Kaisten

Ich bin dann mal da: Fricktalerin schreibt herzergreifendes Kinderbuch

In «Ich bin Nana!» erzählt Nadine Tannó die Geschichte eines Mädchens, das zu einer Pflegefamilie kommt.

In «Ich bin Nana!» erzählt Nadine Tannó die Geschichte eines Mädchens, das zu einer Pflegefamilie kommt.

Nadine Tannó aus Kaisten hat mit «Ich bin Nana!» ein eindrückliches und tiefgründiges Kinderbuch geschrieben. Früher war sie «Vollblut-Kinderhüterin».

Diagnose: Drachenschwanz-Krankheit. Das Leiden lastet schwer auf Nanas Mutter und stellt sie vor den wohl schwierigsten Entscheid, den eine Mutter treffen muss: das eigene Kind in eine Pflegefamilie zu geben.

Nana, das ist ein kleines Mädchen, vif, neugierig, keck, meist fröhlich, manchmal mit der (Lebens-)Situation etwas überfordert. Nana, das ist die kleine Heldin in einem neuen Kinderbuch. Geschrieben hat die herzergreifende Geschichte Nadine Tannó aus Kaisten, die Zeichnungen stammen von ihrer Mutter Ursula Koller.

Nana, das braungelockte Mädchen, das im Buch in eine fremde Welt aufbricht, hat viel mit dem Leben ihrer Erschafferin zu tun. Nadine Tannó, 40, ist Mutter von zwei (fast) erwachsenen Kindern, ist Pflegemutter von zwei kleineren Kindern, ist SOS-Mutter bei Kriseninterventionen. Sie habe immer schon den Wunsch gehabt, auch für andere Kinder da zu sein, erzählt sie. Eine Zeit lang habe sich die Familie auch eine Adoption überlegt. «Der Prozess geht aber lange, ist umständlich und ungewiss.» Zudem seien die Chancen, wenn man schon eigene Kinder habe, eher klein.

Als Pflegeeltern ausgebildet

Tannó entschied sich zusammen mit ihrem Mann, sich als Pflegeeltern ausbilden zu lassen. «Das ist einfacher, als ein Kind zu adoptieren», sagt sie. Es hat aber auch einen Haken. Wenn sich die Eltern erholen, müssen – oder vielleicht besser: dürfen die Kinder nach Hause zurückkehren. Bei Kriseninterventionen ist es sogar zum vornherein klar, dass ein Kind nicht länger als drei Monate bleibt. Theoretisch. Denn Jonathan, der jüngste Spross im Hause Tannó, lebt nun auch schon länger bei seiner Pflegefamilie. «Wie lange, ist unklar», sagt Tannó.

Das Bewusstsein, dass Jonathan die Familie einmal verlassen wird, verlassen muss, belastet sie nicht gross. «Ich gebe jedem Kind in der Zeit, in dem es bei uns ist, alles, was ich habe.» Wenn es dann weiter- ziehe, könne es, so hofft Tannó, eine gute Zeit im Rucksack mitnehmen.
Man spürt, wenn man mit ihr spricht, diese tiefe Verbundenheit mit Kindern, dieses bedingungslose Für-sie-Dasein-Wollen. «Pflegemutter zu sein, ist meine Berufung», sagt sie. «Kinder sind das Beste auf der Welt, das es gibt.» Sie weiss aber auch: «Pflegekinder sind nie einfach. Sie bringen einen oft schweren Rucksack mit.»

Diese Verbundenheit zu Kindern hatte Tannó schon, als sie selber noch fast ein Kind war. Sie lacht. «Ich war in unserem Quartier die ‹Vollblut-Kinderhüterin›», erzählt sie. Die Kinder wollten zu ihr, wollten von ihr immer neue Geschichten hören. Das passte, denn sie erfand schon als Mädchen fürs Leben gerne Geschichten – und konnte sich mit dem Hüten erst noch ein Sackgeld verdienen.

