Die Kritik, die auf Pfarrer Johannes Siebenmann niederprasselt, ist massivst. Seine Predigten seien unvorbereitete Plaudereien ohne Tiefgang, es mangle ihm an Professionalität und Eigeninitiative, er sei nicht teamfähig, ist in Leserbriefen zu lesen.

Er sei ein Selbstdarsteller, inkompetent, kanzle Menschen von der hohen Warte herab ab.

Er habe aus der Reformierten Kirchgemeinde Frick einen Scherbenhaufen gemacht, halte sich nicht an Absprachen, stosse die Chöre vor den Kopf.

Er sei schuld daran, dass Pfarrerin Verena Salvisberg – sie leitet die Gemeinde mit ihm zusammen – den Bettel hinschmeisse und nun in eine Pfarrei im Bernischen gehe.

Er sei ein Koch, formulierten es zwei Katechetinnen letzte Woche in einem Leserbrief, der die Teigwaren versalzt und das Fleisch anbrennen lässt. Ein Koch, der nicht kochen kann.

Kurzum: Siebenmann gehöre am 23. September nicht wiedergewählt, so der Tenor vieler Leserbriefschreiber. Das sagt auch Kurator Markus Fricker, der im letzten Jahr nach dem Abgang von mehreren Kirchenpflegern eingesetzt wurde. In einem mehrseitigen Dokument begründet er seine Abwahlempfehlung. Eine Wiederwahl von Siebenmann würde, davon ist Fricker überzeugt, die Kirchgemeinde auf Jahre hinaus blockieren.

25 negative Leserbriefe

Szenenwechsel. Montagmorgen, 10 Uhr, Gipf-Oberfrick, bei Pfarrer Siebenmann zu Hause. Er hat sich zu einem Gespräch bereiterklärt, das sich nicht um die gegenseitigen Vorwürfe drehen soll, sondern um Fragen wie: Weshalb tut er sich das an? Weshalb hält er bei derart heftigem Widerstand an der Kandidatur fest? Und: Wie geht er mit der Schlammschlacht, wie er das, was abläuft, im Gespräch einmal nennt, um?

Siebenmann öffnet die Türe. Weisses Polo-Shirt, grauer Pullunder, Brille. Er wirkt in sich ruhend, auch wenn man merkt, dass ihm die letzten Wochen zugesetzt haben. Er verfolgt die Debatte um seine Person akribisch, liest jeden Leserbrief, der erscheint. 25 negative Leserbriefe hat er gezählt und diese fein säuberlich dokumentiert. 20 davon, das ist Siebenmann wichtig, «stammen von nur vier Personen».

Wir setzen uns an den Esstisch, hinter ihm, auf dem Sideboard, steht ein Hochzeitsfoto. Siebenmann hat in diesem Jahr geheiratet. Er faltet die Hände. Links zwei Ringe, rechts ein Armkettchen. Er wirkt müde, irgendwie. Und gleichzeitig sehr agil, gedanklich immer auf dem Sprung. Die Fragen beantwortet er mit Bedacht, nimmt sich die Zeit, die er braucht, die richtigen Worte zu finden. Seine Antworten überraschen häufig und sind vielfach nur vor dem Fundament seines Glaubens zu verstehen.

Auf die Frage, wie er sich fühle, überlegt er kurz, formuliert dann einen typischen Siebenmann-Satz. Das Angegriffen-Werden gehe nicht spurlos an ihm vorbei, sagt er, es zehre an den Kräften. «Aber es dominiert nicht meine Existenz.» Denn er spüre zugleich eine grosse innere Freiheit. Dieses Geerdetsein nennt er das Fundament Gottes. Zudem werde er von Menschen um ihn herum getragen; auch ihnen setze das Ganze zu.

Siebenmann schaut aus dem Fenster, überlegt kurz, fügt dann an: «Ich bin in den letzten Monaten unter die Räder gekommen. Dass ich trotzdem noch stehe, ist eine Erfahrung mit Gott, für die ich dankbar bin.» Und, ja, er würde den Weg nochmals gleich gehen. Dass dieser Weg von Anfang an schwierig war, verhehlt er nicht. Auch nicht, dass er dabei Fehler gemacht hat. Er sei durchaus fähig zur kritischen Selbstreflexion, sagt er, eine Selbsteinschätzung, die längst nicht alle Gemeindemitglieder teilen. Was sich Siebenmann wünscht: «Eine sachliche Diskussion», ein gegenseitiges Sich-Zuhören.

