Der Abschied. Er steht für den Tod im Leben, für die Vergänglichkeit im Unsterblichkeitswahn, für die Wahrheit in der Illusion des Seins.

Der Abschied. Er ist Trauer und Hoffnung. Er ist Weinen und sich schmunzelnd Erinnern. Er ist Haltlosigkeit und Haltsuche. Er ist am Abgrund-Stehen und Ankerpunkt-Sein.

Der Abschied. Er ist Vergangenheit im Heute und Hoffnung für das Morgen. Er ist, nein: Er war Ritual, das früher meist nach dem gleichen Muster ablief: Sterbegebet, Messe nach Schema F, angereichert mit dem Lebenslauf des Verstorbenen, vom Pfarrer verlesen; Beisetzung, Leichenmahl, Dreissigster, Jahrzeit.

Heute ist der Abschied anders, individueller, persönlicher. «Und das ist gut so», sagt Bernhard Lindner, der seit
20 Jahren als Seelsorger wirkt und seit gut zehn Jahren Gemeindeleiter von Oeschgen ist. Das «Denken in Konventionen», das früher die Gesellschaft und mit ihr den Kirchgang prägte, sei aufgebrochen, habe einem anderen Umgang Platz gemacht. Mit dem Leben. Mit dem Tod. Die Kirche ist angekommen. Im Heute.

Für Lindner, den Seelsorger, den Jakobspilger, den Erwachsenenbildner, ist diese Veränderung, dieses individuelle Hintreten, dieses persönliche Eintreten eine Herausforderung, die ihn stets aufs Neue fordert. Er habe im Jahr nicht mehr als fünf oder sechs Beerdigungen, erzählt er. Darüber sei er froh, denn so werde das Beerdigen nicht zur Routine, was es nicht sein dürfe, denn: «Jede Trauerfamilie hat Anspruch auf eine individuell auf ihre Bedürfnisse gestaltete Abschiedsfeier.» Empathie in Zeiten der Schnelllebigkeit.

Trauernde bringen sich ein

Die Ansprüche, sie haben sich verändert, und mit ihnen die Wünsche, jene an die Feier, jene an ihn, den Seelsorger. Ferienfotos werden gezeigt, persönliche Gegenstände aufgestellt, lyrische Texte gelesen, Rockmusik abgespielt. So verschieden die Menschen im Leben sind, so verschieden sind sie im Gehen(lassen). «Das darf so sein», sagt Lindner. Er motiviert die Trauernden, sich selber einzubringen. Damit die Abdankung zu einem bleibenden Sich-Erinnern wird. Oder wie es Ricco Biaggi, Bestatter aus Gipf-Oberfrick, einmal formulierte: Die Philosophie muss sein, den Tod der Familie zurückzugeben. Das Wie liegt dabei in den Händen der Angehörigen.

Konventionen haben darin durchaus ihren Platz. Sie können die Erde in Zeiten (gefühlter) Bodenlosigkeit sein. Ein gemeinsames Gebet, ein Händedruck, ein Sich-Halten – all das kann den Boden ein Stück weit zurückgeben. «Es ist die Gemeinschaft, die stärkt», ist Lindner überzeugt. Er hat deshalb Mühe damit, wenn eine Familie kommt und sagt: Wir wollen unseren Vater im engsten Familienkreis beisetzen, unter Ausschluss der Gemeinschaft. So nehme man vielen Menschen die Möglichkeit, Abschied zu nehmen, sagt Lindner. Das sei nicht fair, denn: «Ich wüsste keinen Menschen, der nur seiner Familie gehört.» Mehr noch: Zu beurteilen, wer einem anderen Menschen nahe war und wer nicht, wer eingeladen gehört und wer nicht, «ist eine Anmassung».

Wenn jemand mit dem Wunsch der Ausschliesslichkeit an ihn herantritt – was eher selten geschieht, denn der dörfliche Kontext der in sich ruhenden Gemeinschaft spielt im 900-Seelen-Dorf noch – versucht er, zu verstehen, weshalb, versucht, dafür zu werben, weshalb nicht. Oft sei es die Scham, weil andere sehen, dass man traurig sei, dass man weine. «Emotionen gehören zum Abschiednehmen dazu», sagt Linder. Sie zu zeigen, sie zuzulassen sei wichtig. Er weiss: «Es gibt einem Kraft, wenn man gemeinsam Abschied nimmt.»

