Alfred Rasser war einer der ganz grossen Volksschauspieler der Schweiz. Sein «HD Läppli» ist bis heute legendär. Doch Rasser hatte auch eine ernste, tiefsinnige und politische Seite: Der gebürtige Basler sass für den Landesring der Unabhängigen (LdU) acht Jahre im Nationalrat – für den Aargau. Rasser lebte in Rheinfelden, liess sich 1967 für den LdU aufstellen und wurde gewählt. Von 1967 bis 1975 vertrat er den Aargau und das Fricktal in der grossen Kammer. Rasser, bei seinem Amtsantritt 60-jährig, setzte sich im Parlament besonders «für Friede, soziale Gerechtigkeit und Kultur» ein, wie das historische Lexikon der Schweiz schreibt. 1975 trat Rasser nach zwei Amtsperioden zurück. Zwei Jahre später, 1977, starb er in Basel.

Rasser ist einer von insgesamt acht Nationalräten, die das Fricktal in den letzten 90 Jahren gestellt hat. Die Hälfte davon gehörte der CVP an, je einer dem LdU, der FDP, der SP und der SVP. Von den 23 Amtsperioden seit 1928 war das Fricktal nur in acht nicht im Nationalrat vertreten. Die längste nationalrätliche Durststrecke hatten die Bezirke Laufenburg und Rheinfelden zwischen 1975 und 1987 sowie zwischen 1999 und 2011 mit je drei sitzlosen Perioden. Dafür stellte das Fricktal zwischen 1995 und 2011 mit Maximilian Reimann einen der zwei Aargauer Ständeräte. Der SVP-Politiker aus Gipf-Oberfrick sass zwischen 1987 im 1995 im Nationalrat, danach vier Perioden im Ständerat. Seit 2011 politisiert er wieder im Nationalrat.

Auf Reimann ruhen auch die Hoffnungen, dass das Fricktal auch künftig im Nationalrat vertreten ist. Er kandidiert diesmal mit einer eigenen Liste, dem «Team65+», und hat gute Chancen, seine bislang 31-jährige Karriere in Bern fortzusetzen (AZ von gestern).

Dreimal war das Fricktal sogar doppelt im Nationalrat vertreten, zwischen 1925 und 1933 mit Hans Fricker (CVP, Laufenburg) und Adolf Welti (SP, Rheinfelden), zwischen 1959 und 1963 mit Robert Reimann (CVP, Wölflinswil) und Paul Schib (CVP, Möhlin) sowie zwischen 1990 und 1995 mit Peter Bircher (CVP, Wölflinswil) und Maximilian Reimann (SVP, Gipf-Oberfrick).

Das doppelte Gastspiel endete immer aus dem gleichen Grund: Einer der beiden wurde jeweils «wegbefördert». 1995 schaffte Maximilian Reimann den Sprung in den Ständerat. Hans Fricker zog 1933 in den Ständerat ein, wo er weitere 22 Jahre lange politisierte. Robert Reimann wechselte nach acht Jahren, 1963, vom National- in den Ständerat, wo er vier Legislaturen lang wirkte.

Reimann ist der Dienstälteste

Mit seinen inzwischen 31 Amtsjahren ist Maximilian Reimann bereits jetzt der dienstälteste aller Fricktaler Bundesparlamentarier. Wobei: Die Fricktaler bewiesen in Bern durchaus Sitzleder. Hans Fricker wirkte 30 Jahren im Bundesparlament, Robert Reimann 24 Jahre.

Ein doppeltes Unentschieden resultiert bei der regionalen Verteilung: Beide Bezirke stellten je vier Nationalräte und in beiden Bezirken ist eine Gemeinde doppelt vertreten: Das grosse Rheinfelden stellte ebenso zwei Nationalräte wie das kleine Wölflinswil. Von den grossen Orten im Fricktal waren in den letzten 90 Jahren zwei Gemeinden nie im Nationalrat vertreten: Frick und Kaiseraugst. Auf ihre erste Vertretung werden die beiden Gemeinden, kommt es bei den Wahlen im Herbst nicht zu einer faustdicken Überraschung, auch in der kommenden Legislatur weiter warten müssen.

Gemeinsam ist den bisher acht Nationalräten aus dem Fricktal eines: Sie alle waren keine Hinderbänkler, sondern prägten in ihrer Zeit die Politik massgeblich mit, allen voran Hans Fricker und Robert Reimann.

Richter und Politiker

Hans Fricker, 1879 als Sohn eines Postbeamten geboren, studierte Jus, arbeitete nach dem Studium kurze Zeit für Gottfried Keller und eröffnete dann, 1903, in Stein eine Anwaltskanzlei. Keine zwei Jahre später, 1905, wurde er als Gerichtspräsident ans Bezirksgericht in Laufenburg gewählt. Ab 1930 war er Oberrichter. Seine politische Karriere begann Fricker, der CVP-Politiker, 1909 im Grossen Rat; die Partei hiess damals noch katholisch-konservative Partei. 1925 folgte die Wahl in den Nationalrat und 1929 hätte es Fricker um ein Haar in den Regierungsrat geschafft; im zweiten Wahlgang unterlag er dem BGB-Vertreter (heute SVP) Fritz Zaugg.

