Sozialhilfe-Bezüger
«Ich gehöre zum alten Eisen»: Wie ein Aargauer (49) tief fiel – und nun auf einen Job hofft

Jonas Müller, arbeitslos, bald 50. Das Leben hat ihn gezeichnet. Sein grösster Wunsch: Ein Job. Die Aussichten sind klein.

Thomas Wehrli
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«Das Sozialamt holte mich von unter dem Teppich auf den Teppich zurück», sagt Jonas Müller. Symbolbild/Archiv

«Das Sozialamt holte mich von unter dem Teppich auf den Teppich zurück», sagt Jonas Müller. Symbolbild/Archiv

Oliver Menge

Die Perspektive ist zappenduster. Nur jeder siebte Arbeitslose über 55 findet wieder eine Stelle. Das sagte Felix Wolffers, Co-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos), letzte Woche. Für viele ältere Arbeitslose heisst das: ausgesteuert. Sie leben vom angesparten Geld, das eigentlich für einen angenehmen Lebensabend gedacht war – so lange, bis es aufgebraucht wird. Dann bleibt nur der Gang aufs Sozialamt. Oder man wurstelt sich irgendwie durch. Diese Spirale des Abstiegs will die Skos durchbrechen; sie fordert, dass über 55-Jährige bis zum Rentenalter Arbeitslosengelder statt Sozialhilfe beziehen.

Szenenwechsel. Jonas Müller, der im wirklichen Leben anders heisst, sitzt am Tisch im sonst leeren Restaurant. Weisser Wollpullover, hagere Figur, gegerbtes Gesicht. Ringe an den Händen, Armbänder, eine grosse Uhr am Handgelenk, die zur vollen Stunde piepst. Müde wirkt er, wie er seine Geschichte erzählt, sein Gesicht ist gezeichnet vom Leben.

Jonas Müller wird in diesem Jahr 50. Das halbe Jahrhundert wird voll. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Doch dazu ist ihm nicht zu Mute. Auch seine Perspektive ist zappenduster – jetzt schon. Wieder eine feste Stelle auf dem offenen Arbeitsmarkt zu haben, wieder finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, wäre «supertoll», wäre «mein grösster Wunsch». Neben dem Autobillett. Er verstummt, wendet den Blick ab, fügt dann an: «Aber mit 50, ohne Lehre und ohne Autobillett. Da ist die Hoffnung nicht mehr gross.» Er lächelt, verlegen. «Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.»

Jonas Müller jammert nicht, schickt sich in sein Los. In sein Leben. Er weiss, dass er selber auf dem Lebensweg ein paar Fehler gemacht hat. Keine Lehre zu machen, «war wohl der Grösste» von ihnen.

Höhenangst – Lehrabbruch

Rückblick. Jonas Müller wächst in dem Dorf auf, in dem er bis heute lebt. Weg war er nie. «Mir gefällt es hier.» Nach der Sekundarschule weiss er nicht, was er lernen soll, macht ein Übergangsjahr «für Unschlüssige» in einer Firma in Baden. Eine Lehrstelle als Graveur war frei. Nicht mein Ding, dachte er damals. Heute sagt er: «Hätte ich doch nur.» Er beginnt eine Lehre als Maler. Das gefällt ihm – bis er das erste Mal auf ein Aussengerüst muss. Höhenangst. Lehrabbruch.

Er findet einen Job als Stapelfahrer. Das ist sein Ding, daran hat er «den Plausch». Er macht den Job fast fünf Jahre, wechselt dann in einen Getränkehandel. Als Beifahrer und Kistenschlepper. Bei einem grossen Bauunternehmen öffnet sich eine Tür als Stapelfahrer. Er greift zu. «Doch die Tür schloss sich leider auch schnell wieder.» Denn von den ursprünglich 13 Stapelfahrern dürfen nur 4 bleiben. Den Rest erledigen neu Maschinen. Willkommen im Fortschritt.

Wieder hat er Glück, kommt bei einer Firma als Stapelfahrer und Chauffeur unter. «Da bleibe ich», sagt er sich.

