Erst wenn der Blick den Leitern in die Hochstammkronen folgt, entdeckt man die Kirschpflücker. Es sind Männer aus Eritrea, Somalia, Burma, Ägypten.

Das Idyll in der Kirschplantage hoch über dem Fricktal scheint perfekt, wäre da nicht jene Last spürbar, die diese jungen Männer abends wieder zu Boden zieht. Dann, wenn sie in ihre Unterkünfte zurück nach Möhlin, Kaiseraugst oder Stein fahren. Solange sie können, geniessen sie das Privileg, für einige Tage Beschäftigung zu haben.

«Die Arbeit in den Bäumen befreit mich von meinen nächtlichen Gedanken an die Vergangenheit», erzählt ein Flüchtling. Seit 10 Monaten ist der gebürtige Burmese in der Schweiz. Weil er gegen die Diktatur in seiner Heimat aufbegehrte, drohten ihm die Militärschergen Burmas. Auch Ägypten bot dem einstigen Medizinstudenten keine Zuflucht mehr, war er doch wegen des Visums und den Dokumenten der Universität leicht zu finden. Der 27 Jährige ist einer der wenigen Männer, die sich trauen, ihre Geschichte zu erzählen. Die meisten bleiben lieber unentdeckt in den Bäumen.

RAV zu teuer für Kirschernte

«Wir arbeiten bereits seit 20 Jahren mit Asylsuchenden», berichtet Martin Schmid, Landwirt aus Gipf-Oberfrick. «Ohne sie müssten wir die Bäume umtun.» Zu gross und zu teuer wäre der Aufwand für die Pflege und Ernte. Nur einmal gab es ein Intermezzo, als man die Zusammenarbeit mit Arbeitslosen vom RAV ausprobierte. Den Stundenlohn für die Arbeiter können sich die Bauern aber nicht leisten. Hochstammchriesi bringen keinen grossen Profit, sondern werden für 1.65 Franken das Kilo an die Konservenfabrik verkauft.

Die Asylsuchenden haben eine Taglöhnerversicherung, bekommen 50 Franken am Tag und eine währschafte Mahlzeit, die die Landwirtinnen selber kochen. «Schwienigs kocht ich selten, weil das nicht alle essen dürfen», erklärt Teryle Schmid.

Zufrieden mit der Arbeit der Asylsuchenden

Die Verständigung zwischen den Kulturen klappt gut. «Ich spreche immer Deutsch, aber wenn gar nichts mehr geht, kann ich plötzlich Englisch», erklärt sie und lacht. Mit der Leistung der Asylsuchenden sei man sehr zufrieden. «Nie gibt es Streit und alle freuen sich, dass sie mitarbeiten dürfen», sagt Schmid.

Dass die Flüchtlinge bei den Landwirten arbeiten können, verdanken sie Lukas Siegfried. Vor vier Jahren begann er, sein Beschäftigungsprogramm für Asylbewerber vom Kanton Baselland auf den Aargau auszudehnen. «Die Asylsuchenden baten mich, auch im Fricktal nach Landwirten zu suchen, bei denen sie arbeiten können», erzählt Siegfried.

Heute sind die Wartelisten Siegfrieds lange. Alle wollen arbeiten, damit sie für ein paar Stunden ihren Erinnerungen entfliehen können. Die Landwirte sind froh um die helfenden Hände, besonders «wenn sie so geschickt sind, wie jene dieser emsigen Männer», sagt Schmid.