Frick

Hausarzt schlägt Alarm: Zu wenig Hausärzte in der Region – und die Situation verschärft sich weiter

Die Hausärzte Andreas Helg und Susanne Christen betreiben in Frick eine Landarzt-Praxis.

Die Hausärzte Andreas Helg und Susanne Christen betreiben in Frick eine Landarzt-Praxis.

Andreas Helg sprach gestern Nachmittag Klartext am Fricktaler Gemeindeseminar. Klartext über die Sorgen und Probleme der Hausärzte, gerade in ländlichen Regionen wie dem Fricktal. Die Ärztedichte habe in den letzten Jahren deutlich abgenommen.

Seit 2011 führt Andreas Helg ein Praxiszentrum in Frick, zusammen mit Hausärztin Susanne Christen und aktuell zwei Teilzeitärztinnen. «Wir arbeiten an der Front und die Arbeit an der Front ist hart», so Helg.

Um seine Aussagen zu unterstreichen, verwies Helg auf mehrere Statistiken und nannte Zahlen. Die Ärztedichte etwa habe in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Eine Statistik des Kantons von 2014 zeigt, dass es damals im Bezirk Laufenburg noch 19 Allgemeinärzte gab, im Bezirk Rheinfelden waren es 36. «Das ist zu wenig», sagte Helg. Das beweise allein der Fakt, dass die meisten Hausärzte keine neuen Patienten mehr aufnehmen würden. «Bei uns in der Praxis rufen täglich Menschen an, die einen Hausarzt suchen.» Aber auch sie müssten ablehnen, seit drei Jahren schon. «Wir sind absolut ausgelastet.»

«Beruf ist zu wenig attraktiv»

Diese Situation, das betonte Helg weiter, werde sich in den kommenden Jahren noch deutlich verschärfen. Über die Hälfte der Ärzte im oberen Fricktal sind über 55 Jahre alt – und gehen in absehbarer Zeit in Pension. Die Suche nach einem Nachfolger aber ist schwierig. Helg musste das selber feststellen, als er sich auf die Suche nach einem Nachfolger für seinen ehemaligen Praxis-Partner machte. «Es war einfach zum Verzweifeln.»

Der Hausarzt-Beruf sei «schlicht zu wenig attraktiv», sagte Helg und sprach unter anderem von einer unzureichenden Ausbildungszahl und vom Spardruck. Der Taxpunktwert etwa – vereinfacht gesagt die Abgeltung für eine ärztliche Leistung – liege im Aargau seit 2004 unverändert bei 0,89 Punkten. Dies bei einer Teuerung von vier Prozent seit 2004. «Kurz gesagt: Hausärzte verdienen immer weniger», so Helg. «Das alles macht es schwierig bis unmöglich, angehende Ärzte für die Tätigkeit als Hausarzt zu begeistern.»

Kritik an Regierungsrätin

Helg kritisierte ausserdem Regierungsrätin Franziska Roth und Barbara Hürlimann, Leiterin Abteilung Gesundheit im kantonalen Departement Gesundheit und Soziales. Die beiden hatten am Morgen ebenfalls am Seminar teilgenommen und Vorträge gehalten – direkt danach hatten sie sich aber verabschiedet. So bekamen sie Helgs emotionalen Auftritt gar nicht mit. «Es ist klar, dass sie sich auf einer hohen Flughöhe bewegen. Aber auch auf einer hohen Flughöhe braucht es Bodenpersonal, sonst geht es schief», sagte Helg und machte damit deutlich, dass er sich mehr Gehör seitens Kanton gewünscht hätte.

Helgs Vortrag wühlte die anwesenden Gemeindevertreter sichtlich auf. In der Seminarpause war er ein gefragter Gesprächspartner und Christian Fricker, Präsident des Planungsverbands Fricktal Regio, sagte am Ende: «Was wir heute gehört haben, hat mich sehr nachdenklich gestimmt.» Der Planungsverband werde nun prüfen, ob und wie allfällig Unterstützung geleistet werden könne. Zumindest Denkansätze lieferten anschliessend die weiteren Referenten. Unter ihnen Daniel Hotz, Inhaber eines Unternehmens für Praxismanagement, und Andreas Rohner, pensionierter Hausarzt im Kanton St. Gallen. Beide zeigten an konkreten Beispielen auf, wie eine Hausarztpraxis in Zukunft aussehen könnte, etwa als Gruppen- oder als Genossenschaftspraxis.

Wichtige Zusammenarbeit

Zusammenarbeit und Vernetzung sei dabei wichtig – unter den Hausärzten, mit den anderen Playern im Gesundheitswesen und zur Politik, sagte Rohner und fügte an: «Wenn Sie die richtigen Konditionen schaffen, dann gibt es zwar immer noch nicht mehr Hausärzte, aber diejenigen, die es gibt, kommen zu Ihnen.» Die Aussage war als Appell direkt an die Anwesenden gerichtet. Bekräftigt wurde er von Roger Tschumi von der Hausärzte-Dachorganisation Argomed, der sagte: «So wie Andreas Helg geht es vielen Hausärzten im Kanton.» Auch das Klartext.

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Autor

Nadine Böni

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