wir haben eine gute Nachbarschaft.» Daher will sie auch das G-Wort nicht in den Mund nehmen: «Nein, Liebrüti ist sicher kein Ghetto.» Doch mit Blick aufs seit April 2019 geschlossene Hallenbad treten der Mutter Sorgenfalten auf die Stirn. «Gerade hat uns die Schule einen Brief geschickt zum Thema Schwimmen», sagt sie. «Früher gab es hier Kurse. Wo sollen die Kinder es jetzt lernen?» Hoffnungen setzt sie ins Domus-Bauprojekt und mit ihm in ein neues Hallenbad. Doch keiner wisse genau, wann es wirklich startet.

Unsicherheit verspürt auch Marbelis Stebler vom Tropicalisimo -Zumba-Studio im Liebrüti-Einkaufszentrum. Sie setzt auf eine Infoversammlung, die kommende Woche stattfinden soll. Die Immobilienverwalterin der Liebrüti, die Varioserv, war für die AZ nicht erreichbar.

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