Fricktal Regio

«Ich bin Fricktaler mit Leib und Seele»: Der abtretende Präsident Hansueli Bühler zieht Bilanz

«Heute haben wir neun Oberstufen-Standorte, in einigen Jahren werden es deutlich weniger    sein»: Für Hansueli Bühler macht eine Konzentration aus pädagogischer Sicht Sinn, «denn eine kleine Schule kann nicht alle Fächer anbieten».

«Heute haben wir neun Oberstufen-Standorte, in einigen Jahren werden es deutlich weniger sein»: Für Hansueli Bühler macht eine Konzentration aus pädagogischer Sicht Sinn, «denn eine kleine Schule kann nicht alle Fächer anbieten».

Elf Jahre hat Hansueli Bühler den Planungsverband Fricktal Regio präsidiert. Er ist überzeugt: Die Fricktaler Identität konnte gestärkt werden. Bühler über rebellische Fricktaler, Gärtchendenken, eine eigene Autobahn-Raststätte, die Konzentration der Oberstufe und die Frage: Ist die Grenze Fluch oder Segen?

Herr Bühler, der Planungsverband hat keine Entscheidungsbefugnisse. Ist er also unnütz?  

Hansueli Bühler: Sicher nicht. Er hat eine Gliedfunktion zwischen Kanton und Gemeinden. Diese ist in unserem Kanton besonders wichtig, weil der Aargau ja der Kanton der Regionen ist.

Was kann der Planungsverband bewirken?

Er kann das Verständnis zwischen Kanton und Gemeinden fördern, indem er auf beiden Ebenen verankert ist. Er sorgt zudem dafür, dass die Gemeinden eine stärkere Stimme in Aarau haben.

Dem Planungsverband sind 35 Gemeinden mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen angeschlossen. Lassen sich diese zum Teil divergierenden Interessen überhaupt unter einen Hut bringen?

Das ist zugegebenermassen eine unserer ganz grossen Herausforderungen als Planungsverband. Die Gemeinden sind in der Tat sehr unterschiedlich aufgestellt und haben entsprechend auch andere Bedürfnisse. Dass es nicht immer gelingt, einen Konsens zu finden, ist klar. Aber das hält uns nicht davon ab, es immer wieder aufs Neue zu versuchen.

Ich stelle es mir frustrierend vor: Man hat eine wegweisende Idee – und am Schluss kommt der kleinstmögliche Nenner heraus.

Ab und an war es schon etwas frustrierend, wenn eine Idee, von der man überzeugt war, an der Heterogenität der Gemeinden scheiterte. In der grossen Mehrheit der Fälle fanden wir aber einen Weg. Das war jeweils ein tolles Gefühl, denn wir hatten ein Fricktaler Ergebnis.

Wo konnte das Gärtchendenken durchbrochen werden?

Bei der Bedarfsplanung der Langzeitpflege beispielsweise. Hier haben wir im ambulanten Bereich erreicht, dass aus kleinen Spitex-Organisationen schlagkräftigere grössere wurden. Bei der stationären Langzeitpflege gelang es uns, das Gärtchendenken der Leistungserbringer zwar nicht auszuräumen, aber doch deutlich abzubauen. Die Dienstleister arbeiten zusammen und das verhindert, dass es zu teuren Überkapazitäten kommt.

Der Planungsverband will auch die Fricktaler Identität stärken. Ist dies gelungen?

In den elf Jahren, die ich den Verband präsidiere, sind wir einen grossen Schritt weiter gekommen. Aber klar: Es ist noch Luft nach oben vorhanden. Doch das Gefühl, dass wir in erster Fricktaler sind und erst in zweiter Aargauer, ist heute stärker manifest als früher.

So fühlen Sie sich auch selber?

Absolut. Ich bin Fricktaler mit Leib und Seele.

Wird die Fricktaler Stimme in Aarau genug gehört?

Regierung, Parlament und Verwaltung hören uns – und hören uns zu. Ich erlebte es mehrmals, dass die Fricktaler Vertreter im Parlament mit einer Stimme sprachen, egal, welcher Partei sie angehören. Das war jedes Mal ein bewegendes Gefühl.

Wie kann man die Marke Fricktal weiter stärken?

Das Zentrale ist, dass man Projekte realisiert, welche die Identität des Fricktals weiter stärken.

Wäre dazu auch eine Fusion der beiden Bezirke sinnvoll?

Das könnte ein positives Signal sein, ja. Allerdings glaube ich nicht, dass eine Bezirksfusion allzu viel bringt, denn die Bezirke haben heute kaum noch eine Bedeutung.

Der Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) hat gezeigt: Wenn man zusammensteht, erreicht man etwas. Ist das das Mittel?