Betriebsfest. Alkohol. Ein Kunde will eine Expresslieferung. Jonas Müller wird losgeschickt. Der Kleinlaster ist überladen. Verkehrskontrolle. Das Billett ist weg. Für lange Zeit. Wenn er wieder fahren wolle, beschied man ihm, müsse er die Prüfung nochmals ablegen.

Als Jonas Müller zurück in die Firma kommt, wartet sein Chef schon – mit dem blauen Brief. «Ich fand das total ungerecht, denn er schickte mich ja los – im Wissen, dass ich Alkohol getrunken hatte», sagt er. Er wehrt sich nicht gegen die Kündigung. «Ein weiterer Fehler.» Er fällt zum ersten Mal in ein Tief. Mit 28. «Ich sah keinen Weg mehr, bekam Angstzustände.»

Jonas Müller sitzt ruhig da, wie er seine Geschichte erzählt. Doch man spürt, dass es ihm schwerfällt, zu erzählen, zurückzugehen an die Wegkreuzungen im Leben, wo er manchmal die falsche Abzweigung nahm.

Das Autobillett. Es ist etwas von dem, was er heute am meisten vermisst. Nicht, weil er ein Autonarr ist. «Ich wäre mit dem rostigsten Göppel zufrieden.» Sondern weil es ein Stück Freiheit wäre. Ein Stück Leben. Ein Stück Zukunft. «Ich kann es mir finanziell nicht leisten, das Autobillett nochmals zu machen – und weil ich kein Billett habe, sind meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt noch viel kleiner.» Ein Teufelskreis.

Jonas Müller lernt nach seiner Entlassung einen Chauffeur kennen, begleitet ihn, hilft ihm, «damit ich etwas zu tun habe und mir der Deckel nicht vollends auf den Kopf fällt». Dank dem Kollegen, der ein Freund wird, bekommt er in der gleichen Firma eine Stelle als Lagerist und Stapelfahrer. Er ist happy. Überglücklich.

Alle Mitarbeiter entlassen

Acht Jahre geht alles gut. Acht «glückliche Jahre». Doch die Besitzer wirtschaften die Firma herunter, verkaufen sie. «Alle Mitarbeitenden werden übernommen», hiess es. Denkste. Alle Mitarbeiter müssen im Büro antraben. Es war ein nasskalter Novembertag, Jonas Müller erinnert sich noch genau. Kündigung für alle. Sozialplan – Fehlanzeige.

«Das hat mir den Rest gegeben», sagt er. Die Psyche sei «durchgetätscht». Auch in der Ehe beginnt es zu kriseln. Streitereien. Alkohol. Mehr Streitereien. Zukunftsängste. Seine Frau sagt, es komme noch der Tag, an dem sie ihn mit der Kleinen, damals 6, verlasse.

Am 1. August ist der Tag da. Für Jonas Müller ist es der Super-GAU. «Der Boden unter den Füssen wurde mir weggezogen.» Er fällt. Tiefer, immer tiefer. «Mir wurde alles egal.» Der Alkohol wird zum Seelentröster. «Das war natürlich total falsch», sagt er. «Ich wusste ja selber, dass das Trinken meine Situation nur noch schlimmer macht.» Er kann nicht anders. Verschanzt sich zu Hause, kapselt sich ab. Der Lebensmut ist weg. Die Hoffnung auch.

Jonas Müller ist 36 Jahre alt – und am Boden.

Das Sozialamt seiner Gemeinde sieht die Alarmzeichen, vermittelt ihm einen Platz in einer Tagesstätte. Es «schenkte mir Tagesstrukturen», umschreibt es Jonas Müller, «holte mich von unter dem Teppich auf den Teppich zurück».

Zurück ins Leben

Jonas Müller findet ins Leben zurück. Schrittchen für Schrittchen. Nach drei Jahren wechselt er zu einer Institution, die ihm einen geschützten Arbeitsplatz bietet. Er will mehr, hofft, klammert sich an die Aussage der Betreuer, dass es natürlich das Ziel sei, ihn zurück in den offenen Arbeitsmarkt zu bringen. Er nimmt es als Versprechen – und ist umso enttäuschter, als er auch nach Monaten noch keinen Job hat.

