Nach 800 Kilometern und 12 Stunden Fahrt erreicht der Bus mit rund 30 Kindern aus dem Grossraum Leipzig im Sommer 2014 die Raststätte an der Autobahn bei Würenlos. Die fünfeinhalbjährige Josephine steigt aus dem Bus und steht in einem fremden Land alleine – nicht ganz. Eine ältere Dame hat auf sie schon gewartet. Sie begrüsst das schüchterne Mädchen herzlich, steigt mit ihr ins Auto ein und fährt mit Josephine nach Frick – ihr neues Zuhause für vier Wochen.

Die 68-jährige Gastmutter Helene Müller engagiert sich im Verein Schweizer Gasteltern, der Kindern aus sozial benachteiligten Familien Ferien in der Schweiz über die Sommerferien ermöglicht. «Als Josephine Cora im Auto sah, hat sie sich sofort geöffnet. Von da an hat sie sich heimisch gefühlt», erzählt Müller. Cora ist eine lebhafte und verschmuste Dalmatinerhündin, welche die Gastmutter und Josephine auf ihren zahlreichen Unternehmungen ständig begleitet. «Das war auch meine Bedingung, dass mein Gastkind Hunde mag», sagt Müller und schiebt nach, dass Josephine und Cora wie ein Herz und eine Seele seien.

Abschied unter Tränen

Nach vier Wochen intensiver Zeit mit Ausflügen in die Schweizer Berge, zum Bodensee und unzähligen Freibadbesuchen kam der Abschied. Josephine will nicht gehen. Weint die halbe Fahrt wie ein Schlosshund, bis sie einschläft: «Das war schon sehr hart. Nur weil ich Josephine getröstet habe, musste ich selbst nicht weinen», beschreibt Müller.

Als die Gastmutter 2014 auf einen Artikel über den Verein Schweizer Gasteltern stiess, war sie von der Möglichkeit, ein Kind zu beherbergen, gleich angetan: «Armut, Gewalt und andere Nöte plagen diese Kinder. Mir geht es darum, diesen Kindern Hoffnung, Freude und Selbstvertrauen zu geben und ihnen die schönen Seiten des Lebens zu zeigen.» So trage sie selbst auch eine Art moralischen Kompass in sich, der ihr zeige, dass es richtig sei, wenn man Gutes an Menschen weitergeben könne, denen es nicht so gut ginge.

Dem ersten Besuch von Josphine im Sommer 2014 folgte ein zweiter 2015. Bei der Einschulungsfeier besuchte die Gastmutter Josephine und deren Mutter in Leipzig und brachte ihr neue Kleidung zur Einschulung mit: «Josephine ist mir ans Herz gewachsen. Es geht darum, ein Ankerpunkt und eine Anlaufstelle für sie zu sein», sagt Müller. So stehen die Gastmutter und Josephine im ständigen Kontakt: «Wir telefonieren und schreiben SMS.» Ersetzen kann und will Müller Josephines leibliche Mutter aber überhaupt nicht. Sie steht ihr viel mehr beratend zur Seite: «Wenn sie Probleme oder Fragen hat, dann reden wir miteinander und ich erzähle ihr, was ich denke.»

Gefühl, gebraucht zu werden

Die 68-Jährige hatte stets in ihrem Leben eine Aufgabe: «Ich habe mich viele Jahre um Angehörige gekümmert, denen es gesundheitlich schlecht ging», erzählt sie. Ein Leben lang habe sie ganztags, zuletzt für einen Energiedienstleister in Baden gearbeitet. Nach ihrer Pensionierung fiel sie von heute auf morgen in ein Loch: «Es ist hart, wenn man das Gefühl hat, dass man nicht mehr gebraucht wird», sagt Müller. Umso mehr empfindet sie das Gastmutterdasein als Bereicherung: «Man füllt die Zeit wieder mit einem Sinn.»

Wenn Josephine im Sommer zum dritten Mal zu Besuch kommen wird, dann freut sie sich besonders auf den Verkehrskreisel mit dem Dinosaurier: «Immer wenn wir dort vorbeigefahren sind, hat mich Josephine gefragt: ‹Bist du der Dino?› – und ich habe mit tiefer Stimme gebrummelt: ‹Ja, ich bin der Dino›», erzählt Müller.