Möhlin
Ihr Hilfswerk liefert jedes Jahr 100 Tonnen Güter nach Ungarn

Monika Weibel ist seit fast zehn Jahren im Hilfswerk Gesellschaft Helvetia-Hungaria tätig. Für ihr Engagement wurde sie letzten Sommer ausgezeichnet: Sie erhielt das Silberne Verdienstkreuz der Republik Ungarn.

Nadine Böni
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Monika Weibel hat für ihr Engagement das Silberne Verdienstkreuz der Republik Ungarn erhalten.

Monika Weibel hat für ihr Engagement das Silberne Verdienstkreuz der Republik Ungarn erhalten.

NBO

Es war ein Zufall. Vor über zehn Jahren wollte Monika Weibel auf der Post in Möhlin einen Brief aufgeben, ein paar Tage vor dem 1. Mai. Vor der Post traf sie auf Andreas Burckhardt, der rote Flyer an die Passanten verteilte. Die Farbe der Flyer, der Zeitpunkt – Weibel schossen sofort schlechte Erinnerungen an den Kommunismus in ihrer Heimat durch den Kopf.

Burckhardt aber konnte sie beruhigen. Er verteile die Flyer für ein Konzert der Gesellschaft Helvetia-Hungaria (GHH, siehe Box rechts). «Gesellschaft Helvetia-Hungaria? Da muss ich doch dabei sein», antwortete Weibel. Mittlerweile ist sie Vizepräsidentin der Sektion Nordwestschweiz und seit kurzem Zentralpräsidentin der gesamtschweizerischen Gesellschaft.

Wurzeln im Krieg

Die Gesellschaft Helvetia-Hungaria (GHH) basiert auf der «Schweizerischen Hilfsorganisation für ungarische Kinder», die der Pfarrer Carl Irlet nach dem Ersten Weltkrieg gründete. Er lud zwischen 1920 und 1928 mehrere tausend Kindern aus Ungarn zur Erholung in die Schweiz ein. Während des Zweiten Weltkriegs und der Zeit des Kommunismus kamen die entstandenen Beziehungen praktisch zum Erliegen. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 wurden sie wieder aufgenommen. Schliesslich wurde am 5. Mai 1991 die heutige GHH gegründet. Heute gehören dem Hilfswerk die Sektionen Fribourg, Lausanne, Tessin, Zürich und Nordwestschweiz an. Sie betreuen über zwei Dutzend Projekte in Ungarn sowie für ungarische Minderheiten in der Ukraine, der Slowakei und in Rumänien. (nbo)

Anfangs sammelte sie Hilfsgüter für Ungarn, etwa Kleider und Geschirr, in ihrer 4-Zimmer-Wohnung in Möhlin. Bald stapelten sich die Kartonschachteln. Bis schliesslich wirklich kein Platz mehr war und Weibel auch noch den Parkplatz in der Garage vollstellte und dann noch einen zweiten Parkplatz. «Irgendwann kam die Verwaltung und sagte, dass es so nicht weitergeht», erzählt Weibel und lacht.

Hilfe aus Wallbach

Vorübergehend konnte sie die Hilfsgüter bei einem Landwirt in der Scheune unterbringen. Und dann meinte es der Zufall wieder gut mit ihr. An einem Sonntagnachmittag sprachen Familienangehörige über Weibels Hilfsprojekt und «jemand kannte jemanden, der jemanden kannte», sagt Weibel. Jedenfalls meldete sich kurze Zeit später Markus Zumsteg von der Firma Novoplast AG in Wallbach bei ihr.

Seither stellt die Firma einen Lagerraum für die Hilfsgüter zur Verfügung. Dort sortiert Weibel mehrmals in der Woche Textilien, Geschirr, Besteck, Fahrräder, Rollstühle, Möbel, Spielzeug oder Schulbänke. Auch bei der Lieferung nach Ungarn hilft Novoplast. Ein Lastwagen, der Waren von der Produktionsstätte in Ungarn in die Schweiz transportiert, nimmt die Hilfsgüter auf dem Rückweg mit. Viermal im Jahr fährt so ein voller Lastwagen in Richtung Ungarn. Das sind rund 100 Tonnen im Jahr.

