Wie der Alltag im Fricktal zwischen 1914 und 1918 genau ausgesehen hat, ist heute schwierig zu rekonstruieren. Zeitzeugen, die sich erinnern könnten, leben keine mehr.

220 000 Schweizer Männer wurden damals in den Aktivdienst eingezogen. Der Grossteil der Aargauer Truppen musste am 4. August 1914 im Aarauer Schachen einrücken. Von da aus verschoben sich die Einheiten über die Jurapässe, um die Grenzabschnitte im Solothurner Jura, im Baselbiet und am Hochrhein zu bewachen. Am selben Tag marschierten deutsche Truppen ohne Kriegserklärung in das neutrale Belgien ein, um von dort aus Frankreich anzugreifen.

Die neutrale Schweiz wurde in den Kriegsjahren vor militärischen Kampfhandlungen verschont. Die Bevölkerung litt gleichwohl unter den verheerenden Auseinandersetzungen in Europa. Das Fricktal war mit seiner Lage hautnah dran am Kriegstreiben.

Der Geschützlärm aus dem nahen Frankreich war an manchen Tagen gut zu hören. Eine mögliche, aber kaum erwartete Bedrohung war, dass deutsche Truppen durch Schweizer Gebiet nach Frankreich vorstossen würden, wie es auch in Belgien geschehen war. Für die Bewohner der Nordwestschweiz gab es aber zunächst wenig Grund zur Sorge.

Deutschfreundliche Gesinnung


Linus Hüsser, Historiker aus Ueken und profunder Kenner der Fricktaler Geschichte, erklärt: «Die Deutschschweizer waren im Gegensatz zu den Welschen mehrheitlich deutschfreundlich gesinnt und vertrauten auf einen raschen Sieg Deutschlands. Die gebildete Oberschicht studierte bis dahin vorwiegend an deutschen Universitäten, Hochdeutsch galt bei uns als vornehm und gehörte zum guten Ton in weiten Teilen der Bevölkerung.» Die grösste Angst der Schweizer war eine Nahrungsmittelknappheit.

Die Lebensmittelgeschäfte wurden in den ersten Kriegstagen regelrecht gestürmt. Die Behörden riefen zu massvollem Konsum auf und ordneten an, Lebensmittel nur noch in kleinen Mengen auszugeben. Durch die Hamsterkäufe sank das Angebot schlagartig, was drastische Preiserhöhungen auslöste. Die Grenze am Rhein wurde streng bewacht. Linus Hüsser sagt dazu: «Befestigungsanlagen wie im Zweiten Weltkrieg gab es keine. Vor allem zu Beginn des Krieges waren aber grosse Truppenkontingente am Rhein stationiert.»

Hüsser weiss von einer Kavalleriebrigade, die im Sisslerfeld grosse Schäden anrichtete. Die Schadensumme belief sich allein in der Gemeinde Münchwilen auf über 300 Franken, damals viel Geld. Die Grenzbesetzung konzentrierte sich auf besonders exponierte Stellen, insbesondere die Brücken in Laufenburg, Stein und Rheinfelden sowie die Kraftwerke Laufenburg und Rheinfelden mit ihren Flussübergängen.

Weite Teile des oberen und mittleren Fricktals waren seit Jahrhunderten dem Stift Säckingen zugehörig. Für die Grenzgemeinde Stein, die ganz besonders stark auf die Stadt auf der anderen Rheinseite ausgerichtet war, bedeutete der Erste Weltkrieg wirtschaftlich eine Katastrophe.

In Säckingen standen Textilfabriken, die von Schweizer Fabrikanten gegründet worden waren und Hunderte Fricktaler in Lohn und Brot hielten. Um 1910 pendelten bis zu 1500 Arbeiter über den Rhein. Man ging aber nicht nur zum Arbeiten «i d’Stadt ie», sondern auch zum Einkaufen in die Geschäfte und auf die Wochenmärkte.

Reichsmark als Währung

Deutsche Waren galten als qualitativ hochstehend. Bis zum Krieg rechnete man im grenznahen Fricktal eher mit Reichsmark und Pfennig als mit Franken. Die Fricktaler Bauersfrauen hielten auf dem Münsterplatz ihre Waren feil. Überhaupt waren die Fricktaler ein ganz selbstverständlicher Teil des kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Lebens in der Fridolinsstadt.

«Viele Schweizer wohnten auf der badischen Seite, viele Badener im Fricktal. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts halfen Hotzenwälder Mäher im Fricktal bei der Heuernte, da in den höheren Lagen des Hotzenwalds das Heu später schnittreif war als im Rheintal», so Hüsser. «Man heiratete über die Grenze hinweg und hatte Verwandte hüben und drüben.»

Diese engen Beziehungen wurden mit der Grenzschliessung 1914 jäh unterbrochen. Die Angestellten der Textilfabriken im Badischen spürten die Auswirkungen des Krieges als Erste. Sie konnten ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen und wurden entlassen.

Schwierige Lage in Laufenburg

Auch die erst im Januar 1912 eröffnete Laufenburger Rheinbrücke von Robert Maillart wurde mit Kriegsbeginn verriegelt. Auf badischer wie auf Schweizer Seite wurden Barrikaden aus grossen Holzwagen und Sandsäcken erstellt, bewacht von den jeweiligen Grenzschutzeinheiten.