Die Mutter bemerkte – ebenso wie ihr Lehrer – früh, dass sie Talent zum Geschichtenerzählen hat. Wieder muss Tannó lachen, wie sie an die Kindheit zurückdenkt. «Meine Mutter sagte schon damals: ‹Du musst ein Kinderbuch schreiben – ich mache dann die Illustrationen›.» Gut 30 Jahre später ist «der Traum», wie es Tannó nennt, nun perfekt.

Ein Buch nur für Leonardo

Eigentlich ist es bereits das zweite Kinderbuch, das sie schreibt. Das Erste wurde bislang nicht publiziert – und wird es auch nie. «Es ist alleine für Leonardo», erzählt Tannó. Leonardo, 6, ist das ältere der beiden Pflegekinder. Er kam halbjährig zur Familie und die Pflegemutter wollte auf den Moment, wo er nach dem Woher und dem Wieso fragt, vorbereitet sein. Sie schrieb seine Geschichte auf, ihre Mutter fertigte die Illustrationen und jedes Familienmitglied erhielt ein Exemplar. Auch, damit Leonardo sieht, wenn er bei Verwandten zu Besuch ist: Es gehören alle zusammen.

Dieses erste Buch hat «mir den Ärmel so richtig reingezogen», erzählt Tannó. In nur einem Nachmittag schrieb sie die Geschichte von Nana. Etwas länger ging die Suche nach einem Verleger. «Ich schrieb alle Verlage an, die ich fand», sagt sie. Es kamen viele Absagen. Entmutigen liess sie sich dadurch nicht. «Ich glaubte fest daran, dass es klappt.» Und das tat es dann auch: Der Spiegelberg Verlag in Fahrwangen war bereit, ihr Buch zu verlegen.

Nana war geboren. Tannó gelingt es in dem Kinderbuch, die Geschichte von Nana, dem Pflegekind, altersgerecht zu erzählen – und ihr gelingt es, subtil, auch eine Metabotschaft an Eltern und Kindern zu vermitteln. Dass Kinder, die von ihren Eltern wegmüssen, Angst vor der Ungewissheit, vor dem Neuen haben. Und «dass alle Kinder, die fremdplatziert werden, ihre Eltern bedingungslos lieben, dass das Neue aber auch gut kommen kann». Das sei ihre eigene Erfahrung mit den Pflegekindern. «Die Eltern behalten den höchsten Stellenwert.» Auch deshalb ist für sie klar: «Über die leiblichen Eltern darf man als Pflegeeltern nie schlecht reden» – ganz egal, was geschehen ist.

«Ich bin Nana!», das in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen ist, soll nicht das letzte Buch von Tannó bleiben. Sie habe viele Ideen im Kopf, sagt sie, auch für Hörspiele oder kleine Filme. Eine Tierfabel, die von Aussenseitern handelt, hat sie bereits niedergeschrieben; ihre Mutter ist derzeit am Illustrieren. Wie bei Nana war ihr auch beim zweiten Buch wichtig, eine Botschaft zu transportieren. «Denn für mich muss auch ein Kinderbuch Tiefgang haben.» Themen wie die Fragen, die eine Scheidung in Kindern auslöst, interessieren sie. Oder, was in einem Mädchen vorgeht, wenn es einen schlimmen Unfall erleidet.

Kollision mit Lastwagen

So wie sie vor bald 30 Jahren. Ein Lastwagen fährt in das Auto, in dem Tannó, damals 13, sitzt. Sie ist halbseitig gelähmt, kann nicht mehr reden, ihr Sehvermögen ist stark beeinträchtigt. Sechs Monate liegt sie im Spital – und kämpft sich zurück. Die Lähmung geht langsam zurück, das Sprechen kommt wieder. Nur der Sehverlust bleibt. Alles, was links ist, sieht sie bis heute nicht. Ja, sagt sie nach einer kurzen Pause, ja, sie könne sich gut vorstellen, auch diese Geschichte einmal in Kinderbuchform zu erzählen. «Um anderen Betroffenen zu helfen.»

Diagnose: Drachenschwanz-Krankheit. Sie haftet der Mutter von Nana an. «Jeder Leser soll für sich selber entscheiden, was diese Krankheit ist», sagt Tannó. Für sie selber ist es «die Überforderung, die in jedem Menschen vorhanden ist».

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