Michael Auer kommt ins Fricktal!

Michael wer?

Michael Auer, Jahrgang 1964, Wohnort Speicher (AR), ist Chef des Privatkundengeschäfts bei Raiffeisen Schweiz. Seit 2008 sitzt er in der achtköpfigen Geschäftsleitung der Bank in St. Gallen. Am 24. März macht Auer ein Reisli ins Fricktal. Der Banker ist Gast an einer Podiumsdiskussion der Raiffeisenbank Wegenstettertal. Thema: «Die Zukunft der kleinen Bank».

Ich gehe mal davon aus, dass es sich bei dieser kleinen Bank um die Raiffeisen handelt. Geschäftszweck des Geldinstituts ist die «gemeinsame Selbsthilfe» – man hilft also zusammen mit den andern sich selbst.

So viel Egoismus rechnet sich: Raiffeisen ist heute die Nummer drei auf dem Finanzplatz Schweiz und gilt seit Sommer 2014 als systemrelevant. So bezeichnet die Schweizerische Nationalbank Firmen, die «too big to fail» sind; zu gross, um zu Scheitern. Wenn ihnen die Pleite droht, hängt sie der Staat an einen goldenen Fallschirm: Die UBS garnierte damit vor zehn Jahren 68 Milliarden Staatshilfe.

Im letzten Jahr hat die Raiffeisen-Gruppe 917 Millionen Franken verdient, 29 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 1999 hat Raiffeisen 389 Filialen geschlossen; dafür stieg im gleichen Zeitraum der Lohnaufwand pro Mitarbeiter der Raiffeisen-Gruppe um 57 Prozent auf durchschnittlich 148 272 Franken. «Die Zukunft der kleinen Bank» ist also rosig, Herr Auer wird nur das Beste prognostizieren.

Dumm ist nur, dass sein ehemaliger Chef und Arbeitskollege in Untersuchungshaft genommen wurde: Pierin Vincenz, Sohn eines CVP-Politikers aus dem Bündnerland, hat das katholische Bauern-Bänkli zum Hypothekarkönig gemacht, weil er landauf landab als sympathischer Kerli mal wie ein Prediger, dann wieder wie ein Charmeur, mal wie ein Dompteur seine Genossenschaftsbanken gnadenlos auf Umsatz trimmte.

Als er 1999 den späteren CVP-Nationalrat Felix Walker ablöste, der im Fricktal von 1962 bis 1979 bei der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg (EGL) wirkte, bevor er Zentraldirektor des Schweizerischen Verbandes der Raiffeisenbanken wurde, legte Bergfürst Vincenz dermassen los, dass seine Bank bald landesweit völlig rot wurde: Die Raiffeisen, lobhudelte er beispielsweise bei uns ums Eck in «Fricks Monti» im Frühsommer 2012, «punktet mit ihrem Stallgeruch, der inzwischen sogar die Städter überzeugt».

So ging das also prächtig weiter im Raiffeisen-Stall mit Vincenz als Chefbauer und Patrik Gisel seit 2002 als seinem Stellvertreter. Ein Jahr zuvor stieg auch Michael Auer ein, zuerst als Personalchef ehe er 2008 noch ein Stägeli höher kraxelte: Mitglied der Geschäftsleitung. «Die Zukunft der kleinen Bank» hatte auch für ihn definitiv begonnen.

Nun muss man wissen, dass dieses Motto der Podiumsdiskussion im Wegenstettertal durchaus zum Grundgedanken von Raiffeisen passt. Friedrich Wilhelm Raiffeisen war ein überzeugter Christ, der nach dem Hungerwinter 1846/47 begüterte Mitbürger in Deutschland dazu brachte, bei einem Brotverein Geld für den Kauf von Getreide und Saatkartoffeln für arme Bauern zu spenden: ohne irgendwelche Quittungen, einzig Treu und Glauben verpflichtet.