Dafür setzte sich Fricker vier Jahre später gegen Karl Killer von der SP durch und zog ins Stöckli ein, wo er 22 Jahre blieb. Er war der erste CVP-Ständerat aus dem Aargau überhaupt. «Fricker wurde als Vermittler sowohl parteiintern als auch von den anderen bürgerlichen Parteien geschätzt», schreibt das historische Lexikon über den Politiker. Fricker starb 1956 im Alter von 77 Jahren.

Robert Reimann war ein Homo politicus, wie er im Buche steht. Der Sohn eines Ziegeleiarbeiters kam 1911 auf die Welt, absolvierte bei der BBC in Baden eine Lehre als Maschinenzeichner und machte beim Konzern Karriere. Mit 22 zog Reimann in den Gemeinderat ein, vier Jahre später, 1937, wurde er Gemeindeammann – und blieb es bis 1961. Zwischen 1941 und 1965 wirkte der CVP-Politiker als Grossrat, ab 1955 zusätzlich als Nationalrat. Nach zwei Legislaturen trat Reimann 1963 als Ständeratskandidat an – und schaffte den Sprung ins Stöckli. In der kleinen Kammer wirkte er 16 Jahre lang. «Reimann engagierte sich für Bildung, Technik, Forschung, Industrie, aber auch für soziale Anliegen», heisst es über ihm im historischen Lexikon. Robert Reimann starb im August 1987, 75-jährig, auf einer Wanderung.

Kinderheim gegründet

Legendär ist auch Adolf Welti, der zeitgleich mit Hans Fricker im Nationalrat sass. Er wurde 1888, zwölfjährig, Halbwaise. Nach dem Medizinstudium arbeitete er zuerst am Kantonsspital Olten, eröffnete dann in Möhlin eine Arztpraxis. 1906 zog es ihn nach Rheinfelden, wo er unter anderem ein Kinderheim für Solbadkuren gründete.

Welti politisierte zuerst bei der FDP; er gehörte dem linken, sozialliberalen Flügel an. «Die Folgen des Ersten Weltkriegs und insbesondere die aus seiner Sicht zu starke Verflechtung der Wirtschaft mit der Politik bewogen ihn dazu, aus der FDP auszutreten und sich stattdessen den Sozialdemokraten zuzuwenden», heisst es auf Wikipedia. Für die SP zog Welti 1922 auch in den Nationalrat ein, dem er 19 Jahre lang angehörte. Welti starb 1951 im Alter von 74 Jahren.

Der einzige FDP-Vertreter, der bislang für das Fricktal im Nationalrat sass, war Erwin Triebold aus Mumpf. Er verschaffte sich nicht nur als Politiker einen Namen, sondern auch als Unternehmer. 1939 gründete Triebold in Mumpf die Uhrenfabrik Muros. In der Blütezeit beschäftigte er bis zu 140 Personen. 1957 verlegte er die Firma nach Frick. «In den 1960er-Jahren geriet er in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkaufte die Fabrik an die Zürcher Familie Schulthess, die den Betrieb 1993 schloss», schreibt das historische Lexikon. Triebold war von 1946 bis 1961 Gemeindeammann von Mumpf, 1945 bis 1953 Grossrat und 1947 bis 1955 Nationalrat. Er starb 1990, 82-jährig.

Drei Amtsperioden lang, von 1959 bis 1971, sass Paul Schib aus Möhlin für die KVP (heute CVP) im Nationalrat. Schib, der Bauernsohn, der selber als Landwirt tätig war, vertrat «als typischer Bauernpolitiker auf allen Ebenen die Interessen seines Stands und die Belange seiner Region», schreibt das historische Lexikon. In die Politik stieg Schib 1933 als Grossrat ein und blieb bis 1965 im Kantonsparlament. Zwischen 1938 und 1969 war er Vizeammann von Möhlin; zeitweise hatte Schib also drei politische Ämter inne. Schib starb 1990 im Alter von 89 Jahren.

Träger des Fricktalerpreises

Peter Bircher heisst im Volksmund auch «Mister Fricktal». Dies deshalb, weil er sich seit Jahrzehnten ebenso unermüdlich wie erfolgreich für die Region einsetzt. So initiierte er den «Dreiklang», den Vorläufer des Juraparks Aargau, und die Natur- und Kulturwoche in Wölflinswil. 2010 verlieh ihm die Stiftung Pro Fricktal für die Verdienste um die Region den Fricktalerpreis. «Einer, der sich seit vielen Jahrzehnten mit Herzblut für das Fricktal einsetzt, effizient und unermüdlich», würdigte ihn Stiftungspräsident Heinz Schmid bei der Preisverleihung. «Seine Leistung ist beispielhaft.»

Dies trifft auch auf die Leistungen als Politiker zu. Von 1973 bis 1990 sass Bircher, 1939 in Wölflinswil geboren, für die CVP im Grossen Rat. Im September 1990 rückte er für Beda Humbel in den Nationalrat nach, schaffte aber 1999 die Wiederwahl nicht – und dies, obschon die CVP damals einen Sitz zulegen konnte. Vor dem Licht standen ihm damals neben dem zweiten Bisherigen, Bauernverbandsdirektor Melchior Ehrler, der bekannte Paraplegiker-Arzt Guido A. Zäch und Parteiüberfliegerin Doris Leuthard. «Duschen mit Doris», wie die AZ einen Artikel über Leuthards Wahlkampf-Giveaways, kleine Duschmittel-Beutel, titelte, sorgte bei Bircher für eine kalte Politdusche. Peter Bircher lebt und wirkt bis heute in Wölflinswil.