Erwin Rehmann

«Ich atmete einige Minuten nicht, ich hatte grosses Glück»

«Kunst kennt kein Alter. Sie lebt – oder ist tot. Und ich lebte mit ihr, oder besser: sie lebte in mir»: Erwin Rehmann ist auch mit bald 95 Jahren noch aktiv.

«Kunst kennt kein Alter. Sie lebt – oder ist tot. Und ich lebte mit ihr, oder besser: sie lebte in mir»: Erwin Rehmann ist auch mit bald 95 Jahren noch aktiv.

Er ist einer der Grossen in der Bildhauer-Szene: Erwin Rehmann. In einer Woche wird er 95 – und feiert dies, wie könnte es anders sein, mit einer neuen Ausstellung. «Living Metals», lebendes Metall, steht für seine immense Schöpferkraft. In der az blickt er auf all die vielen Anfänge in seinem Leben zurück, auf die ersten Male.

Mein erstes Wort

«Mama. Mein Vater arbeitete tagsüber und so war sie meine erste Bezugsperson. An die Kindheit zurückzudenken, ist ein schönes Gefühl. Ich wuchs zusammen mit meinem Bruder und meinen zwei Schwestern in der Altstadt von Laufenburg auf. Wir hatten es gut.»

Meine erste Erinnerung

«Es war an einem Sonntagvormittag, ich war etwa drei Jahre alt. Ich lag auf dem Rücken auf dem Küchentaburett und mein Vater drückte heftig auf meinem Bauch herum. Ich erwachte und dachte: He, was macht der mit mir? Ich erinnerte mich im ersten Moment nicht mehr daran, dass ich zusammen mit einem Kollegen draussen am Rössli-Brunnen gespielt hatte. Ich war auf den Brunnen geklettert und balancierte über den Rand. Mein Gspänli gab mir einen Schupf, ich flog hinein – und ging unter. Ich atmete einige Minuten lang nicht. Ich hatte das Glück, dass ein Anwohner den Kirchgang geschwänzt hatte und mich vom Fenster aus im Brunnen entdeckte. Er rannte drei Stockwerke hinunter, sprang in den Brunnen, holte mich raus und brachte mich zu uns nach Hause. (Schmunzelt.) Auch mein Vater war der Kirche ferngeblieben – und wusste, wie man einen Ertrunkenen reanimiert.»

Mein erstes Zuhause

«Das war an der Laufengasse 133. Es war ein altes Haus, das mein Vater restauriert hat. Er baute über Jahrzehnte am Haus. Es war für uns Kinder ein Paradies.»

Mein erstes Geheimnis

«Ich war zusammen mit meiner Mutter in einem Zimmer. Plötzlich rief sie: Schau, dort ein Floh. Ich sah ihn, wie er rund zwei Meter weit sprang. Die Mutter sagte: Du darfst niemandem sagen, dass wir Flöhe haben. (Kichert.) Ich hielt mich daran bis heute.»

Mein erster Erfolg

«Daran erinnere ich mich lebhaft, denn aus dem ersten Erfolg wurde innert Sekundenbruchteilen ein schmerzhafter Misserfolg. Ich war etwa drei. Mein älterer Bruder baute mit dem Bügelbrett eine Brücke zwischen Tisch und Kachelofen. Er lief darüber und ich dachte: Das kann ich auch! Ich schaffte es, fiel aber dann doch hinunter. Am Boden lag die Schuhmacher-Box meines Vaters mit Hammer, Aale und Nägeln. Die Aale hatten wir vorher benutzt und mit dem Spitz gegen oben in die Box zurückgelegt. Ich fiel auf die Aale – und sie durchbohrte meinen Fuss. Bevor mir klar wurde, was passiert war, zog mein Bruder die Aale aus meinem Fuss. Wir verbanden den Fuss und taten so, als wäre nichts passiert.»

Mein erster Kuss

«Da musste ich lange warten. Unsere Eltern gaben uns nie Küsse – und ich habe auch nie gesehen, dass sie sich geküsst haben. An den ersten Kuss meiner Mutter erinnere ich mich deshalb noch genau: Das war 1946, ich war 25. Meine Mutter gab mir am Bahnhof einen Abschiedskuss, als ich zu einem Auslandaufenthalt nach Paris abfuhr.»

Meine erste Liebe

«Das war Madeleine Murat. Ihre Eltern waren aus dem Elsass nach Laufenburg gezogen und Madeleine war in der gleichen Klasse wie ich. Ich verdiente damals etwas Taschengeld, indem ich Zeitschriften vertrug. Als ich genug Geld zusammen hatte, ging ich in ein Geschäft an der Fischergasse und kaufte Madeleine einen Anhänger aus Elfenbein, eine kleine Rose. Sie war begeistert. Ich war sehr traurig, als die Familie wieder ins Elsass zog.»

