Stein
Hier wird gefährliches Asbest aus SBB-Zügen weggeputzt

Im Fricktal werden alte Eisenbahnwagen mit einem neuen Verfahren von Asbest-Material befreit. In einem ehemaligen Lokomotiven-Depot auf dem Bahnhofgelände in Stein werden ausrangierte Waggons ausgehöhlt. Eine Reportage aus Stein im Fricktal.

Stefan Gyr
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In der Halle wird die Luft zehn Mal pro Stunde ausgetauscht
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Asbestsanierung bei SBB-Waggons in Stein
Von den Waggons bleibt am Ende nur noch ein Metallgerippe übrig
Mit diesem Gerät wird das abesthaltige Material entfernt
Neoprenanzüge, die unter der Schutzkleidung getragen werden
Vor der Asbestsanierung werden die ausrangierten Bahnwagen leergeräumt
So sehen die Züge aus, bevor sie ausgehöhlt werden
Die Atemschutzausrüstung der Arbeiter
Auch die Fensterscheiben werden ausgebaut
Auf den Abstellgleisen um den Bahnhof warten Geisterzüge aus 50 bis 60 Jahre alten Waggons
Blick aus einem ausgemusterten Zug auf die Umgebung des Bahnhofs

In der Halle wird die Luft zehn Mal pro Stunde ausgetauscht

Emanuel Freudiger

Der Anblick erinnert an Science-Fiction-Filme. Zwei leere Eisenbahnwagen stehen in der Halle. Das Scheinwerferlicht spiegelt sich in Wasserpfützen. Am Boden haben sich überall dunkle Krümelhaufen angesammelt. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit fühlen sich wie in einer Sauna an.

Plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm. Wie ein Superheld tritt Karl-Heinz Schramme hervor. Er trägt einen blauen Ganzkörper-Schutzanzug und eine Atemschutzausrüstung und hält ein Gerät im Anschlag, das einer Laserwaffe ähnelt.

Doch Karl-Heinz Schramme bekämpft keine Ausserirdischen. Er befreit alte Züge von Asbest. «Das ist Knochenarbeit - Warmduscher haben hier keine Chance», sagt Alois Koller.

Er hat als Projektleiter bei der Achermann Revital AG den Betrieb auf dem Bahnhofgelände in der Fricktaler Gemeinde Stein aufgebaut. Es ist das einzige Werk dieser Art in der Schweiz.

2009 begann die Achermann Revital AG, in Stein ausgediente Eisenbahnwagen auszuhöhlen, von denen viele mit Asbest belastet sind.

«Wir haben über ein halbes Jahr in der ganzen Schweiz nach einem Gebäude mit Schienenanschluss gesucht, bis wir auf das ehemalige Lokomotiven-Depot in Stein stiessen», erzählt Koller.

Die auf Asbestsanierungen spezialisierte Firma, die zu den Achermann Unternehmungen mit Sitz in Dübendorf gehört, konnte das Gebäude von den SBB Immobilien mieten und um einen zwölf Meter langen Anbau erweitern. «Ein Glücksfall», sagt Koller.

Seither warten auf den Abstellgleisen um den Bahnhof Geisterzüge aus 50 bis 60 Jahre alten Waggons. Nicht zur Freude der Anwohner im hinter den Bahnhof liegenden Wohngebiet Rüti.

Scheiben sind an vielen Wagen herausgeschlagen, zudem sind sie versprayt. Vor allem im Sommer liegt um die ausgemusterten Waggons viel Abfall herum, der von nächtlichen Treffen Jugendlicher zeugt.

30 bis 70 Kubikmeter Müll pro Tag

Vor zwei Jahren meldeten sich Anwohner zu Wort, die Gefahren durch Asbest befürchteten. In den ausrangierten Zügen finde sich kein Asbest in loser Form, das in die Lungen gelangen könnte, erklärt Matthias Amrein, SBB-Koordinationsleiter für die Sanierung von Rollmaterial des Personenverkehrs. Der in der Antidröhnbeschichtung enthaltene Asbest sei fest gebunden und deshalb so nicht schädlich.

Zudem sei die belastete Beschichtung durch Verschalungen abgedeckt und ohne Zerstörung des Wagens nicht zugänglich, hält Amrein fest.

