Fricktal

Harsche Kritik an der Spitalleitung: «Allgemein herrscht ein sehr schlechtes Arbeitsklima»

Wie geht es in Laufenburg weiter? Bis Ende Juni will das Gesundheitszentrum Antworten haben.

Wie geht es in Laufenburg weiter? Bis Ende Juni will das Gesundheitszentrum Antworten haben.

Die Spitalleitung in Laufenburg befindet sich in Zeiten des Wandels und scharfer Kritik. Das Gesundheitszentrum Fricktal nimmt Stellung zu Fragen und Vorwürfen von Mitarbeitenden und Einwohnern.

Das Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) steht vor grossen Herausforderungen. Der Wandel und der Kostendruck im Gesundheitswesen ziehen Anpassungen in der Struktur des Hauses nach sich. Wie diese aussehen werden und was das vor allem für den Standort Laufenburg heisst, will das GZF bis Ende Juni prüfen.

Klar ist: Beim Status quo wird es nicht bleiben, Laufenburg wird redimensioniert respektive umpositioniert. Unter Politikern, auch aus dem oberen Fricktal, löst der eingeleitete Prozess zwar nicht unbedingt Freude aus; man versteht aber, dass es Änderungen braucht – und begrüsst, dass das GZF proaktiv vorgeht, also nicht wartet, bis es zu Änderungen gezwungen ist.

Im Innern aber brodelt es gewaltig – und dies schon seit längerer Zeit, wie mehrere Personen aus dem Umfeld des GZF sagen. Seinen Namen will niemand in der Zeitung lesen – aus Angst vor Repressionen. Berichtet wird von grosser Unzufriedenheit, fehlenden personellen (Fach-)Ressourcen und einer hohen Fluktuation. In einzelnen Abteilungen soll innert 24 Monaten fast die ganze Belegschaft gewechselt haben. «Allgemein herrscht ein sehr schlechtes Arbeitsklima im GZF», heisst es in einem Brief an die AZ. Dieser ging anonym ein.

Das Arbeitsklima sei nicht schlecht, kontert Miriam Crespo, Mediensprecherin des GZF. Man habe die Mitarbeitenden in Rheinfelden und Laufenburg zuallererst «über die aktuelle Lage in unserer Unternehmung» informiert. «Die sehr transparente und proaktive Kommunikation wurde von unseren Mitarbeitenden äusserst geschätzt», so Crespo. Man habe zudem grosses Verständnis dafür, «wenn sich einzelne Personen durch die Veränderungen verunsichert fühlten».

Ebenfalls als nicht korrekt weist Crespo die Behauptungen zurück, dass aufgrund der Situation allein im März und April 17 Pflegende gekündigt haben. Im März und April «haben insgesamt vier Mitarbeitende aus dem Pflegebereich beschlossen, dass GZF zu verlassen», sagt Crespo. Bei 970 Mitarbeitenden, die das Unternehmen in Laufenburg (292 Mitarbeiter) und Rheinfelden beschäftigt, ist dies keine hohe Fluktuation – umso mehr, wenn man um die Jobdynamik im Pflegesektor weiss. Der Branchenstandard liegt bei einer Fluktuationsrate von sieben bis acht Prozent. Im GZF lag sie im letzten Jahr bei 6,27 Prozent. Im ersten Quartal 2018 liegt sie laut Crespo bei 1,72 Prozent.

Kündigung heizt Gerüchteküche an

Gerade in Laufenburg sind viele davon überzeugt, dass die aktuellen Strukturüberlegungen nur der erste Schritt sind, um das Spital ganz zu schliessen, ja: dass die Kündigungen der Kaderärzte der Spitalleitung in die Hände spielen.

Auch dies verneint Crespo. «Der Verwaltungsrat hat die Geschäftsleitung damit beauftragt, bis Ende Juni zwei strategische Szenarien für den Standort Laufenburg zu analysieren», sagt sie. «Wir bemühen uns darum, die bestmögliche Lösung zu erarbeiten: Sowohl für den Standort Laufenburg, als auch für das GZF insgesamt und insbesondere für unsere Patienten und die Bevölkerung der Region Fricktal.» Matchentscheidend sei, dass die Patienten und zuweisenden Ärzte dem GZF weiterhin das bisher gezeigte Vertrauen entgegenbringen.

Unterschiedliche Versionen kursieren zum Abgang von Paolo Abitabile, Chefarzt Allgemein- und Viszeralchirurgie am Spital Laufenburg. Abitabile kündigte Ende Februar und wird das Spital im August verlassen. Man habe «unterschiedliche Auffassungen zur Weiterentwicklung der Chirurgie» gehabt, begründete Crespo vor Wochenfrist gegenüber der AZ seinen Entscheid. Es gehe um die Privatabteilung in Laufenburg, die geschlossen wurde, sagen Laufenburger.