In der ungarischen Ortschaft Sárszentmihály und der benachbarten Stadt Székesfehérvár in der Nähe des Plattensees nimmt das Pfarrerehepaar Béla Turbucz und Virág Szabó die Hilfsgüter entgegen. Sie veranstalten Märkte, an denen sie die Güter verkaufen.

«Sie wissen um die finanzielle Lage der Menschen und verkaufen die Güter zu Preisen, die sie sich leisten können», sagt Weibel. Mit dem eingenommenen Geld kauft das Pfarrerehepaar dann Lebensmittel oder Medikamente für bedürftige Menschen und spendet an Heime. Neben den Hilfsgüter-Lieferungen unterstützt die Sektion Nordwestschweiz der GHH zwei ungarisch-sprachige reformierte Gymnasien in den ukrainischen Städten Nagydobrony und Nagybereg sowie ein Behindertenheim in Zorctornya in der Slowakei.

Endlich ein eigenes Bett

Vor dem Gymnasium in Nagybereg konnte etwa dank finanzieller Hilfe aus der Schweiz ein neues Trottoir gebaut werden. Das Mädchen- und Knabeninternat hat neue Betten und Schränke erhalten, die Mensa wurde renoviert und die Badezimmer saniert. Die finanziellen Mittel dafür kamen aus der Schweiz, von Privatpersonen, von der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde in Möhlin oder von Kollekten, die beispielsweise während Konzerten aufgestellt wurden.

Zweimal im Jahr reist auch Monika Weibel nach Ungarn, um sich die Situation vor Ort anzuschauen. «Die Menschen zeigen mir immer voller Enthusiasmus, was mit den Hilfsgütern geschehen ist», sagt Weibel. Etwa, wenn eine Familie endlich an einem Tisch essen kann. Oder alle ein eigenes Bett haben.

Für ihre Hilfstätigkeit wurde Weibel im vergangenen Jahr von höchster Stelle ausgezeichnet: Sie hat im Sommer das Silberne Verdienstkreuz der Republik Ungarn erhalten. Der Orden freue sie zwar, sagt Weibel, er mache sie stolz – «aber noch schöner ist es, wenn ich vor Ort die Dankbarkeit der Menschen sehe».

Momentan ist sie daran, sich in die Aufgaben als Zentralpräsidentin der Gesellschaft Helvetia-Hungaria einzuarbeiten. Sie besitzt eine Landkarte von Ungarn mit angrenzenden Gebieten Rumäniens, der Ukraine und der Slowakei mit ungarisch-sprachiger Bevölkerung. Auf dieser Karte sind die Ortschaften hervorgehoben, in denen schon Hilfe geleistet wurde und immer noch wird. Hilfe in Form von Hilfsgütern, Geldspenden und Wissenstransfers. Kein Wunder also sagt Monika Weibel: «Mir wird nicht langweilig.»

Werbeaktivitäten geplant

Sie will in Zukunft die Werbetrommel rühren für die GHH, die Projekte bekannter machen. Und Menschen finden, die bereit sind, zu helfen, denn – das gibt Weibel zu – zu viel Nachwuchs hat die GHH nicht. Schon bald soll Spenden direkt auf der Homepage (www.helvetia-hungaria.ch) möglich sein. Durch kulturelle Anlässe wie Konzerte kann einerseits Geld gesammelt und sollen andererseits die Menschen vernetzt werden.

Denn Weibel will die Menschen kennen, die in der Schweiz helfen. Und jene, die in Ungarn, in der Ukraine oder in der Slowakei ihre Hilfe bekommen. «Die Kontakte sind das Wichtigste», sagt Weibel. «Sie schaffen Vertrauen, weil wir nicht wollen, dass unsere Hilfe in die falschen Hände kommt.»

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