Keine Gefahr gehe darum auch von den alten Zügen aus, die noch auf dem Schienennetz unterwegs sind.

Das hätten auch Luftmessungen belegt. Erst wenn gewisse Teile mechanisch bearbeitet werden, können die mikroskopisch kleinen Asbestfasern freigesetzt werden.

15 Mitarbeiter beschäftigt die Achermann Revital AG in Stein. Die Eisenbahnwagen werden zuerst vor dem Betriebsgebäude ausgeräumt, bis die asbesthaltigen Teile freigelegt sind. 30 bis 70 Kubikmeter Müll fallen jeden Tag an – von Sitzbänken über Fensterscheiben und Heizungsteile bis zu Verschalungen.

Für die Asbestsanierung der Waggons hat die Firma ein neues Verfahren entwickelt, bei dem keine Fasern frei werden, wie Alois Koller erklärt.

Dabei werden die Teile mit Asbest nicht abgeschliffen oder weggefräst, sondern mit Wasserhöchstdruck aus den Wagen entfernt. Koller: «Die Asbestfasern bleiben dadurch immer mit Wasser gebunden.»

Vier Maschinen erzeugen einen gewaltigen Hochdruck von je 2500 bar. 90 Grad heiss ist das Wasser, wenn der Strahl aus den sogenannten Lanzen schiesst. Das benötigte Wasser wird in einem geschlossenen Kreislauf mit Filtern gereinigt.

Mit dem wieder aufbereiteten Wasser wird auch ein Aquarium gefüllt, in dem sich putzmuntere Malawibarsche tummeln. «Ausser durch die WC-Spülung geben wir keinen Tropfen Wasser an die Kläranlage ab», so Koller.

«Halten uns an die Vorschriften»

Die Halle steht unter Unterdruck, und die Luft wird zehn Mal pro Stunde ausgetauscht. Sie ist zudem mit modernsten Abluftfiltern ausgestattet. 1,2 Millionen Franken hat das Unternehmen laut Koller in dieses Sanierungsverfahren gesteckt.

Vor allem im sogenannten schwarzen Bereich, wo die Waggons von Asbest befreit werden, gelten höchste Sicherheitsstandards, wie er betont. «Wir halten uns an die Vorschriften – koste es, was es wolle.»

Die «Strahler», wie die Arbeiter genannt werden, betreten und verlassen die Halle durch Schleusen.

Unter der Schutzkleidung tragen sie Neoprenanzüge und Baumwollwäsche. Bevor die gereinigten Wagen ins Freie rollen, stehen sie acht Stunden ohne Luftzirkulation in der Halle, und dann wird die Luft gemessen. «Wir haben noch nie eine Asbestfaser gefunden», sagt Betriebsleiter Daniel Schiebel.

Endstation Schrottwerk

Rund 200 alte SBB-Eisenbahnwagen werden voraussichtlich in diesem Jahr in Stein ausgehöhlt und von Asbest befreit.

Wenn die Waggons leergeräumt und asbestfrei sind, treten sie ihre letzte Reise an: ins Schrottwerk.

«In den nächsten Jahren werden die Ausrangierungen von belasteten Wagen bei den SBB stark abnehmen», erklärt Matthias Amrein.

Doch es werde wohl bis zum Jahr 2020 dauern, bis die letzten Züge mit Asbest aus dem Verkehr gezogen sind. Dennoch wird der Achermann Revital AG die Arbeit nicht ausgehen. Viele andere Verkehrsunternehmen aus der ganzen Schweiz lassen ihr aussortiertes Rollmaterial in Stein «ausschlachten», wie Koller es nennt.

Bald werden aber die Geisterzüge von den Abstellgleisen in Stein verschwinden. «In zwei Wochen sind alle weg», meint Schiebel.

Die SBB werden künftig regelmässig eine kleinere Anzahl Wagen anliefern, die nicht mehr abgestellt, sondern gleich ausgehöhlt werden, wie Amrein erklärt.

«Der Unrat neben den Bahnwagen stört uns auch, und wir hoffen, so für alle Beteiligten eine bessere Situation zu schaffen.»

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