Meine erste Kriegserinnerung 

«Ich war elf, als Hitler Reichskanzler wurde. Schon bald liefen viele junge Deutsche in badisch Laufenburg mit Armbinden herum, wenig später mit braunen Uniformen. Man nannte sie bei uns die ‹braunen Buben›. Es wurden von Tag zu Tag immer mehr und die Ansprachen, zu denen sie sich versammelten, immer radikaler. Der Führer über alles. Wir hörten die Worte, hörten auch ihren Hass auf die Juden, den ihnen die Redner einpeitschten. Es war der Anfang einer schlimmen Zeit.»

Mein erster Gedanke bei Kriegsende 

«Eine grosse Leere. Nach sechs Jahren Krieg, nach sechs Jahren Zerstörung wusste ich nicht, was Frieden heisst, wusste nicht, was nun zu tun ist. Sechs Jahre hörte und las man nichts anderes als: Krieg. Und nun war er zu Ende. Natürlich, die Erleichterung war riesig. Im ganzen Land läuteten die Glocken. Wir wussten aber auch: Der Wiederaufbau wird hart.»

Mein erstes Kind

«Meine Frau und ich lernten uns 1957 kennen, heirateten 1958 und Christoph, unser erstes Kind, kam 1959 auf die Welt. (Lacht.) Wir haben ein ganz schönes Tempo vorgelegt. Die Geburt von Christoph war eine Zäsur in meinem Leben. Ich war bei der Geburt dabei und ging danach in die Gemeindekanzlei, um unseren Sohn anzumelden. Ich lief durch die Gassen, blieb stehen und das Gefühl kam hoch: Ich bin jetzt ein anderer Mensch, ich bin kein Bub mehr, sondern ein Mann.»

Mein erster Abschied

«Meine Gotte, Adolfine Amsler, wohnte in Kaisten. Ihr Mann war bereits verstorben, sie zog die acht Kinder alleine auf. Zu ihr durfte ich in die Ferien. Das war das erste Mal, dass ich aus Laufenburg weg war. Zwar nicht sehr weit, aber für mich als kleiner Knirps war das fast eine Weltreise.»

Meine erste Begegnung mit dem Tod

«Ich war etwa acht Jahre alt. Schräg vis-à-vis von uns wohnte Familie Müller. Ihr Sohn Pius, der ein Jahr jünger war als ich und mit dem ich oft spielte, starb an einer Blinddarmentzündung. Alle Leute besuchten die Familie und auch ich ging in die Stube, in der Pius aufgebahrt war. Ich schaute ihn an, sah, dass er lächelte, ganz zufrieden wirkte. Der Tod verlor in diesem Moment seinen Schrecken. Ich heulte trotzdem – nicht wegen Pius, sondern weil alle um mich herum weinten.»

Mein erster Job

«Ich war in Wettingen und absolvierte das Lehrerseminar. Eines Tages, ich war im letzten Schuljahr, sah ich per Zufall in einer Zeitung ein Stelleninserat. In Siglistorf wurde ein Lehrer für die 5. bis 8. Klasse gesucht. Ich meldete mich, glaubte aber nicht, dass ich die Stelle bekomme, denn zu dieser Zeit herrschte Lehrerüberfluss. Nach drei Wochen bekam ich einen Brief aus Siglistorf, ich sei gewählt. Dies, ohne dass ich mich je vorgestellt hätte. Ich erschrak – und suchte auf der Landkarte zuerst einmal Siglistorf, denn ich hatte keine Ahnung, wo das lag. Eine Postautoverbindung ins Dorf gab es auch nicht und ich stellte mich schon darauf ein, dass ich täglich zwei Stunden zu Fuss gehen muss. Ich nahm die Stelle trotzdem an – und fand zum Glück ein Zimmer im Dorf. (Lacht.) Ich war noch keine fünf Minuten im Dorf, da fragte mich schon jemand: ‹Herr Lehrer, könnten Sie nicht auch den Männerchor übernehmen?› Ich sagte zu. Es war eine schöne Zeit.»

Meine erste Schulstunde 

«Die Schule war ein kleines Häuschen, etwas abseits gelegen. Ich ging kurz vor sieben Uhr die Holztreppe hinauf, setzte mich auf meinen Stuhl – und wartete. Nervös war ich nicht. Wir beteten zuerst und dann sangen wir ein Lied zusammen. Das Eis war gebrochen.»

Mein erster Kunst-Lehrmeister

«Nach meiner Anstellung in Siglistorf ging ich nach Paris. Als ich kein Geld mehr hatte, kam ich zurück und fand in Baden eine temporäre Anstellung als Zeichnungslehrer. Hier bereitete man sich gerade auf das grosse Fest zur 100-Jahr-Feier der Spanischbrötlibahn vor. Bildhauer Eduard Spörri hatte den Auftrag, in Gips einen vier Meter hohen Pharao zu bauen. Ich schaute ihm zu, fragte, ob ich ihm assistieren dürfte. Er sah mich an, nickte – und für mich begann eine Zeit, die mich prägte. Ich blieb ein Jahr bei ihm und in dieser Zeit entschloss ich mich, auch Bildhauer zu werden. Ich habe Eduard Spörri viel zu verdanken.»