Genau um das geht es. Je selbstbewusster und einstimmiger wir unsere regionalpolitischen Anliegen in Aarau vertreten, desto mehr erreichen wir.

In Aarau hört man bisweilen: Die Fricktaler sind Rebellen. Stimmt das?

Ich denke nicht, dass wir rebellischer sind als die Freiämter. Aber mir ist es recht, wenn die in Aarau dieses Gefühl haben. Das kann hilfreich sein.

Wagen wir den Zeitsprung ins 2050. Wie sieht da die Gemeindelandschaft im Fricktal aus?

Noch vor zehn Jahren wurde man fast gelyncht, wenn man das Wort Gemeindefusion in den Mund nahm. Heute sind solche Fusionen gelebte Realität. Es wird in absehbarer Zeit weitere Fusionen geben, getrieben von der Finanzlage in den Gemeinde und der Tatsache, dass immer weniger Leute bereit sind, ein Amt in der Gemeinde zu übernehmen.

Wie viele Fricktaler Gemeinden gibt es 2050 noch?

Ich will keine Zahl nennen, das wäre Kaffeesatz-Lesen. Aber es werden 2050 deutlich weniger Gemeinden sein.

Und wir können 2050 in einer Fricktaler Autobahn-Raststätte einkehren?

(Lacht.) Da bin ich skeptisch. Das Thema kommt alle paar Jahre auf die politische Agenda und deshalb klärt der Planungsverband bis im nächsten Jahr, ob eine Autobahn-Raststätte zum einen möglich, zum anderen sinnvoll ist. Ich glaube nicht, dass eine Raststätte das grösste Problem ist, das wir heute haben.

Als möglicher Standort wird der ehemalige A3-Werkhof in Frick genannt.

Es ist eine Option. Der Kanton will hier im ehemaligen Werkhof ja das kantonale Katastrophen-Einsatzelement unterbringen. Dagegen wehrt sich die Gemeinde Frick – und wir unterstützen sie voll und ganz. Es ist unverständlich und auch wenig sinnvoll, wenn der Kanton dieses zentral gelegene, bestens erschlossene Areal nur für die Lagerungen von einigen Beaver-Schläuchen und Zivilschutz-Einrichtungen nutzt. Der ehemalige Werkhof muss gewerblich genutzt werden. Ob es dann gerade eine Raststätte sein muss, ist eine andere Frage.

Mit einer Erlebnis-Raststätte könnte das Fricktal doch eine Touristenattraktion schaffen.

Ob das der Marke Fricktal viel bringt, bezweifle ich. Klar, eine Raststätte würde auf die Region aufmerksam machen und vielleicht auch den einen oder anderen zur Ausfahrt motivieren.

Wie kann man das Fricktal touristisch vermarkten?

Das Fricktal ist nicht die ultimative Tourismusregion. Das ist der ganze Kanton nicht. Aber wir können sicher noch die Angebote, die wir haben, besser bekannt machen, zumal wir mit den beiden Altstädten, dem Sauriermuseum und den Bädern in Rheinfelden Attraktionen haben, die sich gut über die Region hinaus vermarkten lassen.

Stichwort Verkehr: Wo drückt hier der Schuh am meisten?

Für uns zentral ist eine gute Anbindung an Basel, denn es ist das wirtschaftliche Herz der ganzen Nordwestschweiz. Hier müssen wir alles dazu tun, dass es nicht aufhört zu schlagen, weil es kollabiert. Diese Gefahr ist sowohl auf der Strasse wie auf der Schiene latent vorhanden. Daneben haben wir viele kleine Baustellen, wie es sie in jeder auf Mobilität ausgerichteten Gesellschaft gibt.

Man könnte doch einfach noch ein paar Kreisel mehr bauen…

(Lacht.) Da haben wir mit dem Rest des Kantons gut Schritt gehalten. Ich denke, dort, wo ein Kreisel Sinn macht, steht heute auch ein Kreisel.

In Laufenburg staut es sich jeden Abend – wegen des Grenzverkehrs. Ist die Grenze mehr Fluch oder Segen?

Insgesamt sicher ein grösserer Segen. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, sind in verschiedenen Branchen auf die Grenzgänger angewiesen und profitieren im Gegenzug von tieferen Preisen und zusätzlichen Freizeitangeboten. Die beiden Länder haben sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges Schritt für Schritt angenähert, heute spürt man die Grenze nur noch in wenigen Belangen. Das ist der richtige Weg.

Der Detailhandel klagt, dass viele Schweizer in Deutschland einkaufen. Ärgert Sie es, wenn Leute über die Grenze zum Shopping pilgern?

