Kolumne
«Ich dachte Jahrzehnte lang, ich wäre etwas Besseres als andere»

Regula Laux über den Haupttreffer in der Geburtsort-Lotterie und die Frage, wieso Mitgefühl mehr und mehr durch Profitdenken abgelöst wird.

Regula Laux
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«Ich war arrogant, selbstverliebt, ständig andere bewertend und es tat mir nicht gut, bis ich eines Tages in einem Waggon der Londoner U-Bahn um mich schaute.» – André Heller (Symbolbild)

«Ich war arrogant, selbstverliebt, ständig andere bewertend und es tat mir nicht gut, bis ich eines Tages in einem Waggon der Londoner U-Bahn um mich schaute.» – André Heller (Symbolbild)

Keystone

Ganz früher, in der Primarschule, wünschte ich mir, ein klein wenig von dem exotischen Aussehen von Shania zu haben: Shania war ein schmächtiges Mädchen in meiner Klasse mit dunklen Locken und grossen, schwarzbraunen Augen, das mit seiner Familie aus dem Iran zu uns gekommen war.

«Viele wünschen sich grad das, was sie nicht haben», beruhigte mich meine Mutter, als ich meine hellblonden Haare und meine sommersprossige Nase kritisch im Spiegel betrachtete.

Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass ich als Europäerin den Haupttreffer in der Geburtsort-Lotterie gewonnen habe. Haarfarbe und Sommersprossen hin oder her, wir leben hier an einem der privilegiertesten, sichersten und reichsten Plätze der Welt.

Dass eine zentrale Grundlage unseres Wohlstands und Komforts, von der verwaschenen Jeans bis zum Handy, auf der Ausbeutung von Menschen in der Dritten Welt basiert, dass die Klimakatastrophe und damit eine neue Flüchtlingswelle fast unhaltbar auf uns zurollt – Nein, um derlei Dinge soll es in dieser Kolumne nicht gehen. Zu schnell bleibt man/frau in politischen Grabenkämpfen hängen, die niemandem nützen.

Mir geht es um etwas anderes: Zum Beispiel um die Frage, wieso uns das Fremde beziehungsweise der oder die Fremde Angst machen.

Wieso es oft «ums Prinzip» und nicht «um den Menschen» geht. Wieso es so schwierig ist, abzugeben, nur ein klitzekleines Stückchen, von der reich bestückten Sahnetorte (an der wir uns lieber den Magen verderben, als sie zu teilen...).

Wie es kommt, dass «Mitgefühl» heute mehr und mehr durch «Profitdenken» abgelöst wurde und damit eher zum Fremdwort geworden ist? Das Stichwort Mitgefühl bringt mich auf eine bemerkenswerte Rede des österreichischen Chansonniers, Autors und Aktionskünstlers André Heller.

Hier ein Zitat daraus:

«Ich dachte Jahrzehnte lang, ich wäre etwas Besseres als andere. Klüger, begabter, amüsanter, zum Hochmut berechtigt. Ich war arrogant, selbstverliebt, ständig andere bewertend und es tat mir nicht gut, bis ich eines Tages in einem Waggon der Londoner U-Bahn um mich schaute. Da sassen und standen unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichster Hautfarbe und ich hörte unterschiedlichste Sprachen: In einer Art von Blitzschlag in mein Bewusstsein, erkannte ich, dass jede und jeder von diesen Frauen und Männern, alten und jungen, hoffnungsfrohen und verzweifelten, auch ich selbst bin und nicht Deutsch, Englisch, Russisch, Chinesisch, Spanisch, Arabisch oder Swahili unsere wirkliche Muttersprache ist, sondern die Weltmuttersprache ist und sollte das Mitgefühl sein ... Die Bewältigung der globalen Probleme und Bedrohungen bedürfen fast ohne Ausnahmen globaler Anstrengungen, solidarischer Verbündetheiten und der leidenschaftlichen gegenseitigen Anteilnahme.»

Nelson Mandela, der grosse südafrikanische Freiheitskämpfer, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Vielleicht ein gutes Jahr, um zu schauen, was eigentlich aus Shania, meiner iranischen Schulkollegin mit den dunklen Locken und den grossen, schwarzbraunen Augen geworden ist.

Zu Regula Laux – Kommunikationsfrau

Regula Laux führt zusammen mit ihrem Mann eine Kommunikationsagentur in Laufenburg. Sie leitete viele Jahre das Rehmann-Museum und ist im Stiftungsrat von Pro Argovia.