Der Laufenburger Brückenübergang, der jahrhundertelang offen war und die einstigen vorderösterreichischen Gebiete links und rechts des Rheins verband, wurde besonders streng bewacht. Kommandiert wurde das Bewachungsdetachement Laufenburg von Bezirksamtmann und Oberleutnant Bernhard Metzger.

Ein geringer Grenzverkehr war zwar weiterhin möglich, aber unter strengen Auflagen. Laufenburg litt wirtschaftlich ganz besonders, weil im Jahr des Kriegsausbruchs das Kraftwerk fertig gebaut worden war. Der Kraftwerkbau hatte der Stadt zahlreiche ausserordentliche Kosten beschert, die zugewanderten Arbeiter waren jetzt ohne Arbeit, die Gemeindekasse war leer.

Glücklicherweise war die Selbstversorgung mit Lebensmitteln in der Stadt immer noch sehr hoch. Hohen Besuch erhielt die Stadt im Mai 1918, als Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg bei den Grenzposten eine Inspektion vornahm und im Gasthaus Zum Meerfräulein sein Mittagessen einnahm.

Niedergang des Kurorts

Für den Kurort Rheinfelden bedeutete die Kriegszeit ebenfalls einen markanten Einbruch. Die Solbäder, allen voran das Grand Hôtel des Salines au Parc, wo bis zum Krieg Besucher aus ganz Europa kurten, hatten plötzlich keine internationalen Gäste mehr und damit grosse wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Ausgeglichen wurden diese Verluste mit der Bewirtschaftung inländischer Gäste. Auch hohe Militärs stiegen in Rheinfelder Hotels ab, General Wille etwa logierte im «Schiff». Statt Englisch und Französisch hörte man bald nur noch Schweizerdeutsch in Rheinfeldens Strassen und Gassen.

Weil wegen der Einberufung an allen Orten Personal fehlte, war die Stromproduktion im Rheinfelder Kraftwerk zeitweise kurz vor der Einstellung. Brisant wurde es für das grenzüberschreitende Elektrizitätswerk im Oktober 1916. Ein französisch-schweizerischer Spionagering verübte einen Bombenanschlag auf die Anlage, der glücklicherweise scheiterte. Nicht zuletzt, weil die kriegswichtigen elektro-chemischen Unternehmen in Badisch-Rheinfelden viel Strom benötigten, wurde das Kraftwerk auf beiden Seiten besonders gut bewacht und behütet.

Die beiden Rheinfelder Brauereien Salmen und Feldschlösschen hatten grosse Schwierigkeiten, teures Malz zu beschaffen und brauten dünneres Bier, was den Konsumenten gar nicht schmeckte und den Bierbrauern herbe Verluste bescherte.

Hunger und Spanische Grippe

Gegen Ende des Krieges wurde die Versorgungslage in den grösseren Schweizer Städten immer prekärer. Als Gegenmassnahme wurde der Kartoffelanbau vom Schweizerischen Bauernverband in Brugg aktiv gefördert. Eine Weisung ordnete im April 1918 die Lieferung eines ganzen Eisenbahnwagens Kartoffeln aus den Dörfern Münchwilen, Eiken, Sisseln und Schupfart in die Stadt Zürich an, wie ein Münchwiler Gemeinderatsprotokoll zeigt. Lebensmittel wurden zunehmend rationiert, der Kanton Aargau gab Lebensmittelmarken für die Grundnahrungsmittel aus.

Der Kaffeepreis stieg von 1914 bis 1918 um 71 Prozent, der Preis für Schweineschmalz um 271 Prozent, gelbe Erbsen kosteten am Ende des Krieges gar das Fünffache. Die Preise stiegen in den letzten Kriegsjahren stärker an als die Löhne. Viel zu spät wurden erst im März 1917 nicht nur Brot, Mehl, Teigwaren und Kartoffeln, sondern auch Zucker, Öl, Fett, Milch, Käse und Butter rationiert.

1918 kam zu den wirtschaftlichen Problemen eine aussergewöhnlich heftige Grippewelle – die Spanische Grippe – hinzu, die auch im Fricktal Dutzende Tote forderte. Unter den Soldaten grassierte die Epidemie. In Laufenburg musste die Schule geschlossen werden, damit man ein Notspital für Grippekranke einrichten konnte. Bis 1920 dauerte die Grippewelle an, zahlreiche gesellschaftliche Anlässe wurden wegen der Ansteckungsgefahr verboten.

Ein Ende mit Schrecken

Am Ende des Krieges im November 1918 kam es zu grossen sozialen Unruhen. In Europa tobten die Novemberrevolutionen, die Schweiz erlebte den Landesstreik. Die Arbeiterschaft erkämpfte sich in diesem kurzen, heftigen Aufbegehren ein Fabrikgesetz und damit bessere Arbeitsbedingungen.

Im Fricktal hatten die vier Jahre der Grenzbesetzung grosse wirtschaftliche Nöte und Sorgen hinterlassen. Besonders schwer wogen die Verdienstausfälle der eingezogenen Wehrmänner. Bis zu 500 Diensttage hatte ein Soldat zu leisten. Verdienstausfallsentschädigung gab es damals noch keine, der Sold war sehr gering.

Viele Familien trieb das in die Armut. Vor noch grösserem Unglück blieb das Fricktal verschont. Grenzübergänge und Lebensmitteltransporte über die Rheinbrücken waren bis 1921 streng reglementiert. Die Beziehungen zwischen den Fricktalern und ihren badischen Nachbarn normalisierten sich rasch – bevor zwanzig Jahre später ein erneuter Krieg die Grenze zur Bedrohung machte.