Laufenburg
Historischer Turm galt als verschwunden – nun kam es zur grossen Entdeckung

Der historische Laufenburger Storchennestturm galt als verschwunden. Nun hat ihn eine Kunsthistorikerin lokalisiert.

Marc Fischer
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Einige Historiker hatten im Laufe der Zeit den Rundturm ganz rechts im Bild für den Storchennestturm gehalten. Nun ist klar: Im Mauerwerk der gelben Grimmer-Liegenschaft ist der Storchennestturm über mehrere Stockwerke erhalten.

Einige Historiker hatten im Laufe der Zeit den Rundturm ganz rechts im Bild für den Storchennestturm gehalten. Nun ist klar: Im Mauerwerk der gelben Grimmer-Liegenschaft ist der Storchennestturm über mehrere Stockwerke erhalten.

Marc Fischer

Der Storchennestturm ist der erste Turm der Stadt Laufenburg, der in den Schriftquellen vorkommt – und zwar schon im Jahr 1383. Gebaut wurde er wohl bereits im 13. Jahrhundert. Die übrigen Türme der Stadtbefestigung erscheinen in den Quellen erst ab dem 16. Jahrhundert oder wurden gar erst dann errichtet.

Allerdings: Wo der Storchennestturm genau stand, war bislang unklar, da man aus der Quelle von 1383 lediglich wusste, dass er sich in unmittelbarer Nähe der Burg befand. Bei einigen Historikern galt er als verschwunden, andere hielten den kleinen, halbrunden Turmstumpf im Garten der Grimmer-Liegenschaften am Fuss des Schlossbergs für den Storchennestturm.

Im Mauerwerk erhalten

Nun hat Edith Hunziker Licht ins Dunkel gebracht. Die Kunsthistorikerin ist Kunstdenkmäler-Inventarisatorin im Kanton Aargau und schliesst derzeit zusammen mit Susanne Ritter den Band der Reihe «Kunstdenkmäler der Schweiz» über den Bezirk Laufenburg ab. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit hat Hunziker nun den Storchennestturm entdeckt.

«Wir können den Turmrest nun zweifelsfrei verorten, er befindet sich im grabenseitigen Teil des Hauses Gerichtsgasse 79», sagt Hunziker. Das Gebäude ist eine der beiden Grimmer-Liegenschaften, die mittlerweile im Besitz der Ortsbürger sind (vgl. Box). Konkret ist der Storchennestturm im Mauerwerk der später als Wohnhaus genutzten Liegenschaft «über mehrere Stockwerke erhalten geblieben», wie Hunziker ausführt.

Gästehaus-Pläne der Ortsbürger wohl nicht tangiert

An der letzten Ortsbürger-Gemeindeversammlung in Laufenburg wurden Pläne für die beiden Grimmer-Liegenschaften vorgestellt. Sie sollen beide saniert werden. In der jüngeren sind künftig das regionale Zivilstandsamt und Wohnungen vorgesehen. In der älteren – hier wurde nun im Mauerwerk der Storchennestturm entdeckt – ist ein Gästehaus mit neun Doppelzimmern geplant (die AZ berichtete). Wie der Laufenburger Vizeammann Meinrad Schraner sagt, steht man in Kontakt mit der kantonalen Denkmalpflege. Der zuständige Bauberater Philipp Franz Schneider sagte auf Anfrage, Stand heute hätten die neuen Erkenntnisse aus Sicht der kantonalen Denkmalpflege Aargau keinen Einfluss auf die Planungen. «Es handelt sich beim Storchennestturm um kein kantonales Denkmalschutzobjekt.» Inwieweit sich Erkenntnisse aus einer allfälligen bauarchäologischen Untersuchung durch die Kantonsarchäologie auf das Bauprojekt auswirken können, lasse sich heute noch nicht abschätzen. (mf)

Doch wie kam Edith Hunziker überhaupt auf die Idee, in einem Wohnhaus nach dem Turm zu forschen? «Die Tatsache, dass ein Teil des Hauses über die Flucht der Stadtmauer hinausragt, hat Christoph Reding von der Kantonsarchäologie und mich überhaupt erst auf die Idee gebracht», so Hunziker. Danach habe sie festgestellt, dass auf allen alten Plänen der Stadt Laufenburg die Situation ebenfalls schon so dargestellt ist. Weitere Hinweise fand Hunziker schliesslich in Schriftquellen aus den Jahren 1526 und 1728. «Wie so oft waren es verschiedene Puzzleteile, die zuerst aufgefunden und dann richtig zusammengesetzt werden mussten.»

Zusätzlich zur Entdeckung, dass der Storchennestturm tatsächlich noch existiert, konnten laut Hunziker viele neue Erkenntnisse zur nahen Umgebung des Turms gewonnen werden. «Etwa dass es sich beim Vorgängerbau des Hauses Gerichtsgasse 80 um eine einstige Schlossscheune handelte, dass der Westabhang des Schlossbergs einst teilweise mit Reben bestockt war oder dass es sich beim zum Schloss gehörigen Baum- oder Obstgarten höchstwahrscheinlich um die Burgmatt handelt.»

Teil einer grossen Unterburg

Wichtig sei die Entdeckung des Storchennestturms zudem auch für das Wissen über die Unterburg, von deren Existenz man bis vor wenigen Jahren überhaupt noch nichts wusste. Nach den neusten Erkenntnissen sei nun klar, dass sich diese Unterburg mehrstufig weit nach Westen in die nachmalige Wasenvorstadt hinein ausdehnte. Die Burganlage war die Residenz der Grafen von Habsburg-Laufenburg, bis sie nach deren Aussterben an das Haus Habsburg-Österreich überging und zum Vogteisitz wurde. «Die gesamte Anlage erscheint somit in einem ganz neuen Licht», so Hunziker.

Der Storchennestturm war Teil dieser ausgedehnten Unterburg. «Nach der Quelle von 1383 zu schliessen, besass er ein Törchen, durch das der Weg vom Schlossareal in den schlosseigenen Obstgarten jenseits des Grabens vor der Stadtmauer führte», erklärt Hunziker. Wie der Turm allerdings genau ausgesehen hat und welches seine genaue Funktion war, ist jedoch unklar. «Der Storchennestturm könnte als sogenannter Schalenturm nach innen, gegen die Stadt hin offen gewesen sein», vermutet die Kunsthistorikerin. Allenfalls könnten bauarchäologische Untersuchungen aber noch weitere Details ans Licht bringen.