Mein erstes Kunstwerk

«Das fertigte ich im Seminar an. Wir hatten einen miserablen Zeichnungslehrer, doch wir durften zumindest in den Park zum Zeichnen. Einmal forderte er uns auf, die Hühner im Gehege abzuzeichnen. Zwischen den Hühnern entdeckte ich einen Hasen, der mich beobachtete. Ich ging heim und dachte: So, jetzt mache ich diesen Hasen. Ich hatte schon ein Jahr zuvor einen Block Lehm gekauft, holte ihn hervor und modellierte den Hasen. (Rehmann nimmt einen zehn Zentimeter grossen Hasen vom Tisch.) Ich habe ihn bis heute behalten. Er hat inzwischen auch 75 Jahre auf dem Buckel.»

Meine erste Skulptur

«Eine sitzende Frau. Ich fertigte sie 1947, noch vor meiner Lehrzeit bei Spörri. Ich hatte die Werkstatt meines Vaters in der Laufengasse zum Atelier umfunktioniert. Das Arbeiten war da recht schwierig: Der Raum war klein und Tageslicht kam kaum hinein.»

Meine erste Gross-Skulptur 

«Ich ging nach meinem Lehrjahr bei Eduard Spörri ein halbes Jahr nach Italien, weil ich mich emanzipieren wollte. (Lacht.) Ich arbeitete vorher wie Spörri und wollte nun meinen eigenen Stil finden. Es kamen hier auch Fragen auf wie: Wer bin ich? Was ist überhaupt ein Ich? Ich muss von null anfangen, dachte ich, doch einen Punkt kann ich als Bildhauer nicht formen. So kam ich auf die Kugel und komponierte in Gedanken die ‹knieende Frau mit Kugel›. Diese setzte ich zu Hause zuerst als rund 30 Zentimeter grosse Figur um, später wurde daraus eine lebensgrosse Plastik. Sie steht bis heute in meinem Garten.»

Meine erste verkaufte Figur 

«Mein Bruder kaufte mir eine Holzfigur ab. Er gab mir 800 Franken dafür. Ich war gehörig geschmeichelt.»

Meine erste Ausstellung 

«Es war 1953. Adolf Reinle, der damals Kunstgeschichte studierte und in Stein lebte, besuchte mich regelmässig in meinem Atelier und schaute mir beim Arbeiten zu. Als er später in Luzern arbeitete, die Kunstdenkmäler der Innerschweiz inventarisierte und gleichzeitig das Luzerner Kunsthaus als Direktor betreute, sagte er eines Tages: ‹Erwin, lass uns deine Werke im Kunsthaus Luzern ausstellen.› Ich schaute ihn mit grossen Augen an und erwiderte: ‹Ich habe mir vorgenommen, zehn Jahre zu arbeiten und bis dahin nichts zu verkaufen und nichts auszustellen.› Denn es hätte ja sein können, dass mir vorher die Ideen ausgehen. Sollte die Luft raus sein, nahm ich mir vor, halt als Zeichnungslehrer zu arbeiten. Er überzeugte mich – und so fand meine erste Ausstellung in Luzern statt.»

Mein erster Fan

«Das war Adolf Reinle. Er schrieb auch mehrere Artikel über mich und meine Kunst. (Schmunzelt.) Sie lobten meine Figuren mit fachmännischer Sicherheit und ebneten mir den Weg in die internationale Kunstszene. Im ersten Artikel schrieb Reinle: Der «Bildhauer Erwin Rehmann». Ich sass am Stubentisch, las es und dachte: Das tönt gut; der ‹Bildhauer Erwin Rehmann›.»

Meine erste Ausland-Ausstellung 

«Ich wurde Mitte der 1950er-Jahre von der eidgenössischen Kunstkommission eingeladen, im Schweizer Pavillon an der Biennale in Venedig drei Werke auszustellen. Ich war begeistert und besuchte die Biennale natürlich auch. Ein eindrückliches Erlebnis – auch die Espressos, die ich mit Alberto Giacometti vor dem Pavillon trank.»

Meine ersten Alterserscheinungen 

«Kunst kennt kein Alter. Sie lebt – oder ist tot. Und ich lebte mit ihr, oder besser: Sie lebte in mir. Für mich zählte stets die Gegenwart, das Sein im Heute. Ich war weit über 80, als ich zum ersten Mal dachte: Jetzt hast du schon ein gewisses Alter.»

Mein erster Gedanke zum 95. Geburtstag 

«Ein weiter Weg. Ich freue mich darauf, vor allem auf die neue Ausstellung ‹Living Metals›, lebendes Metall.»

Mein erster Wunsch für das Danach 

«Es wird eine andere Welt weitergehen. Wir sagen dem Jenseits. Leben kann nicht sterben, sonst wäre es kein Leben. Was stirbt, ist einzig die Hülle. Der Kern, die Seele lebt weiter.»

Mein letztes Wort 

«Amen.»

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