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Im Trauer-Kaffee den Emotionen Raum geben

«Es ist in unserer Gesellschaft nicht einfach, sich als Trauernder zu outen»: Monika Lauper hat zusammen mit Jocelyne Kilchoer das Trauer-Kaffee initiiert.

«Es ist in unserer Gesellschaft nicht einfach, sich als Trauernder zu outen»: Monika Lauper hat zusammen mit Jocelyne Kilchoer das Trauer-Kaffee initiiert.

Die beiden Fricktaler Spitalseelsorgerinnen haben ein Trauer-Kaffee initiiert – die ersten Erfahrungen sind gut.

Plötzlich ist sie da, diese Leere, dieser Schmerz, dieses Gefühl, man falle und falle. Ein Mensch, ein naher, ein wichtiger, ein geliebter ist tot. Sein Lachen, seine Worte, sein Blick – sie sind nicht mehr. Die Familie und das soziale Netz vermögen den Trauernden zwar zu stützen, den Schmerz etwas zu lindern. Doch viele Fragen bleiben offen, können nicht gestellt werden, verhallen in der Wortlosigkeit.

Und irgendwann, das erzählen der Rheinfelder Spitalseelsorgerin Monika Lauper Trauernde immer wieder, vermag das Umfeld nicht mehr zu helfen, mag vielleicht auch die immer gleichen Fragen und Worte nicht mehr hören. Sätze wie: «Jetzt ist es schon ein halbes Jahr her; nun musst du endlich loslassen», fallen dann. Verständlich, vielleicht, aber wenig hilfreich.

«Der Raum fehlt in der Gesellschaft, über Todesfälle zu sprechen, die schon etwas zurückliegen», sagt Lauper. Das steht im Kontrast zum Bedürfnis vieler Trauernden. «Als Spitalseelsorgerin mache ich oft die Erfahrung, dass Menschen genau danach suchen: Einen Raum, einen Kreis, in dem sie ihrer Trauer nochmals freien Lauf lassen können, in dem sie mit anderen Menschen, die in der gleichen Situation sind, reden können.»

Gut, es gibt die Trauerbegleitungen. Doch diese sind nicht selten als mehrmalige (Gruppen-)Sitzungen konzipiert und das ist vielen Menschen dann doch zu eng. Deshalb haben Monika Lauper und Jocelyne Kilchoer, Spitalseelsorgerinnen in Laufenburg, in diesem Jahr das Trauer-Kaffee lanciert. Es findet einmal pro Monat statt, alternierend in Rheinfelden und in Frick. «Wir wollen den Menschen die Möglichkeit bieten, sich in ungezwungenem Rahmen mit anderen Betroffenen auszutauschen», erklärt Lauper.

Bewusst haben die beiden Seelsorgerinnen das Trauer-Kaffee nicht im Umfeld des Spitals eingerichtet. «An diesem Ort sind die Erfahrungen des Todes oft zu nahe.» Die Kirche als Absender könne eine Hemmschwelle sein, räumt Lauper ein und betont: «Unser Angebot steht allen offen, unabhängig von der kirchlichen Zugehörigkeit.»

Ohnehin nehmen sich die beiden Seelsorgerinnen, die das Trauer-Kaffee jeweils gemeinsam leiten, zurück. Sie geben einen Impuls, ein Wort, einen Gedanken. Mehr braucht es oft nicht.
Die Trauernden kommen ins Gespräch, ins Erzählen, ins Verarbeiten, ins Diskutieren. Jeder bringt das ein, was ihm wichtig ist. Der eine will nochmals erzählen, offen Gebliebenes aussprechen, aus einer gewissen Distanz zurückblicken. Nicht selten fällt dann der Satz: «Wenn ich nochmals darüber nachdenke, dann sehe ich: Es ist gut.» Andere nutzen das TrauerKaffee, um nach vorne zu blicken, um sich, auch anhand der anderen Biografien, etwas Klarheit darüber zu verschaffen, wie es weitergehen soll.

Kleine Gruppen schaffen Nähe

«Dann gibt es auch Momente, in denen wir grundsätzlich über die Sterblichkeit reden», sagt Lauper. Und manchmal fragt ein Trauernder auch: Ist das normal? Dann erzählen Lauper und Kilchoer von ihren Erfahrungen mit dem Tod, dem Sterben, der Trauer.

An den ersten Treffen nahmen zwischen zwei und fünf Personen teil. «Eine gute Grösse», findet Lauper, denn die Kleinheit der Gruppe ermöglicht Intensität, Vertrautheit, Nähe. «Allzu gross darf die Gruppe nicht sein.» Auch um dies etwas steuern zu können, um zu sehen, was die Bedürfnisse sein könnten, ist eine Anmeldung erwünscht. Und wenn sich nur eine Person anmeldet? «Dann führen wird das Trauer-Kaffee gleichwohl durch – vorausgesetzt, der Trauernde wünscht das.»

Laupers Wunsch ist es, dass TrauerKaffees in der Schweiz zu einer festen Institution werden, so, wie es bereits in vielen anderen Ländern der Fall ist. «Bei uns sind Sterben und Tod zwar ein Thema, doch mehr ein abstraktes», hat die Spitalseelsorgerin beobachtet. «Die praktischen Räume fehlen noch weitgehend.»

Und dort, wo sie vorhanden sind, fehlt vielleicht bei manch einem auch etwas der Mut, sie zu nutzen. «Es braucht für den ersten Schritt Überwindung», sagt Lauper und fügt einen Satz an, der nachdenklich stimmt: «Es ist in unserer Gesellschaft nicht einfach, sich als Trauernder zu outen.» Wer es indes tut, wer die Trauer zulässt, sie mit anderen teilt, macht die Erfahrung: «Es ist befreiend, wenn man trauern darf.»

Als Spitalseelsorgerin ist Monika Lauper oft mit Trauer konfrontiert. «Wir müssen aushalten, dass Menschen trauern», gibt sie Angehörigen mit auf den Weg. «Denn wir können die Trauer nicht auflösen.» Aber die Trauer-Kaffees können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass die Betroffenen ihre Trauer selber auflösen können. Oder zumindest auf diesem Weg einen Schritt weiterkommen.

Wann ist das Ziel erreicht? «Wenn die Leute hinausgehen und sagen: ‹Das hat mir gutgetan›.»

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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