Langfinger
Im Fricktal gehen die Diebe um – selbst WC-Papier wird gestohlen

Langfinger schlagen in Läden ebenso zu wie in Hotels und Bibliotheken. Es kommt alles weg – auch WC-Papier.

Thomas Wehrli
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Sieht mich wer? In Kleiderläden werden oft Teile entwendet, die in die Handtasche passen.

Sieht mich wer? In Kleiderläden werden oft Teile entwendet, die in die Handtasche passen.

Thinkstock

Ein Blick zurück. Sieht mich wer? Nein! Ein Blick nach rechts. Auch hier freie Bahn? Ja! Also, ab in die Tasche mit dem guten Stück. Drei, zwei, eins – meins.

Eine Szene, wie sie sich so oder ähnlich tagtäglich irgendwo im Fricktal abspielt. (Laden-)Diebstahl. Eine Umfrage der az zeigt: Es gibt so gut wie nichts, was vor dreisten Langfingern sicher ist. Süsswaren, Schmuck, Kleider, Filme, Kosmetika, Deko-Artikel, Alkohol, Zigaretten, Handys. Geklaut wird alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Die Läden halten dagegen. «Wir setzen auf sichtbare und unsichtbare Diebstahlprävention», erklärt CoopMediensprecher Ramón Gander. Auch bei der Migros ist man mit verschiedenen Massnahmen bemüht, «den Langfingern das Leben so schwer wie möglich zu machen», wie Migros-Sprecherin Andrea Bauer sagt. Details nennt sie «aus taktischen Gründen nicht». Ein zentraler Faktor im Sicherheitsdispositiv: die Mitarbeiter. «Das Verkaufspersonal wird zu diesem Thema geschult», sagt Volg-Sprecherin Tamara Scheibli.

400

Franken verliert die Stadtbibliothek Rheinfelden pro Jahr, weil Kunden Filme mitlaufen lassen und Bücher nicht mehr zurückbringen.
Ein Warnschild mahnt: «Diebstahl hat eine Anzeige und Umtriebskosten von Fr. 100.-- zur Folge.»

Verhindern können weder Personal noch Kameras die Diebstähle ganz. «Pro Woche erwischen wir mehr als 50 Diebe in flagranti», sagt Bauer für die Verkaufsregion Aargau, Bern und Solothurn. Bei Coop geht man davon aus, dass rund ein Prozent des Gesamtumsatzes Diebstählen zum Opfer fällt.

Bei den Langfingern gefragt sind bei Coop und Volg Alkohol und Zigaretten. Bei der Migros sind es «kleine, teure Artikel, insbesondere aus dem Kosmetik-Bereich», erklärt Bauer und nennt als Beispiel Rasierklingen. Aber, man staune: «Auch Käse und Fleisch» sind gefragt. Diebstahl macht hungrig.

Gar von «zwei bis drei Prozent des Gesamtumsatzes», der gestohlen wird, spricht Pascal Weber von der Chicorée Mode AG. Bei Langfingern besonders beliebt: Schmuckartikel. Jrène Jost von der Charles Vögele Mode AG dagegen nennt die Deliktsumme «sehr niedrig» – und lobt explizit die Fricker Filiale: Sie habe eine sehr niedrige Inventurdifferenz. «Sie liegt weit unter dem Schnitt in der Schweiz und im Konzern.» Ob das nun an den ehrlichen Fricktalern liegt oder doch eher an der Warensicherungsanlage, die vor einiger Zeit installiert wurde, bleibe dahingestellt. Wenn etwas wegkommt, dann häufig «die Teile, die man einfach einstecken kann».

Hygieneartikel auf Abwegen

Doch nicht nur Läden werden von den Langfingern heimgesucht – auch in Bibliotheken, Bade- und Wellnessanlagen und Hotels treiben sie ihr Unwesen. Hier verschwinden die Gegenstände allerdings meist weniger wegen des Warenwertes, sondern weil man ein Andenken möchte. Aus den Dieben werden, wenn man es schönreden will, Souvenirjäger.

Jolanda Laier vom Hotel Platanenhof in Frick schätzt die jährliche Deliktsumme auf rund 2500 Franken. Derzeit werde sehr wenig entwendet, sagt sie. Gefragt sind, man ahnt es: Deko-Artikel, Werbematerial von angesagten Brands wie Gläser und Aschenbecher im Restaurant; Regenschirme, Handtücher und Kosmetikartikel im Hotel. Doch es geht noch dreister: Selbst vor WC-Papier, zur Verfügung gestelltem Hygienematerial und Raumerfrischern macht die Geiz-ist-Geil-Fraktion nicht Halt. Beim Platanenhof schützt man sich, indem man die Frotteewäsche nicht mit dem Hotel-Logo versieht. «Das vermindert den Souvenir-Wert um 100 Prozent», sagt Jolanda Laier und fügt verschmitzt hinzu: «Die Flach-TVs in den Zimmern sind grösser als die handelsüblichen Koffer.»

Bei der Schützen Rheinfelden AG, die drei Hotels im Städtchen betreibt, schätzt man das Mitlaufen-Lassen ebenfalls als eher kleines Problem ein. Auch hier verzichtet man auf Logos auf den Hotel-Waren. Wenn etwas wegkommt, dann sind es Kleiderbügel, Schuhlöffel, Frotteewäsche und Bademäntel. Marketingleiterin Sarah Behringer weiss aber auch: «Generell ist eben die Hemmschwelle relativ niedrig, da Gäste im Zimmer quasi anonym Sachen mitgehen lassen können.»

Ähnlich tönt es beim Parkressort in Rheinfelden. Hier kommen im Hotelleriebereich auch schon mal Besteck oder «spezielle Kopfkissen» weg, wie Michèle Adler von der Marketingabteilung sagt. Auch in der Wellnesswelt «sole uno», die ebenfalls zum Parkressort gehört, kommen ab und an Gegenstände der Gäste oder des Betriebes weg – etwa Duschutensilien, Badebekleidung oder Handtücher. Daran ändert auch nichts, dass Teile des Bades und der Garderobenbereiche kameraüberwacht und die Waren mit einem Chip-System gegen Diebstahl gesichert sind.

Auch Paul Gürtler, Betriebsleiter des Freizeitzentrums Vitamare in Frick, kennt das Langfinger-Problem – besonders im Freibad. Dort werden meist Geldbeutel und Smartphones entwendet, «die unsere Gäste meinen, unter dem Badetuch verstecken zu können.»
Glück hat dagegen Philipp Weiss von Fricks Monti. «Wir sind nie betroffen von Diebstahl», sagt er. «Bei uns werden nur Herzen gestohlen.»

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