Es ist das letzte Bild, das der Kaiseraugster Naturfreund und Storchenvater Urs Wullschleger von seiner Wohnung aus von Camino schiessen konnte: Es zeigt den damals elf Wochen alten Jungstorch, wie er im Horst auf dem Gasthaus Adler sitzt und sich mit einem Gegenstand abmüht, den er in der Recyclingfirma stibitzt hat und partout nicht fressen konnte.

Wullschleger lacht. «Er wurde richtig wütend, schlug den Gegenstand im Nest umher und fauchte dabei gehörig.» Passanten erschraken ob der unfreundlichen Töne.

Kurz nach dieser Aufnahme hat Camino das elterliche Nest verlassen und erkundet seither die Region, man kann auch sagen: Er hat sich auf den Weg, den camino, gemacht, um sich für seine erste lange Reise nach Spanien zu rüsten.

«Ich rechne damit, dass er zusammen mit anderen Jungstörchen aus der Region in den nächsten Tagen losfliegt», sagt Wullschleger. Die erwachsenen Tiere folgen der Jungmannschaft Ende September.

Bereit ist Camino, inzwischen 15 Wochen alt, für die Reise; er «trainiert» täglich und seine Flüge werden stets länger. «Es ist erstaunlich, wie weit er fliegt», sagt Wullschleger, der die Störche in Kaiseraugst seit 1991 betreut. In dieser Zeit konnten 74 Jungstörche beringt werden; 12 waren es in diesem Jahr. Fünf weitere Jungtiere haben das garstige Mai-Wetter nicht überlebt.

Flüge bis ins Elsass

Camino trägt die Nummer «SK329». Er hat sich als Musterschüler, pardon: als Musterstorch entpuppt. «Er ist äusserst fit», freut sich Wullschleger. Jeden Tag loggt er sich ins Internet ein und verfolgt dort die Flugbewegungen von Camino. Dies ist möglich, weil der «Adler»-Jungstorch – dank der finanziellen Unterstützung der Gemeinde – am «Projekt Storchenzug» teilnehmen kann.

Dafür wurde er mit einem speziellen Datenlogger ausgerüstet. Dieser 40 Gramm leichte, solarbetriebene Sender, der mit zwei Gummibändern unter den Flügen hindurch befestigt ist und den Camino seit seiner siebten Lebenswoche trägt, setzt pro Tag im Schnitt zwei Meldungen ab.

«Camino war schon mehrfach im Elsass und in Süddeutschland», sagt Wullschleger. Andere Jungstörche – etwa Zoe aus Rheinfelden – blieben bislang eher in der Region, vor allem rund um Möhlin.

Hier zieht es auch Camino immer wieder hin, «weil in der Storchenstation viele Jungtiere leben». Wullschleger kann sich gut vorstellen, dass Camino zusammen mit ihnen seine Reise nach Spanien antritt. «Ich bin jetzt schon gespannt, welchen Weg Camino nimmt.» Sein Tipp: Die Rhein-Rohne-Route, denn hier müssen die Störche keine Berge passieren.

Von den Eltern verjagt

In der Nähe des elterlichen Horstes auf dem «Adler», der genau vis-à-vis von Wullschlegers Wohnung liegt, ist Camino seit seinem «Auszug» vor rund vier Wochen nur noch einmal gewesen. «Die Eltern haben ihn fortgejagt.»

Das sei bei Störchen immer so, erklärt Wullschleger, schliesslich müssen die Jungtiere schnell lernen, auf den eigenen Beinen zu stehen, oder vielmehr: Sie müssen schnell flügge werden.

Wullschleger wird das Leben von Camino im Internet genau verfolgen. «Ich hoffe, dass er in zwei Jahren, wenn er das erste Mal in die Schweiz zurückkehrt, sein Nest im Dorf baut.»

Er wäre der Erste der Kaiseraugster Jungstörche, der nicht nur in die Region zurückkehrt, sondern sich an seinen Geburtsort niederlässt. «Viele leben in der Umgebung», weiss Wullschleger, etwa in Möhlin oder im Zoo Basel. «Doch ins Dorf selber kam bislang keiner zurück.»

Und wenn auch Camino fremdgeht und sich in einem anderen Ort niederlässt? Wullschleger lacht. «Dann weiss ich ja dank dem Sender jederzeit, wo er sich aufhält, und kann ihn besuchen.»