Die Chance, persönlich Abschied zu nehmen, nutzen im dörflichen Kontext viele. «Oft kommt das halbe Dorf zur Beisetzung auf den Friedhof», sagt Lindner, steht zusammen, trauert zusammen. An die Abdankungsfeier, die in Oeschgen nach der Beisetzung stattfindet, nehmen nicht alle teil. «Das ist in Ordnung so», findet Lindner, «denn jeder soll so trauern, wie es für ihn stimmt.» Die Konvention der Präsenz-markieren-Pflicht hat hier, zum Glück, die Zeit nicht überlebt.

Friedhöfe für Religionen öffnen

Die Zeiten ändern sich, verändern das Leben und mit ihm auch den Tod. Noch vor zwei Generationen wurden die Toten zu Hause aufgebahrt und dann, oft in feierlicher Prozession, zum Friedhof getragen. Noch vor einer Generation war es für jeden Katholiken selbstverständlich, dass er sich erdbestatten lässt; heute sind Urnen die Regel. Noch vor einer halben Generation war der Gedanke undenkbar, einen Muslim auf einem christlichen Friedhof beizusetzen. Heute sagt Lindner: «Das Leben ist multikulti geworden. Das muss sich auch im Tod widerspiegeln.» Für ihn ist es deshalb nur folgerichtig, dass man die oft starren Friedhofsordnungen lockert und die Friedhöfe auch für Muslime öffnet. Grabfelder, die nach Mekka ausgerichtet sind und in denen man die Toten, nach islamischem Ritus, im Tuch beisetzen darf, hält er «für ein Zeichen der Gastfreundschaft».

Die Frage, die sich stellt, ist jene nach den Grenzen, die Lindner zieht. «Die sind bei mir sehr weit gesteckt», sagt er. Beispiel Frühgeburt. Früher war es undenkbar, ein tot geborenes Embryo beizusetzen. «Es ist für mich selbstverständlich, dass ich das tun würde», sagt Lindner. Es sei wichtig, dass ein Paar Abschied nehmen könne, und wenn es zum Loslassen das Ritual der Beisetzung brauche, sei es richtig.

Auch in der Ausgestaltung der Abdankungsfeier kann er sich (fast) alles vorstellen, selbst zu einer kurzen Tanzeinlage «würde ich nicht grundsätzlich Nein sagen». Es hänge von den Umständen ab, vom Bezug des Verstorbenen, vom Motiv. Denn: «Die Feier soll den Verstorbenen ehren, den Glauben stärken und den Angehörigen eine Hilfe sein, in ihrem Trauerprozess weiterzukommen.»

Wo Lindner rigoros einschreitet, ist, wenn er merkt, dass eine Abdankung zur Abrechnung genutzt werden soll. «Das kommt ganz selten vor.» Zum Umkehrschluss, dass der Verstorbene zum Heiligen stilisiert wird, bietet Lindner aber ebenso wenig Hand: «In einer Trauerfeier muss auch Platz für Ungelöstes sein.»

Sakramente sind nicht käuflich

Gelöst haben sich viele Menschen von der Kirche, jährlich werden es mehr, die austreten. Der Umgang mit ihnen stellt die Kirche vor eine grosse Herausforderung. Denn oft wünschen sich die Angehörigen eine kirchliche Beisetzung – selbst wenn sie selber nicht mehr in der Kirche sind. Was tun? Lindner entscheidet sich, wie viele seiner Kollegen, für das Feiern des Ritus. «Eine Beisetzung ist nicht der richtige Rahmen, um über das Kirche-Sein zu diskutieren oder den Menschen eine Lektion zu erteilen», sagt er. «Die Menschen brauchen in diesem Moment etwas anderes.»

Das heisst nicht, dass Lindner die Entwicklung begrüsst, geschweige denn sie gut findet, nur eben: «Sie ist ein Stück Realität.» Von der Idee, feste Tarife für Ausgetretene einzuführen, Sakramente zum Produkt zu machen, wenn möglich noch mit «Best Price»-Garantie, hält Lindner «rein gar nichts». «Sakramente kann man nicht kaufen.»

Der Abschied. Er ist Trauern und Hoffen in einem. Diese Pole, die oft so schwierig zusammenzudenken sind, versucht Lindner auch in der Abschiedsfeier zu fassen. «Die Feier braucht einen Spannungsbogen.» Am Anfang steht die Trauer. Am Ende die Hoffnung.