Sie gedeiht prächtig, die THC-arme und damit legale Riesen-Cannabis-Pflanze auf dem Hanferlebnishof in Zeiningen. Aktuell ist sie rund 1,7 Meter hoch und verschlingt rund 30 Liter Wasser pro Tag. Eine Kugel mit einem Durchmesser von drei bis vier Metern soll sie bis im Oktober werden, wenn geerntet wird. Stevens Senn, Geschäftsführer der Pure Production AG, erwartet, dass die Pflanze einen Blütenertrag von rund zwei Kilogramm abwerfen wird; eine normal grosse Pflanze bringt rund 200 Gramm.

Die Riesen-Pflanze, die im Mai in einen 15'000-Liter-Topf gesetzt wurde und dereinst den Titel «grösste CBD-Cannabis-Pflanze der Schweiz» einheimsen wird, ist Teil eines Forschungsprojektes, das Senn zusammen mit der ETH Zürich durchführt. «Es geht darum, herauszufinden, wie hoch der maximale Ertrag einer Outdoor-Pflanze ist», erklärt Senn. Dazu wurden rund 1000 Pflanzen in verschieden grosse Töpfe gesetzt. «Wir werden daraus unsere Lehren für die kommende Outdoor-Saison ziehen», erklärt Senn seine Motivation, beim Projekt mitzumachen.

Ein ähnliches Wachstum wie die Riesenpflanze hat auch Senns Firma hingelegt. Was im Januar 2017 als Kleinbetrieb gestartet ist, zählt nun bereits 36 Mitarbeitende. Zur Pure Production kamen in den letzten 18 Monaten drei weitere Firmen hinzu, die nun gemeinsam unter dem Dach der Pure Holding AG firmieren. «Mit einem so schnellen Wachstum habe ich nicht gerechnet», sagt Senn.

Dass seine Firma heute «zu den führenden CBD-Anbietern der Schweiz» gehört, wie er es ausdrückt, sei «der Lohn für die harte Arbeit der letzten Monate». Monate, in denen der Schweizer Cannabis-Markt arg durchgerüttelt wurde. Viel zu viele Produzenten und Händler sahen im CBD-Boom ihre Chance, schnelles Geld zu verdienen, sodass es heute deutlich zu viele Anbieter gibt.

Rauschfreier CBD-Hanf boomt

Rauschfreier CBD-Hanf boomt

Seit der CBD-Hanf legalisiert wurde, boomt die Zeiniger Firma «Pure Production». Stevens Senn ist somit einer der grössten Schweizer Hanfproduzenten. (September 2017)

«Der Markt ist übersättigt», sagt auch Senn. Er schätzt, dass etwa fünfmal so viel CBD-Hanf produziert wird, wie es braucht. «Etliche Produzenten mussten bereits die Segel streichen», weiss Senn. Eine Bereinigung werde es auch bei den Läden geben. «Der Trend geht weg von den kleinen Verkaufsgeschäften hin zu den grossen Retailern.» Seit die Grossverteiler CBD-Produkte im Sortiment haben, «ist es für die Kleinen eng geworden», so Senn. Er selber beliefert vor allem Grosskunden wie die Valora-Kette.

Für Senn ist klar: «Die Bereinigung ist noch nicht abgeschlossen. In den nächsten Monaten werden weitere Produzenten und Läden verschwinden.» Senn wirft einen prüfenden Blick auf ein Blatt der Riesen-CBD-Pflanze, nickt. «Beim Boom sprangen viele auf. Nun trennt sich der Spreu vom Weizen.»

In fünf EU-Ländern am Start

Sein Unternehmen setzt derweil zur nächsten Ähre, pardon: zum nächsten Sprung an. Nach Europa. «Wir wollen weiter wachsen und das können wir in der Schweiz nicht», sagt Senn. Mit der neu gegründeten Firma Pure Europe, die ebenfalls Teil der Holding ist und ihren Sitz in Luxemburg hat, will er den europäischen Markt Land für Land angehen. Der erste Onlineshop, jener für Deutschland, Österreich, Italien, Spanien und Frankreich, wurde am Donnerstag gelauncht. Beliefern wird er aber auch Grossisten im EU-Raum.

«Rund um die Schweiz geht derzeit die CBD-Post ab», sagt Senn. Dort wiederhole sich, was sich in der Schweiz vor gut zwei Jahren abgespielt habe: ein Run auf legale Cannabis-Produkte. Sein Ziel ist es, «eine möglichst grosse Scheibe von diesen neuen Märkten abzuschneiden.»

Gleichzeitig mit dem Start ins Europa-Geschäft hat Senn auch seine Produktpalette um fast zwei Drittel gestrafft und die Produkte neu gebrandet. Aus dem Sortiment geflogen sind all jene Produkte, die nicht auf CBD-Basis sind. Dafür kamen neben den Tabakersatzprodukten weitere hanfhaltige Nahrungsergänzungen hinzu, etwa Drops oder Bonbons, die sein Unternehmen selber herstellt. «Solchen Produkten gehört die Zukunft», ist Senn überzeugt. Er stellt eine Verlagerung bei den Kundenbedürfnissen fest. «Der Markt fing mit Tabakersatzprodukten an. Heute haben wir mehr Kunden, die CBD-Produkte für die Gesundheit kaufen.»

Die Zulassung in der EU hat sieben Monate gedauert und «doch einige Nerven gekostet», sagt Senn. Und der Schritt nach Europa hat Investitionen im 6-stelligen Bereich nach sich gezogen: Ein neues Labor musste – auch wegen den Lebensmitteln – aufgebaut werden, das Labeling für jedes Land einzeln gelöst werden. «Die Investitionen werden sich auszahlen», ist er überzeugt.

In diesem Jahr wird Senn in seinen Kulturen rund 15 Tonnen CBD-Hanf ernten. «Plus zwei Kilo von der Riesen-Pflanze», fügt er schmunzelnd hinzu.