Zeiningen
Im Arzneipflanzengarten gibt der Löwenzahn seine Geheimnisse preis

Seit fünf Jahren wachsen im Garten von Klaus und Silvia Senn Arzneipflanzen. Die richtige Anwendung der Pflanzen bringt Silvia Senn den Besuchern des Gartens an Führungen oder Thementagen näher. Bald sollen auch Drogisten und Apotheker kommen.

Nadine Böni
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Rund 130 Pflanzenarten wachsen im Garten von Silvia Senn. Nadine Böni

Rund 130 Pflanzenarten wachsen im Garten von Silvia Senn. Nadine Böni

Silvia Senn zeigt auf den Kirschbaum. «Wunderschön, oder?», fragt sie. Die weissen Blüten des Baumes leuchten regelrecht in den Strahlen der Morgensonne, die über dem Zeinigerberg aufgeht. Es sind auch solch kleine Dinge, die ihr Freude bereiten an ihrem Arzneipflanzengarten.

130 Pflanzenarten

2009 übernahm Silvia Senn mit ihrem Mann Klaus den Arzneipflanzengarten vom schweizerischen Institut für Vermehrung von Arzneipflanzen zur Herstellung von Phytopharmaka. Dieses zog damals in die Ostschweiz und übergab de Garten dem Dreiklang. In einem Bewerbungsverfahren setzte sich Silvia Senn gegen mehrere Mitbewerber durch. Als Bäuerin war sich Senn den Umgang mit Pflanzen ohnehin gewohnt. Und als medizinbiologische Laborantin verfügt sie auch über eine geeignete Grundausbildung. «Es hat einfach gepasst», sagt Senn.

Person im Fokus

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Fünf Jahre später wachsen im Garten neben dem Hof der Familie Senn rund 130 Pflanzenarten. Beim Aufbau hatte Silvia Senn anfangs Unterstützung durch eine Arzneipflanzenfachfrau. Sie half etwa bei der Samengewinnung und Aussaat, deren Zeitpunkt «eine Wissenschaft für sich ist», wie Senn erklärt. Inzwischen macht sie das alles alleine.

Jede hat ihren Platz

Eine Liste zeigt, wie viele Pflanzen einer Art gesät werden müssen und wann dies zu tun ist. Auf einem Plan hat Senn eingezeichnet, wo welche Pflanze platziert sein soll. Sein soll, weil sich die Pflanzen nicht immer daran halten. Das Tausendgüldenkraut etwa verbreitet sich schnell. So setzt Senn auch schon mal den Spaten an, um die Pflanze an ihren zugewiesenen Platz zu versetzen.

Wenn Senn über eine Pflanze redet, so benutzt sie fast immer deren lateinischen Namen. «Anfangs habe ich gedacht, dass ich die Namen nie lernen werde», sagt sie und lacht. «Aber irgendwann hat man das Latein intus. Und manche Namen tönen einfach schön.» Atropa belladonna etwa – die Schwarze Tollkirsche – gefällt Senn besonders.

Mit Löwenzahn gegen Gicht

Taraxacum officinale heisst eine andere Pflanze, die es Silvia Senn angetan hat. Der Löwenzahn. Eine Pflanze, in der Öffentlichkeit nicht eben für ihre Schönheit oder Beliebtheit bekannt. Im Gegenteil: Welcher Gartenbesitzer hat nicht schon einmal eine der gelben Blüten als Unkraut ausgerissen? Trotz seines Namens – in Zeiningen wird der Löwenzahn auch Sonnenwirbel genannt – führe die Pflanze «ein Schattendasein», wie Senn sagt. Dabei kann daraus eine hilfreiche Tinktur, Tee und anderes hergestellt werden.

Silvia Senn nimmt selber jeweils vor dem Essen ein paar Tropfen der Tinktur ein. Diese wirkt verdauungsfördernd, regt den Stoffwechsel an und stärkt Leber und Galle. Die richtige Anwendung kann Arthrosebeschwerden lindern und die Heilung von Blasenentzündungen fördern.

Die Anwendung der Arzneipflanzen bringt Silvia Senn den Besuchern des Gartens an Führungen oder Thementagen näher. Im Juni steht etwa der vierte Frauentag an, mit dem Thema Brustgesundheit. Bei den Führungen gehe es um die Vor- und Nachteile, aber auch die Grenzen der Arzneipflanzen. Denn deren Wirkung wird nicht nur oft unterschätzt, sondern genau so oft überschätzt. Und: «Eine falsche Anwendung kann negative Auswirkungen haben», warnt Senn.

Im kommenden Winter will Silvia Senn ein neues Projekt starten. Drogisten und Apotheker aus der Region sollen mit ihrer Kundschaft Führungen im wissenschaftlich angelegten Garten veranstalten und dazu auch den Kursraum im ehemaligen Stall des Hofs nutzen können.

Ästhetik unter der Erde

Auch sonst gehen ihr die Ideen nicht aus, sind die Pflanzen noch weit davon entfernt, sie zu langweilen. Im Gegenteil: «Je mehr ich weiss, desto grösser wird mein Interesse und die Faszination für die Pflanzen, ihre Fortpflanzung und die Tricks und Kniffs, die sich die Natur für ihr Überleben hat einfallen lassen», sagt Senn.

Vor einigen Monaten hat sie das verborgene Leben der Pflanzen für sich entdeckt. «Bisher waren mir die Wurzeln – ausser sie sind essbar – eigentlich egal», sagt Senn. Im Herbst holte sie den Spaten und räumte den Garten. In einem Kurs bei Naturarzt René Schwarz (www.zusammenhaenge.ch) lernt sie nun unter anderem die Ästhetik der Pflanzen kennen, nicht nur der Blüten und Blätter, sondern auch jene unter der Erde. So kann etwa der Löwenzahn bis zu zwei Meter lange Wurzeln bilden – «was erklärt, weshalb er so schwer zu entfernen ist», sagt Senn mit einem Lachen.

200 Stunden im Garten

Senn verbringt rund 200 Stunden jährlich mit Arbeit rund um den Garten. Eignet sich das Wissen aus Fachbüchern an, trifft sich mit anderen Fachpersonen zum Austausch, jätet, pflanzt, giesst, hegt und pflegt. In der idyllischen Ruhe des Gartens könne sie die Gedanken gehen lassen. «Hier kann ich wirklich über alles Mögliche nachdenken – oder mich von den Gedanken ablenken, wenn ich das will», so Senn.

Oder sie erfreut sich einfach an den kleinen Wundern, die die Pflanzenwelt bietet. Etwa die in der Morgensonne leuchtenden Blüten des Kirschbaums. «Das kann man mit Geld nicht aufwiegen», sagt sie. Deshalb ist es auch nur ein nebensächliches Ziel, dass der Garten einst rentieren soll. «Das wäre schön, ist aber nicht essenziell.» Vielmehr hofft sie, dass sie mit dem Schaugarten das Wissen um die medizinischen Aspekte der Pflanzen besser und einfacher vermitteln kann.

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