Nancy Holten aus Gipf-Oberfrick hat genug: Sie will ihre Ruhe vor dem frühmorgendlichen Läuten der Kirchenglocken und bereitet eine Immissionsklage gegen den 6-Uhr-Betruf vor. Sie sagt: «Ich möchte selber entscheiden, wann ich geweckt werde.» Und: «Ich kann mir vorstellen, dass manche das Geläut am Anfang vermissen werden. Aber nach einer bestimmten Zeit lernen sie, die Ruhe zu schätzen.» Eine Unterschriftssammlung läuft. 

Herr Hüsser, wenn in Ihrer Gemeinde eine Petition gegen das Glockengeläut morgens um sechs Uhr lanciert wird – unterschreiben Sie diese?

Linus Hüsser: Auf keinen Fall. Nie.

Weshalb nicht?

Weil das Glockengeläut Teil der christlichen Tradition ist und die gilt es zu bewahren. In Herznach und Ueken, wo ich seit 12 Jahren Kirchenpflegepräsident bin, stand weder der nächtliche Stundenschlag noch das Betzeitläuten um sechs Uhr in der Früh je zur Debatte.

Sie berufen sich auf die christliche Tradition. Nur: Die Zahl derer, die einer Landeskirche angehören, schrumpft laufend. Ergo braucht es doch auch kein universelles Ritual mehr.

Sie übersehen da ein wichtiges Detail.

Welches?

Dass die christlichen Glaubensgemeinschaften nach wie vor eine klare Mehrheit bilden. Das Christentum prägt unsere Kultur und Gesellschaft. Die Glocken sind ein Teil davon – wie der Ruf des Muezzins bei den Muslimen. Für mich ist das Glockengeläut aber auch ein Teil unseres Brauchtums. Dieses möchte ich nicht wegen einigen wenigen, die sich daran stören, verlieren.

Da spricht der Nostalgiker.

Nein, der Historiker. Die Kirchenglocken sind seit Jahrhunderten ein zentrales Element der christlichen Kultur. Sie übernahmen stets wichtige Funktionen. Sie warnten die Leute und schlugen Alarm. Man weihte sie und glaubte, der segnende Klang vertreibe Hagel- und Gewitterstürme. Zudem begleiteten sie die Menschen als Stundengeber durch den Tag und verkündeten die Gebetsstunden. Man stand am Morgen mit den Glocken auf, betete, ging arbeiten. Um 11 Uhr, wenn die Glocken erneut läuteten, sprach man den Englischen Gruss. Und am Abend läuteten sie das Ende des Tages ein.

Sie sagen es selber: Das war einmal. Weshalb am Ritual festhalten, wenn der Inhalt abhandengekommen ist?

Vielleicht sollte man den Ansatz kehren: Statt das Ritual abschaffen, den Menschen den Inhalt erklären, sagen, wieso es läutet. Das wissen heute viele nicht mehr. Mit dem Wissen, davon bin ich überzeugt, kommt das Verständnis. Einmal rief bei uns auch ein Zuzüger an und fragte, was das Geläut am Morgen früh soll. Ich erklärte es ihm – und er war zufrieden.

Schön, dass bei Ihnen die Kirche im Dorf bleibt. In anderen Gemeinden – wie jetzt in Gipf-Oberfrick – sorgt das Geläut für mehr Zündstoff. Weshalb?

Die Gesellschaft ist im Umbruch. Lange prägte die Kirche das Dorfleben. Heute gibt es immer mehr Leute, die nichts mit ihr zu tun haben, die kirchenfern sind und damit auch die kirchlichen Traditionen infrage stellen.

Hängt es auch mit einer zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft zusammen?

Mag sein, doch aus meiner Sicht spielt eine andere Zeiterscheinung eine viel stärkere Rolle: Die Intoleranz, die insbesondere Zuzüger aus Städten und Agglomerationen mit aufs Land bringen. Sie stören sich an Dingen, die auf dem Land seit Menschengedenken selbstverständlich sind. In die gleiche Kerbe schlagen die Klagen, wenn Kühe auf der Weide Glocken tragen. Da fragt man sich zu Recht: Was war zuerst? Die Glocke oder der Zuzüger?

Es fällt in der Tat auf: Wenn es zum Glockenstreit kommt, gehen vielerorts die Alteingesessenen auf die Barrikaden – für das Geläut. Weshalb?

Weil es für sie ein Stück Heimat ist. Man wächst mit den Glocken auf, sie begleiten einen durch gute und schlechte Tage, mit ihnen verknüpft man viele Erinnerungen. Sie sind Teil des Alltags. Zudem ist es eine Frage, wie man mit dem Geläut umgeht.

Wie meinen Sie das?

Wenn man sich darüber aufregt, dann hört man es umso deutlicher – und regt sich noch mehr darüber auf. Wenn man es als Teil des Tageslaufs ansieht, vielleicht das Läuten sogar als kurze Auszeit in seinem Tag aufnimmt, dann kann es den Tag sogar bereichern.

Nehmen wir an, Sie müssten auf eines der beiden Rituale, den Stundenschlag oder den Betruf am Morgen, verzichten. Was wählen Sie?

In diesem Fall würde ich wohl auf den Stundenschlag verzichten. Heute trägt ja jeder eine Armbanduhr oder liest die Uhrzeit auf dem Handy ab. Das Morgengeläut hingegen begrüsst den Tag.

Verstehen Sie Menschen, die das Geläut nicht als Gruss sehen, sondern nur als Lärm, der sie stört?

Für mich ist das eine sehr intolerante Haltung. Nein, das kann ich nicht verstehen.

Dann muss ich also als Individuum einen gewissen gesellschaftlichen «Lärm» in Kauf nehmen?

Ja und den müssen Sie in vielen Bereichen hinnehmen. Der Verkehr ist so ein Beispiel. Ich kann ja auch nicht eine Strasse umleiten, nur weil mich der Lärm stört. Zudem: Das Glockengeläut ist eine Kulthandlung, die seit Jahrhunderten existiert, und steht für mich unter dem Schutz der Religionsfreiheit. Es gab ja auch schon Bundesgerichtsurteile, die dies bestätigt haben.

Unter welcher Prämisse würden Sie zustimmen, dass die Glocken nachts schweigen?

Wenn die Mehrheit der Mitglieder meiner Kirchgemeinde sagt: Wir wollen das nicht mehr. Das müsste ich aus Demokratiegründen akzeptieren. Aber eben: Wir reden im Konjunktiv. Ich bin überzeugt, dass sich in absehbarer Zeit in Ueken und Herznach keine Mehrheit finden wird. Ich glaube auch generell nicht, dass die Zahl der Klagen in den nächsten Jahren emporschnellen wird. Es sind heute im Aargau ein, zwei Fälle im Jahr – und das wird so bleiben.

Es sei denn, die Kirchen schrumpfen im gleichen Tempo wie heute weiter. Dann werden diejenigen, die konfessionslos oder andersgläubig sind, irgend einmal die Mehrheit bilden. Darf dann die christliche Minderheit dieser Mehrheit noch aufoktroyieren, was zu tun ist?

(Hüsser überlegt lange.) Dann wird es heikel. Wenn dieser Fall eintritt, und das kann in einigen Jahrzehnten durchaus der Fall sein, dann muss man über die Bücher. Allerdings gibt es auch viele Konfessionslose und Andersgläubige, die das Glockengeläute nicht stört und es sogar schätzen.