Es ging um Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit damals – was allerdings, es gilt die Unschuldsvermutung, so gar nichts gemein hat mit dem, was Vincenz jahrelang mischelte, indem er sich geheim-verdeckt an Firmen beteiligte, um sie wenig später zu einem guten Preis sich selbst beziehungsweise der Raiffeisen zu verschachern.

Käufer Vincenz, ganz der Chef, zeigte sich also äusserst grosszügig, als es darum ging, den Verkäufer Vincenz zu entschädigen – womit wir nun wieder bei Ihnen wären, Herr Auer, und ihrem Besuch bei uns in zwölf Tagen.

Natürlich sind wir ganz Ohr, wenn es um das Thema geht: «Die Zukunft der kleinen Bank».

Aber erlauben Sie mir auch noch ein paar aktuelle Fragen an Sie, als Mitglied einer Geschäftsleitung, die im Kollektiv dazu verdammt ist, das Business nicht nur zu verstehen, sondern auch all seine Haken und Ösen zu erkennen und Finten zu umgehen, weil es ja um «Die Zukunft der kleinen Bank» geht. Dabei dienen ein paar Antworten Ihrerseits sicherlich der Klärung des Sachverhalts und ihrer eigenen Rolle – was ja auch wichtig ist, wenn man die Zukunft plant.

Also Frage 1:
Sie sitzen im Verwaltungsrat der Aduno Holding, einem auf Kreditabwicklungsgeschäfte spezialisierten Joint Venture des grössten Aktionärs Raiffeisen mit verschiedenen Kantonal- und Regionalbanken. In einem Gutachten von 2009 wurde Vincenz als indirekter Investor einer Firma enttarnt, welche Aduno, also letztlich Vincenz, der ja auch an der anderen Firma beteiligt war, kaufen wollte. War das nur naiv von Ihnen und Ihren Gspänli, dass Sie die Ausführungen im Gutachten nicht ernst nahmen? Oder war es eine grobe Vernachlässigung Ihrer Aufsichtspflicht?

Also Frage 2:
Bei der Raiffeisen-Tochtergesellschaften Investnet, einem Finanzierungs- und Beteiligungsvehikel für kleine und mittelgrosse Firmen, amtierte Ihr Chef Patrik Gisel als Verwaltungsratspräsident. Auch hier kassierte Vincenz beim Kauf als verdeckter Investor ab. Der Aktionärsbindungsvertrag zwischen Raiffeisen und den beiden Investnet-Gründern wurde auf Seiten Raiffeisen von Patrik Gisel mitunterschrieben. Wieso erklärt er nun, er sei erschüttert über das, was sein Vorgänger getan habe und tritt nicht selbst zurück?

Also Frage 3:
Medienschaffende, die darauf hinwiesen, dass Vincenz und seine Entourage, sagen wir mal: nicht ganz sauber gearbeitet hätten, wurden und werden bis heute sofort mit Klagen und Schadenersatzforderungen eingedeckt. Wieso antwortet Raiffeisen mit Drohungen statt mit Fakten?

Also Frage 4:
Stimmen Sie mir zu, dass eine genossenschaftlich organisierte Bank weit höhere moralische und ethische Ansprüche erfüllen muss als ein privatwirtschaftlich organisiertes Kreditinstitut? Wieso hält sich Raiffeisen nicht daran?

Also Frage 5:
Ich hab einen Teil meines Geldes bei Ihrer Bank. Haben Sie mir drei gute Gründe, wieso ich diese Guthaben, mit deren Erlös Sie krumme Geschäfte ermöglichten, weiter Ihnen anvertrauen soll?

Sagen Sie jetzt nicht, die Bank im Wegen-stettertal sei wie alle anderen rund 250 Raiffeisenbänkli als kleiner Fisch eine selbstständige autonome Genossenschaft und das, was sie in St. Gallen verbockt hätten habe damit nichts zu tun. «Die Zukunft der kleinen Bank» geht anders: Der Fisch stinkt vom Kopf – und bleibt letztlich ungeniessbar.