Die Zahl ist erschreckend: Jedes sechste Kind in der Schweiz lebt in Armut oder ist von Armut bedroht. Unter dieser Situation leiden die Kinder gleich dreifach: Erstens ist für sie vieles, was für andere Kinder selbstverständlich ist – etwa ein Handy, neue Kleider oder eine Ferienreise – unerreichbar. Dieses Nicht-Haben-Können macht sie, zweitens, oft zu Aussenseitern. Drittens, und das ist besonders tragisch, ist ihre Zukunft vielfach schon vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hat: Nicht wenige Kinder, deren Eltern in Armut leben und Sozialhilfe beziehen, kommen nicht aus der Armutsspirale heraus.

Soweit die nüchternen Fakten. Doch wie lebt es sich mit wenig Geld wirklich? Zwei Familien aus dem Fricktal erzählen, wie es als Eltern ist, wenn man den Kindern viele Wünsche nicht erfüllen kann, wie es als Kind ist, wenn man sieht, was es alles gibt – und selber nur wenig hat.

Die Fussballverrückte

Petra*, 11, hat eine grosse Leidenschaft: Fussball. Ihre Augen glänzen, wie sie vom letzten Spiel ihres Teams erzählt, davon, dass sie die Goalgetterin für die Fricktaler war, davon, dass ihre Mannschaft trotz allem «uhuere knapp» verloren hat. Petra sitzt in ihrem Fussballtrikot am Esstisch der einfachen, spartanisch eingerichteten Wohnung. Sie verdreht die Augen, als der Reporter sie fragt, ob sie denn als Fricktalerin FC Basel-Fan sei. «Sicher nicht», meint sie nur, dem FC Zürich drücke sie «ein wenig» die Daumen, vor allem aber sei sie Fan vom FC Barcelona, denn dort spiele ihr grosses Idol, Neymar.

Fussballprofi möchte sie werden, sagt sie, verstummt, schaut zu ihrer Mutter Tanja*. «Aber die Fussballschule ist teuer, und das können wir uns nicht leisten, oder, Mama?» Tanja, die in wenigen Wochen ihr zweites Kind erwartet, lächelt milde. «Wenn es dein Weg ist, kommt einer und entdeckt dich», sagt sie. «Denn es kommt immer, wie es muss.»

Dieser Glaube, auch jener an Gott, hat ihr in den letzten Jahren oft über Momente des Haderns und des (Ver-)Zweifelns hinweggeholfen. Es sei schon sehr hart, wenn man dem eigenen Kind viele Wünsche nicht erfüllen könne, erzählt sie, wenn man an Weihnachten nicht die Päckchen unter den Baum legen könne, die man gerne dorthin legen möchte. Sie lächelt wieder, schenkt noch etwas Wasser nach. «Irgendwie klappt es aber dann doch meistens.» Man lege halt alles zusammen oder entdecke in einem Laden den Kinderwunsch zum halben Preis. «Es sind schon viele kleine Wunder passiert.»

Für eines ist Petras Grossmutter zuständig: Sie zahlt der Enkelin die Jahresgebühr des Fussballclubs. Oma, der Engel.

Dass es so weit kam, dass die bald vierköpfige Familie – Tanja lebt seit acht Jahren in einer neuen Partnerschaft, der Vater von Petra wohnt im selben Dorf – von der Sozialhilfe leben muss, ist, wie so oft, eine Mischung aus verkorkster Jugend, Krankheit und widrigen Umständen. Sie setzten eine Negativspirale in Gang, die sich schnell und immer schneller zu drehen begann und die Tanja bislang nicht durchbrechen konnte. Tanja kann ihre Lehre im Service nicht abschliessen, da ihr Rücken nicht mitspielt. Statt umzusatteln, hält sie sich mit Temporärjobs über Wasser, lernt den Vater von Petra kennen, wird mit 20 schwanger. Sie jobt nach der Geburt von Petra weiter, nimmt ihre Tochter zur Arbeit mit, doch es funktioniert nicht wirklich gut. Sie kommt mit Beat* zusammen. Auch er hält sich beruflich mehr schlecht als recht über Wasser, fällt schliesslich wie sie ganz aus der Berufswelt heraus. Heute lebt die Familie von der Sozialhilfe.

«Natürlich möchte ich ins Berufsleben zurück», sagt Tanja. «Von der Sozialhilfe zu leben, ist nicht lustig.» Am liebsten würde sie eine Lehre als Schneiderin machen. «Cool», jubiliert Petra. «Dann kannst du mir die Fussballtrikots schneidern.» Petra, die die fünfte Klasse besucht, wirkt für ihre elf Jahre erstaunlich abgeklärt. Wenn ihre Klassenkameraden mit den neuesten Handys bluffen, wenn sie ihre Markenkleider zur Schau stellen und Petra in ihren Secondhand-Kleidern danebensteht, «dann nervt das schon und macht mich manchmal auch traurig», sagt sie, verstummt und wischt den trüben Gedanken sogleich mit einer Handbewegung beiseite. «Wenig Geld zu haben, macht aber auch kreativ.»

Tanja schaut ihre Tochter an, schmunzelt. «Da hat sie recht», sagt sie dann. «Es ist krass, was die Kinder heute alles besitzen.» Doch eines bleibe bei all dem Luxus auf der Strecke: das Kindsein. «Man sieht die Welt anders, wenn man nicht so viel Geld hat.» Man lerne, das, was man habe, zu schätzen. Und man lernt, sich durchzuschlagen: «Ich frage auch mal andere Eltern an, ob sie ausgetragene Kleider von ihren Kindern haben.» Am Anfang fiel das noch schwer; heute nicht mehr. Im Laden kaufe sie konsequent das günstigste Produkt, oft M-Budget, und so reiche das Geld – fast. «In den letzten drei, vier Tagen im Monat wird das Essen oft etwas mangelhaft.»

Tanja empfindet es als «erdrückend», zu Petra oftmals Nein sagen zu müssen. Ihr grösster Wunsch ist denn auch nicht unbedingt mehr Geld («ich kenne viele, die eine Menge Geld haben, aber unglücklich sind»), sondern dass es ihre Tochter einmal besser hat als sie. Vielleicht, so hofft sie, sei das Heute eine Lehre für das Morgen. «Petra lernt, dass es etwas braucht, wenn man etwas will, dass nichts selbstverständlich ist.»

Ferien etwa. Einmal war die Familie in Holland. Das ging nur, weil ein Onkel dort lebt und sie bei ihm sein konnten. Ferien am Meer, was Petra «schon cool» fände, liegen nicht drin. Die Elfjährige muss nicht lange überlegen, was sie machen würde, wenn sie einige hundert Franken geschenkt bekäme. Fussballzubehör kaufen. Oder eine Reise nach Spanien buchen, um «ihren» Neymar einmal spielen zu sehen. Oder das Geld zurücklegen für ihren grossen Traum: Fussballprofi zu werden. Und wenn das nicht klappt? «Dann werde ich Goldschmiedin.»

Petra hat für ihre Berufswahl noch genügend Zeit. Sie wird, bleibt zu hoffen, Schmiedin ihres eigenen Glücks.

* Alle Namen geändert