Dass er sich trotz Abwahlempfehlung der Wiederwahl stellt, hat auch mit seinem demokratischen Verständnis zu tun. Das Kirchenrecht räume ihm diese Möglichkeit ein und er nutze sie. Siebenmann klaubt eine Unterschriftenliste hervor. 53 Gemeindemitglieder haben für ihn unterschrieben, «darunter auch fünf ehemalige Kirchenpflegemitglieder». Das ist ihm wichtig. Benötigt hätte er, um zur Wahl zugelassen zu werden, 20 Unterschriften.

Vorwürfe setzen ihm zu

Siebenmann wirkt kraftvoll, gleichzeitig aber auch verletzlich und verletzt, wie er von den letzten Monaten spricht. Die Vorwürfe hätten ihm zugesetzt. Weil sie nicht seinem Selbstbild entsprechen; weil er sich missverstanden fühlt; weil er sich einseitig zum Sündenbock abgestempelt sieht; weil die Probleme, wie er sagt, weit vor seine Zeit zurückreichen. Es sei nie darum gegangen, eine Zukunft mit ihm zu bedenken, sondern es heisse stets nur: eine Zukunft mit Siebenmann? Geht nicht. Das sei nicht so, ist er überzeugt, und er will es allen beweisen – wenn er am 23. September wiedergewählt wird.

Zugesetzt hat ihm, dass ausgerechnet in der Institution Kirche, in der ja der Nächste das Zentrale ist (oder doch zumindest sein sollte), ein solches Kesseltreiben möglich ist. «Ich bin ein Mensch und kein Roboter.»

Zugesetzt hat ihm auch jener Vorwurf, er sei mit Schimpf und Schande aus Wohlen, wo er vorher gewirkt hat, weggejagt worden. Er habe hier elf Jahre als Pfarrer gewirkt, sei für die EVP im Einwohnerrat gesessen, sei im Dorf angesehen gewesen, erzählt er. Nach elf Jahren habe die Kirchgemeinde einen Aufbruch gewünscht und er habe diesen mitgetragen. Und dann bringt er wieder einen Satz, den viele nicht verstehen können. Gott habe ihm die Türe nach Frick geöffnet.

Kraft gibt ihm der Zuspruch, den er von Gemeindemitgliedern erfährt. Und Kraft gibt ihm Gott. «In ihm spüre ich Geborgenheit.» Er sehe sich nicht in der Opferrolle, betont er. Und doch ist er eine Art Opfer. Einer Intrige, eines dualen Missverständnisses – oder von sich selbst, je nach Blickwinkel. Es gehe ihm nicht um das Heute, sondern das Morgen, sagt Siebenmann. Konkret um die Frage, mit wem die Kirchgemeinde in die Zukunft gehen will: mit ihm oder dem Kurator, der sich für einen kompletten Neuanfang ausspricht. Er plädiert, wenig verwunderlich, für sich.

Dass der Weg, sollte er wiedergewählt werden, kein leichter sein wird, dass viele Verletzungen da sind, von denen man nicht weiss, ob sie heilen und wenn ja: wann, ist er sich bewusst. Siebenmann glaubt, dass es möglich ist. «Dass ich hier bin, ist kein Zufall», sagt er. Und: «Meine Aufgabe ist noch nicht beendet.» Ans Aufgeben hat er denn auch nie gedacht. Das widerspricht seinem Verständnis von (Gesandt-)Sein.

Es brauche dringend Frieden, sagt er. Darin wird ihm niemand widersprechen. In der Frage, ob dieser Friede mit ihm möglich ist, indes schon. Er ist davon überzeugt. Viele andere nicht.

Den Entscheid, wie auch immer er ausfällt, will er akzeptieren. Er hofft auf zweierlei: darauf, dass trotz Emotionalität eine sachliche Diskussion möglich bleibt. Und darauf, «dass möglichst viele an die Urne gehen und nach ihrem Gewissen abstimmen».

Sein Symbol ist der Regenbogen. «Er ist für mich Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht, dass Gott uns führt.»