Es bringt nichts, sich zu ärgern. Der Einkaufstourismus ist eine Tatsache und wir müssen mit ihm leben. Es braucht konkurrenzfähige Angebote und Dienstleistungen. Wo wir mit den Preisen nicht mithalten können, können wir es mit der Qualität und dem Service kompensieren.

Gehen Sie selber nach Deutschland zum Shoppen?

Ich kaufe vor allem beim einheimischen Gewerbe ein. Eine alte Tradition von vielen Steinern ist es allerdings, am Samstagmorgen zu Fuss über die alte Holzbrücke an den Wochenmarkt in Bad Säckingen zu gehen. Diese Tradition schätze auch ich sehr.

Im Dauerumbruch ist die Schule. Wohin geht der Weg?

Auf regionaler Ebene wird es eine weitere Konzentration der Oberstufe geben. Heute haben wir neun Standorte, in einigen Jahren werden es deutlich weniger sein. Dies deshalb, weil der Kanton aus Kostengründen Druck macht und die Mindest-Schülerzahlen pro Klasse stetig anhebt. Eine Konzentration macht aber auch pädagogisch Sinn, denn eine kleine Schule kann nicht alle Fächer anbieten – oder die angeschlossenen Gemeinden müssen tief in die Tasche greifen, was die Schulgelder wiederum erhöht. Zudem können kleine Schulen oft nur Pensen anbieten, die für die Lehrer nicht attraktiv sind.

Die Konzentration geht zulasten der kleinen Standorte. Macht das Sinn?

Es ist der einzige Weg. Es ist ja nicht so, dass man nun hingeht und alle kleineren Standorte, die unter Druck sind, auf einmal schliesst. Das ist ein längerer Prozess, der nun anläuft. Klar ist dabei: Der Kanton wird die Schraube weiter anziehen und keine Ausnahmebewilligungen mehr erteilen.

Wer kommt als Erstes unter Druck?

Unter Druck sind vor allem jene fünf Standorte, die keine Bezirksschule haben. Das sind Eiken-Münchwilen-Sisseln, Wegenstettertal, Kaiseraugst, Gipf-Oberfrick und Fischingertal. Die beiden Letzteren erfüllen die Mindestschülerzahlen bereits heute nicht mehr. Hier muss eine Lösung gefunden werden. Ich denke, langfristig wird es noch Schulkreise um die vier Bezirksschulstandorte Frick, Laufenburg, Möhlin und Rheinfelden geben.

Werden dereinst auch die Primarschüler in regionalen Schulen unterrichtet?

Das wäre kein guter Weg. Kindergarten und Primarschule gehören ins Dorf. Das ist für viele auch ein wichtiger Faktor, wenn sie sich einen neuen Wohnsitz suchen.

Das Sisslerfeld gilt als «Filetstück» unter den noch unbebauten Industrieflächen im Aargau. Doch seit Jahren geht es nicht vorwärts. Vergammelt es langsam?

Nein, es brauchte einfach Zeit, um angesichts der vielen Besitzer eine unité de doctrine zu erreichen. Die ist nun da und ein Teil des Sisslerfeldes ist nun auch im Verkauf. Dass dies nicht von heute auf morgen geht, ist klar – zumal Unternehmen angesichts des starken Frankens bei den Investitionen eher zurückhaltend sind.

Das Sisslerfeld ist heute schon ein Life-Sciences-Cluster und soll es noch stärker werden. Ist diese Konzentration auf eine Branche nicht gefährlich?

Nein, denn diese Branche ist wenig konjunkturabhängig. In die Gesundheit wird immer investiert. Je mehr Wohlstand wir haben, desto mehr ist Life-Sciences gefragt.

Sie waren elf Jahre Repla-Präsident. Ihr grösstes Highlight?

Es gibt so viele. Darf ich nur eines sagen?

Es dürfen auch drei sein.

Immerhin. Dann sind es das regionale Entwicklungskonzept, die Bedarfsplanung der Langzeitpflege und die Richtplananpassung Siedlungsgebiet. Hier haben wir für das Fricktal viel herausgeholt – deutlich mehr, als uns der Kanton zugestehen wollte.

Und der grösste Frust?

Dass es uns nicht gelungen ist, die Bezeichnung unteres und oberes Fricktal aus der Welt zu schaffen. Wir wollten diese Unterscheidung aus dem Vokabular streichen – sie hat sich bis heute hartnäckig gehalten.

Ihr Wunsch für das Fricktal?

(Lacht.) Dass es die Unterscheidung unteres und oberes Fricktal nicht mehr gibt und dass wir uns noch mehr als Region verstehen. Der finanzielle Druck, der auf den Gemeinden lastet, hat zu einer gewissen Entsolidarisierung unter den Gemeinden geführt. Das ist gefährlich und dem gilt es entgegenzuwirken.

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