Sisseln

«Im Kopf fliege ich immer noch» - der pensionierte Pilot ist noch nicht ganz gelandet

Als Pilot flog er die Reichen rund um die Welt. Auch in St. Moritz landete er «seine» Jets immer wieder.

Als Pilot flog er die Reichen rund um die Welt. Auch in St. Moritz landete er «seine» Jets immer wieder.

Ernst Metzger (73) war 12000 Stunden in der Luft. Er hat Prominente und Millionäre um die Welt geflogen. Manchmal auch Coiffeure und Kräuter.

Er ist gelandet. Ernst Metzger, 73, einer der ältesten noch aktiven Flugkapitäne der Schweiz. Vor wenigen Tagen ist er von seinem letzten Piloteneinsatz für Jet Aviation nach Hause zurückgekehrt, nach Sisseln, ist nun «ready to land» im Pensioniertsein. Endgültig. Oder?

Seine Frau, Linda Wagner, lacht, sagt: «Kommen Sie mit», steuert auf die Gästetoilette zu, zeigt auf ein Blatt Papier, das dort an der Wand hängt, schon sehr lange, wie die Ecken und Flecken zeigen. Das Blatt ist voller Striche, so viele, «dass ich das Zählen aufgegeben habe». Jeder steht für einen Flugeinsatz – nach der offiziellen Pensionierung 2007. Auf dem Papier ist kaum mehr Platz.

Er ist startklar, ist «ready to take off» für eine virtuelle Reise ins Land seiner Leidenschaft, nimmt den Journalisten mit auf einen atemberaubenden Flug durch sein Pilotenleben, nimmt ihn mit auf seine umgerechnet 160 Flüge rund um den Erdball. So viel war er insgesamt in der Luft, an die 6,4 Millionen Kilometer hat er zurückgelegt, 12 000 Flugstunden im Gepäck. 8000 auf bis zu 19-plätzigen Jets, 4000 auf Kleinflugzeugen.

Ein Anruf genügt

Wie er da sitzt, am Esstisch in seinem Einfamilienhaus, fast direkt am Rhein, wie er erzählt von Oligarchen, die er geflogen hat, von Milliardären, die an Bord kamen, von Stars, denen er die Hände drückte, wird klar: Das Pilotsein war für ihn kein Beruf. Es war Berufung. Es sei wie in jedem Beruf, sagt er. Es gebe die Piloten, die einen guten Job machen – genau bis zum Tag ihrer Pensionierung. Und dann gebe es die wie ihn, die «Fliegernarren», die jedem Flugzeug nachschauen, die stets auf dem Sprung sind.

Wenn ein Anruf kam, ein Pilot sei ausgefallen, ein Anschlussflug klappe nicht, dann liess er nicht selten alles stehen und liegen, eilte ins Schlafzimmer, nahm seinen Koffer und war weg. Spontaneität ist ein Teil seiner Lebensphilosophie. Für seine Frau, die ihn gerne und oft begleitete, war das selbstverständlich. «Es ist sein Leben.»

Ernst Metzger, 73, ist seit wenigen Tagen pensioniert.

Ernst Metzger, 73, ist seit wenigen Tagen pensioniert.

Dazu gehört, dass er die Welt sah, auch jene der Stars und Sternchen. Sepp Blatter hat er zu Zeiten seiner Höhenflüge oft geflogen, Prinz Edward war an Bord, Keanu Reeves, La Toya Jackson, Michail Chodorkowski («ein netter Typ») und Udo Jürgens. Zum Sänger hatte er einen guten Draht, man sprach, man scherzte. «Und am Geburtstag rief er mich an, um zu gratulieren.» Er habe ihn tief beeindruckt, als Sänger und als Menschen. Er war, wenn man so will, ein ehrenwertes Haus.

Coiffeur aus Mailand eingeflogen

Ernst Metzger verstummt, blättert im Fotoalbum, lacht bei einer Aufnahme, schmunzelt bei einer anderen. Er hat viel erlebt mit seinen Promis, doch preis gibt er kaum etwas. Diskretion ist nicht nur Ehrensache, sie ist Geschäftsmodell. Er spricht «von der Unternehmerin aus Deutschland», wenn er von jener Frau erzählt, die er an die elf Jahre geflogen hat. Nicht immer war sie selbst an Bord. Manchmal flog er auch ihren Coiffeur aus Mailand ein, brachte Kräuter zum Koch nach Nizza oder holte Schmuck in Genf ab.

