Zuzgen
Gleiche Klasse, anderer Schulstoff: Kinder lernen individuell

An der Primarschule lernen die Kinder seit einem Jahr selber rechnen – nun wurde der Versuch ausgeweitet.

Marc Fischer
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Ein Zuzger Erstklässler löst selbstständig einfache Subtraktions-Aufgaben, während im Hintergrund zwei weitere Schüler unterschiedliche Lernkontrollen schreiben. Marc Fischer

Ein Zuzger Erstklässler löst selbstständig einfache Subtraktions-Aufgaben, während im Hintergrund zwei weitere Schüler unterschiedliche Lernkontrollen schreiben. Marc Fischer

Marc Fischer

«Kannst du mir helfen?» Ein Erstklässler stoppt einen Zweitklässler, der auf dem Weg ist, sich neues Unterrichtsmaterial zu holen. Gemeinsam beugen sich die beiden über ein Arbeitsblatt. 9 – 7 = 3 steht da. Und 9 – 4 = 4. Der Zweitklässler sieht die Fehler sofort. Erklärt. Schiebt zur Verdeutlichung farbige Karton-Chips auf dem Tisch umher. An einem anderen Pult löst eine Schülerin Rechenaufgaben mit Geld. Ein Junge lernt die Uhr. Und im Zimmer nebenan sitzt ein Mädchen mit einem knallbunten Gehörschutz auf den Ohren. Es schreibt selbstständig eine Lernkontrolle. Den Ohrenschutz bräuchte es an diesem Morgen allerdings nicht, in der Klasse ist es meist ruhig.

Erst gegen Ende der Lektion kommt mehr Bewegung in die Klasse. Die Kinder stempeln auf die bearbeiteten Arbeitsblätter das Datum. Geben sich selber Hausaufgaben.

Lernmaterialien entwickelt

Seit dem Schuljahr 2015/16 findet der Mathematikunterricht in Zuzgen in der 1. bis 3. Klasse in neuer Form statt. «Individualisierendes Lernen in Bewegung» ist das Motto. Es ist ein kantonsweit einzigartiger Pilotversuch, der mit dem Bildungsdepartement und der Fachhochschule Nordwestschweiz abgesprochen ist. Der Grundsatz lautet: Das lehrerzentrierte Unterrichten wird durch kinderzentriertes Lehren und Lernen abgelöst. «Jedes Kind lernt anders und unterschiedlich schnell», sagt Heilpädagogin und Projektleiterin Barbara Steiner. Dem soll Rechnung getragen werden. Man will «weg von der Gleichschrittpädagogik hin zur individuellen Entwicklungsbegleitung».

Im Rahmen der Lernziele aus dem Lehrplan können die Kinder selber wählen, welche Themen sie wann bearbeiten und wann sie die Lernkontrolle – früher Prüfung genannt – schreiben. Die Lehrpersonen unterrichten nicht mehr frontal, sondern begleiten und coachen die Kinder, wenn diese Fragen haben. Um in der neuen Lernkultur unterrichten zu können, haben die Lehrpersonen in Zuzgen eigenes Unterrichtsmaterial entwickelt: Lernhefte, Stempel, laminierte Zahlentafeln, Karton-Chips. «Wir haben vieles auch visualisiert, da die Erstklässler noch nicht lesen können», sagt Barbara Steiner.

Kritische Fragen der Eltern

Nach dem ersten Erfahrungsjahr hat die Schule Zuzgen evaluiert. «Selber», wie Barbara Steiner sagt, «nächstes Jahr führt dann ein externer Berater die Evaluation durch.» Die Resultate sind positiv. Die Schüler gaben an, gerne in den Mathematikunterricht zu kommen und gerne mit dem zur Verfügung stehenden Material zu lernen. Barbara Steiner ist sich aber auch bewusst: «Kinder in diesem Alter sind sehr begeisterungsfähig und geben rasch positive Rückmeldungen.» Die Feedbacks der vier beteiligten Lehrpersonen fielen aber auch mehrheitlich positiv aus. Gleiches gilt für die Elternbefragung – obwohl dort auch kritische Fragen aufkamen, wie ein Blick in den Evaluationsbericht zeigt. «Was passiert, wenn ein Kind am Anfang mehr Zeit benötigt und dann Ende Jahr noch viel erarbeiten muss? Das löst doch Stress aus», fragten Eltern etwa. Oder: «Die Kinder führen die Lernkontrollen unbeobachtet aus und könnten sich helfen oder abschreiben. Ist dann das Prüfungsresultat aussagekräftig und objektiv genug?»

«Wir verstehen die Sorgen und Ängste der Eltern», betont Barbara Steiner, «doch letztes Jahr haben, ausser zwei notenbefreiten Kindern, alle Schüler die Basisziele des Lernplans erreicht.» Einige hätten sogar bereits im Frühjahr die Basisziele erreicht und danach vertiefende Aufgaben gelöst. Und wie ist es mit den Prüfungen? «Tatsächlich fallen die Prüfungen tendenziell besser aus», so Steiner. Die Heilpädagogin führt dies darauf zurück, dass die Kinder sich für die Lernkontrollen mehr Zeit nehmen können. Gegenseitiges Helfen komme kaum vor. «Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie die Lernkontrollen alleine schreiben müssen.» Und: Die Zeugnisnoten basieren nicht nur auf den Lernkontrollen. Die Lehrpersonen beurteilen in «Prozessnoten» auch, wie ein Kind im Laufe des Jahres lernt.

Auf 4. bis 6. Klasse ausgeweitet

Nach dem Evaluationsbericht wurde in Zuzgen in den ersten drei Klassen das zweite Erfahrungsjahr in Angriff genommen. Und: Das Projekt wurde auch auf die Klassen vier bis sechs ausgeweitet. Auch hier haben die Lehrpersonen eigene Unterrichtsmaterialien erarbeitet und das Layout altersgerecht angepasst. Das Projekt sei auch bei den älteren Schülern positiv angelaufen. «Spannend war, dass die Viertklässler, die die neue Lernkultur schon kannten, den Fünft- und Sechstklässlern einiges zeigen konnten», so Steiner. Am Ende des Schuljahres folgen dann die nächste Evaluation und der Entscheid, ob und wie das Projekt weiterläuft.