Die Privatabteilung am Spital Laufenburg war interdisziplinär ausgerichtet und wurde laut Crespo aufgrund des mangelnden Bedarfs seitens zusatzversicherter Patienten geschlossen. «Ob dieser strategische Entscheid Dr. Abitabiles persönlichen Entscheid, aus dem GZF auszutreten, beeinflusst hat, entzieht sich unserer Kenntnis.» Abitabile selber will sich nicht äussern. Die Gründe seiner Kündigung seien kommuniziert. «Alles andere sind Gerüchte», schreibt er der AZ.

«Spielt uns nicht in die Hände»

Vehement wehrt sich Crespo gegen den Vorwurf, der Abgang Abitabiles spiele der GZF-Leitung in die Hände, um so ihr Projekt, das Spital Laufenburg zu schliessen, schneller umsetzen zu können. «Die personellen Abgänge in der Chirurgie Laufenburg spielen dem GZF und insbesondere unseren Patienten und der Bevölkerung im oberen Fricktal keineswegs in die Hände», sagt Crespo. «Beabsichtigten wir ursprünglich, die strategische Neuausrichtung dieser Klinik sowie aller damit zusammenhängenden Bereiche, über die nächsten 12 bis 18 Monate zu entwickeln, beschleunigen diese Abgänge nun diesen Veränderungsprozess massgeblich.»

Nur einen Monat vor Abitabile hat Ende Januar dessen Pendant in Rheinfelden, Ivo Ralf Fischer, seine Chefarztstelle gekündigt, «um eine neue Herausforderung anzunehmen», wie Crespo sagt. Er war knapp eineinhalb Jahre als Chefarzt Allgemein- und Viszeralchirurgie in Rheinfelden tätig und hat das Unternehmen Ende März verlassen.

Die GZF-Leitung war mitten im Rekrutierungsprozess eines Nachfolgers, als auch Abitabile kündigte. Dies habe die bereits existierende Rekrutierungsproblematik «stark verschärft», sagt Crepso. Die GZF-Leitung entschied, die Allgemein- und Viszeralchirurgie, also die Abteilungen von Fischer und Abitabile, unter eine Leitung zu stellen. Für diese Funktion wählte sie Ingo Engel. Der 56-Jährige tritt seine Stelle am 1. Oktober an. Zu diesem Zeitpunkt ging das GZF noch davon aus, dass auch in Laufenburg eine stationäre chirurgische Abteilung bleibt – zumindest vorläufig und zumindest solange, bis der anstehende Restrukturierungsprozess abgeschlossen ist.

Wiederum nur einen Monat später, Ende März, kündigten dann aber auch die beiden Leitenden Ärzte in Abitabiles Abteilung. In Laufenburg waren somit drei Kaderarztstellen auf einmal vakant. So viele Kaderärzte gleichzeitig zu finden, «ist schlicht nicht realistisch», sagte Crespo vor einer Woche zur AZ. Für ein Regionalspital werde es – trotz guten Salären – immer schwieriger, Fachkräfte zu rekrutieren. Nun entschied die GZF-Leitung, den Strukturprozess zu beschleunigen. Die Kündigungen wirkten also, wenn man so will, dynamisierend.

Gespräche geführt

Nicht alle verstehen die Argumentationslinie des GZF. Es wird moniert, man habe auf die Ausschreibung von Fischers Stelle doch sicher mehrere valable Kandidaten gehabt und hätte einen von ihnen für Abitabiles Stelle vorsehen können. Hier verweist Crespo unter anderem auf die inzwischen geänderten Prämissen; man suchte nicht mehr einen Chefarzt nur für Rheinfelden, sondern einen standortübergreifenden Gesamtleiter.

Dass die GZF-Leitung nach der Kündigung von Abitabile keine Gespräche mit seinen beiden Leitenden Ärzten geführt habe, wie dies ein Informant sagt, und dass dies mit zu deren Kündigung beigetragen habe, lässt Crespo so nicht gelten. Sie verweist auf den schwierigen Rekrutierungsprozess nach den Kündigungen von Fischer und Abitabile. «Danach» hätten aber durchaus persönliche Gespräche mit den beiden Leitenden Ärzten, Rok Dolanc und Simeon Berov, stattgefunden, zuletzt am 28. März. Die beiden reichten ihre Kündigung am Tag darauf bei der Personalabteilung ein – «ohne jegliche Angabe von Gründen», so Crespo.

Viele Fragen sind derzeit offen. Vor allem jene nach der Zukunft von Laufenburg. Ob es am Montag an der Infoveranstaltung (19 Uhr, Stadthalle) bereits erste Klarheiten dazu geben wird, ist wenig wahrscheinlich. Der Prozess braucht Zeit. Der GZF-Leitung ist aber eines bereits jetzt zugutezuhalten: Sie informiert aktiv und versucht so, Transparenz zu schaffen. Auch heikle Fragen lässt die Spitalleitung nicht unbeantwortet.

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