Jonas Müller spürt, dass er ansteht, nicht weiterkommt, «dass ich da wegmuss». Er spricht mit seiner Sozialarbeiterin darüber. Sie zeigt ihm drei Möglichkeiten auf. Eine davon ist eine Stelle in einem Teillohnprogramm. Interne Post. «Ich? Auf dem Büro?», fragt sich Jonas Müller, ruft aber gleichentags an. Er kann sich vorstellen gehen, bekommt den Job. 70 Prozent. «Ich hatte noch nie davor auf einem Büro gearbeitet», sagt er. «Ich war am Anfang völlig überfordert.» Er kann reduzieren, auf 50 Prozent.

Zwei Jahre ist er nun schon dort. «Ich bin sehr zufrieden», sagt er. «Es gefällt mir.» Er lacht. Zum ersten Mal in diesem Gespräch. «Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Bürojob dermassen Spass machen kann.» Nur die Unsicherheit, wie lange er bleiben kann, nagt an ihm. In ihm. Es ist wie eine Stimme im Hinterkopf, die immer wieder sagt: «Sei dir ja nicht zu sicher; das Programm kann jederzeit beendet werden.»

Jonas Müller nippt an seinem Kaffee, der längst kalt ist. «Wissen Sie», sagt er dann, stellt die Tasse ab. «Eines finde ich schon ungerecht: Ich arbeite und bekomme nicht mehr als jemand, der nur zu Hause rumsitzt.» Der Lohn, den er bekommt, geht direkt an das Sozialamt. Dieses zahlt ihm dann aus, was ihm von Gesetzes wegen zusteht. «Ich finde, man sollte Leuten, die wie ich arbeiten, einen Ansporn geben.» Es müsse nicht viel sein, fügt er an. Schon 200 Franken im Monat mehr «würde zeigen, dass das Engagement geschätzt wird».

Das Geld. Es ist immer knapp. «Wenn nur eine Rechnung kommt, die ich nicht einkalkuliert habe, stehe ich mit abgesägten Hosenbeinen da.» Eines ist ihm wichtig: Er schätze sehr, dass es die Sozialhilfe gebe. Aber sie sei halt schon «verdammt knapp» bemessen. Dabei kaufe er schon konsequent Aktionen ein. Und nur M-Budget-Produkte. «Glauben Sie mir, ich hätte ab und zu auch Lust auf ein schönes Stück Rindfleisch», sagt er. «Aber das ist nicht für unserein.»

Zigaretten als Luxus

Den einzigen Luxus, den er sich leistet, den er sich abspart, sind Zigaretten. «Etwas muss ich ja auch noch vom Leben haben.» Er lacht. Bitter. «Aber eigentlich fühle ich mich nicht im Leben.»

Da sind sie wieder, die Ängste. Die innere Anspannung ist im Raum greifbar, sein Gesicht verkrampft sich. «Was wird bloss aus mir?», fragt er, ohne eine Antwort zu erwarten. Die einzige Chance, aus dem Teufelskreis auszubrechen, wäre ein Job. Als was? Ganz egal. Lagerist, Stapelfahrer, interne Post. «Hauptsache ein Job.»

Aber er weiss auch: «Das sind Träume. Denn wer will schon einen ungelernten 50-Jährigen?» Zumal sich die Jobs, die er einmal gemacht hat, stark verändert haben. Wer stehen bleibt, gehört schnell zum alten Eisen. «Ich gehöre dazu.» Und selbst wenn er einen Job finden sollte – dann warten die Sozialschulden auf ihn, die er abstottern muss.

Seine Zukunft sieht düster aus, das weiss er. An manchen Tagen falle es ihm schon schwer, sich aufzuraffen. Er lächelt. Doch dann sage jeweils das Steh-auf-Männchen in ihm: «Nimm dich zusammen! Anderen geht es noch schlechter.»