Er spricht vom «Grossinvestor aus China», wenn er erzählt, wie er diesen in 14 Tagen rund um die Welt geflogen hat; Ferien auf Milliardärsart. Schnell übers Wochenende nach Bali, ein Abstecher ins Kasino nach Brisbane – alles möglich, alles erlebt. «Die Flüge waren zum Teil abenteuerlich.»

Das Leben leben war stets das Motto von Ernst Metzger. Er machte eine Ausbildung als Werkzeugmacher, besuchte die Abendhandelsschule, ging für vier Jahre nach Australien, zuerst als Mechaniker in einer Druckerei, dann als Sachbearbeiter für Siemens. «Eine geniale Zeit», sagt er, eine Zeit, die ihm die Doppelbürgerschaft einbrachte – «und viele unvergessliche Flugerlebnisse».

Eines hat sich ihm, der drei Jahre vor seinem Australienaufenthalt in Schupfart das Fliegen gelernt hat, es von Fluglehrerlegende Alfred Birrer gelernt hat («der beste Fluglehrer») – ein Erlebnis hat sich ihm besonders eingebrannt. Ein langes Wochenende im Busch sollte es werden; eine Woche wurde daraus. Denn die gechartete Propellermaschine soff nach Dauerregen im Morast ab; ein Start war unmöglich. Nach einer Woche «als halb Verschollener» kehrte er nach sieben Tagen zurück. «Glück gehabt.»

Luftwaffe zwang ihn zum Landen

Mit Glück hat das Fliegen indes nichts gemein, ja: Darf es nicht haben. Es ist die Mischung aus Naturtalent, Erfahrung und dem richtigen Riecher, die ihn zum guten Piloten macht. Heikle Situationen habe er in all den Jahren nie erlebt, sagt er, mal abgesehen von den unvermeidlichen Wetterkapriolen.

Er lacht, herzhaft. Einmal habe er einem Unwetter nicht ausweichen können, die Maschine sei fast vier Stunden lang durchgeschüttelt worden. «Der Chef war nicht so zufrieden», sagt er, zuckt mit den Schultern. «Ich konnte nichts machen.» Ein anderes Mal streifte er auf dem Rückflug von einer Ferienreise nach Nepal mit einer Cessna den irakischen Luftraum. «Zwei Kampfflugzeuge zwangen uns zur Landung.»

Sehr viel «gelandet» hat Ernst Metzger zeit seines Lebens. 1974, nach seiner Rückkehr aus Australien, heuerte er bei Jet Aviation, die weltweit über 150 Business- und Privatjets betreibt, an. Die ersten elf Jahre war er Logistiker. «Auf Einladung der Firma», wie er es nennt, machte er nebenbei den Fluglehrer. Wieder lacht er. «Karrieremässig war ich ein Spätzünder», sagt er, dafür zündete er danach den Pilotenturbo.

Bis zu 230 Tage pro Jahr war er ab 1985 als Pilot und Fluglehrer in der Luft. Und daran konnte auch seine offizielle Pensionierung, 2007, nichts ändern. «Am Tag danach war ich schon wieder im Einsatz.» Erst in den letzten 2, 3 Jahren ist es etwas ruhiger geworden.

«Etwas», betont seine Frau, die am Stubentisch in den Fotoalben blättert. Erinnerungen. An das Gestern. Im Heute. Etwa an die Anflüge auf den «gefährlichsten Flughafen der Welt», wie es im Internet heisst, jenen auf der Insel St. Martin in der Karibik. In weniger als 20 Meter Höhe donnern die Maschinen im Landeanflug über die Köpfe der Strandbesucher hinweg. Manche von ihnen werden vom Rückstrahl ins Meer geblasen.

Im Kopf fliegt er weiter

Ist Ernst Metzger gelandet? Durchaus, sagt er, er könne nun seinem Hobby, dem Golfen, mehr frönen. Handicap 18 hat er derzeit. «Das lässt sich noch deutlich verbessern.»

Ist er gelandet? Eher nein, sagen seine Augen, die immer noch jenes Funkeln in sich tragen, von dem Reinhard Mey singt: «Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen.»

Über den Wolken ist Ernst Metzger aber auch so nach wie vor tagtäglich. «Im Kopf fliege ich immer noch.»

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