Die Amtsperiode ist gerade einmal zwei Monate alt – und hat schon ihr erstes prominentes Opfer: Sibylle Lüthi, Gemeindepräsidentin von Kaiseraugst, tritt per Mitte Jahr zurück. Das teilte die CVP-Politikerin am Dienstag mit. Am Montag informierte sie den Gemeinderat, gestern Morgen das Verwaltungspersonal.

Für den Schritt macht die 55-Jährige, die seit 2006 im Gemeinderat sitzt und seit November 2012 als Präsidentin amtet, persönliche Gründe geltend. «In den letzten Monaten war die Arbeit sehr aufreibend und unbefriedigend», sagt sie. Sie habe schon länger gespürt, dass es ihr nicht mehr so gut gehe und dass sie keinen Spass mehr am Amt habe. «Ich konnte zum Teil nicht mehr schlafen.» Das Nervenkostüm sei deutlich dünner geworden, sagt sie.

Über Weihnachten hat Lüthi dann die Situation zusammen mit ihrem engsten Umfeld, der Familie, analysiert. Sie musste sich eingestehen, dass es so nicht weitergehen kann. «Meine Familie sagte mir, dass ich mich verändere.» Als Schlüsselerlebnis schildert Lüthi den Moment, als sie erfuhr, dass ihre Schwester zusammen mit einer Freundin spazieren war – und über sie und ihre Veränderung diskutiert hatten.

Sie habe zudem festgestellt, so Lüthi, dass der Spagat zwischen Treuhandbüro und Gemeinde immer schwerer zu bewerkstelligen sei. Klar war ihr schnell, dass sie das Treuhandbüro nicht aufgeben will. «Es ist meine Leidenschaft – und meine berufliche Zukunft.»

Es war nicht ein einzelnes Geschäft oder eine einzelne politische Niederlage, die zur Überhitzung und damit zur Dünnhäutigkeit, die auch andere zunehmend feststellten, führten. «Es ist vielmehr die Summe», sagt sie. Belastet hat Lüthi, die sich selber als Herzmensch umschreibt, zum einen die Unzufriedenheit, die sie im Dorf spürte – «egal, was wir wie machten». Natürlich gebe es viele, welche die Arbeit schätzten. «Aber man hört immer nur die anderen.» Diese negative Resonanz zehre an den Nerven.

Zum anderen belasteten Lüthi die grossen Geschäfte, die nicht vom Fleck kamen. Als Beispiel nennt sie den neuen Gestaltungsplan, mit dem die Liebrüti weiterentwickelt werden soll. Als es schien, dass es endlich vorwärtsging, blockierte der VCS mit seiner Einsprache das Geschäft. «Sie ging am letzten Tag der Frist ein», erinnert sich Lüthi. «Das war schon ein Schlag ins Gesicht.»

Baden ging der Gemeinderat aber auch mit anderen Geschäften. So schickte der Souverän im letzten Dezember die Hallenbad-Vorlage bachab. «Ich bin sehr enttäuscht», sagte Lüthi damals. Und im letzten Herbst musste sie aus den Medien erfahren, dass die Roche 235 Stellen in Dorf abbaut. Sie war über das Vorgehen befremdet – umso mehr, als sie das Unternehmen sonst als verlässliche Partnerin erlebte.

Parkplatzstreit als Bestätigung

Keinen Einfluss auf ihren Entscheid hatten, das ist Lüthi wichtig, die jüngsten Querelen im Dorf rund um die Parkgebühren in der Liebrüti. Der VCS hatte sich durchgesetzt, dass die Parkplätze ab der ersten Minute kostenpflichtig sind. Lüthi selber sprach von «Erpressung» des VCS, einige Einwohner von «Einknicken» gegenüber dem Verband. Der Gemeinderat sah sich daraufhin in den Leserbriefspalten scharfer Kritik ausgesetzt.

Auch Lüthis Vorgänger, Max Heller, fuhr eine scharfe Spitze gegen den VCS – und den Gemeinderat. «Ich habe das Gefühl, der Gemeinderat spürt den Puls der Bevölkerung nicht richtig», liess er sich in der AZ zitieren.

Die jüngsten Vorkommnisse seien «höchstens die Bestätigung dafür, dass der Entscheid richtig ist», sagt Lüthi. Es sei ihr plötzlich alles sehr nahe gekommen. «Ich bin kein abgebrühter Mensch und deshalb prallen Vorwürfe nicht einfach an mir ab.»

Dass der Zeitpunkt für den Rücktritt, zwei Monaten nach Beginn der neuen Amtsperiode, nicht der glücklichste ist, weiss Lüthi. Sie betont, dass sie vor einem Jahr, als sie sich für eine Wiederkandidatur entschieden habe, davon ausgegangen ist, dass sie das Amt mindestens noch eine halbe bis eine ganze Legislatur machen wird.

«Für ein erneutes Antreten habe sie sich auch deshalb entschieden, weil noch wichtige Projekte anstanden, «die ich gerne zu Ende bringen wollte». Bei den Wahlen im letzten Herbst wurde Lüthi mit 759 von 931 gültigen Stimmen im Amt klar bestätigt. Doch seither sei eben «viel passiert».

Kaiseraugst liege ihr sehr am Herzen, betont Lüthi. Es wäre deshalb falsch, die nächsten dreieinhalb Jahre einfach abzusitzen. «Das entspricht nicht meinem Charakter.» Wenn sie einen Entschluss gefasst habe, dann setze sie ihn auch um – nicht morgen, sondern heute. Zudem gebe die frühe Ankündigung den Parteien und Gruppierungen mehr Zeit, einen Nachfolger für die Ersatzwahl am 10. Juni zu suchen. Sie kann sich gut vorstellen, dass Françoise Moser, die jetzige Vizepräsidentin, für das Präsidentenamt kandidieren wird. «Sie ist über die Projekte bestens informiert und gut vernetzt», sagt Lüthi. Auch die Kontinuität sei gewährleistet, «da der jetzige Gemeinderat ein eingespieltes Team ist».

Lüthi ist «erleichtert»

Lüthi selber fühlt sich «erleichtert», dass der Entscheid nun kommuniziert ist. Der gestrige Morgen sei ihr schon auf dem Magen gelegen, räumt sie ein. Da hat sie das Personal mündlich informiert. Danach sei aber eine Last von ihr abgefallen. «Bis jetzt habe ich viele schöne Reaktionen erhalten», so Lüthi. Das tue gut. Sie ist sich bewusst, dass es auch kritische Stimmen geben wird – gerade auch wegen des Zeitpunktes.

Lüthi freut sich darauf, wieder unbeschwert im Dorf unterwegs sein zu können. Sie verstummt kurz, sagt dann: «Die Leute sind fordernder als früher. Gleichzeitig ist die Toleranzschwelle in der Gesellschaft gesunken.» Für die Gemeinde hat sie einen Wunsch: «Dass die Leute mehr Vertrauen in den Gemeinderat haben und dass sie sehen: Er arbeitet für die Menschen und nicht gegen sie.»