Gipf-Oberfrick
Ostern reloaded: Pfarreien feiern zweimal Osternacht – und übertragen die Feiern im Netz

Bleiben die Kirchen auch nach der Coronakrise leer? Martin Linzmeier, Gemeindeleiter in Gipf-Oberfrick, glaubt nicht an die Schwund-These. Auswirkungen hat die Pandemie aber auf Ostern: Die Pfarreien Frick und Gipf-Oberfrick reagieren auf die Beschränkung und feiern nun halt zweimal Osternacht.

Thomas Wehrli
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Martin Linzmeier, Gemeindeleiter in Gipf-Oberfrick, auf dem Bild im Labyrinth bei der Kirche Frick.

Martin Linzmeier, Gemeindeleiter in Gipf-Oberfrick, auf dem Bild im Labyrinth bei der Kirche Frick.

Thomas Wehrli / Aargauer Zeitung

Die gute Nachricht: Ostern findet in diesem Jahr statt. Das war, zumindest aus kirchlicher Sicht, vor einem Jahr nicht der Fall. Sämtliche Gottesdienste fielen coronabedingt aus. «Die Leute haben das gemeinsame Feiern vermisst», weiss Martin Linzmeier, Gemeindeleiter in Gipf-Oberfrick, aus Gesprächen.

Wie das diesjährige Osterfest aussieht, hängt auch davon ab, welche Regeln Anfang April gelten. Das ist derzeit noch offen. Linzmeier rechnet damit, dass die Vorschriften ähnlich sind wie aktuell. Das heisst: maximal 50 Personen in der Kirche, kein Gemeindegesang, Maskenpflicht. Linzmeier:

«Das schränkt das gemeinsame Feiern natürlich ein, ist aber viel besser als nichts.»

Auf die Corona-Einschränkungen hat man in den Pfarreien reagiert. «Wir feiern diesmal in Frick und Gipf-Oberfrick je zweimal Osternacht und übertragen die Gottesdienste online», sagt Linzmeier. Die beiden Pfarreien gehören zur gleichen Kirchgemeinde.

«Uns ist es wichtig, dass jeder, der in den Gottesdienst kommen will, dazu auch Gelegenheit hat.»

Dass die Kirchen an Ostern nicht gleichermassen voll sind wie in den Jahren vor Corona, findet Linzmeier schade. «Es ist ein anderes Feiern», sagt er. Auch, weil man sich beim Friedensgruss die Hand nicht geben darf, auch, weil man nicht gemeinsam singen kann. Nur der Zelebrant, der den Gottesdienst leitet, darf die Lieder anstimmen.

Das gemeinsame Singen aber ist für die Liturgie konstitutiv und damit unverzichtbar. Das Nicht-Singen-Können fällt Linzmeier entsprechend schwer. Er schmunzelt. «Auch wenn ich selber kein Topsänger bin.»

Gottesdienst lebt von der Beteiligung

Der Gottesdienst lebe von der Beteiligung der Gläubigen, sagt Linzmeier. Diese sei unter Coronabedingungen leider nur rudimentär möglich. Kirche aber ohne ein In-Bezug-Sein miteinander, ohne Präsenz, ohne Körperlichkeit ist nicht eigentlich Kirche.

«Gerade die Sakramente haben mit Berührung zu tun und mit Berührt-Werden.»

Diese Distanz wirkt sich gerade auch bei Beerdigungen hemmend und trennend aus. Auch hier dürfen nur 50 Personen teilnehmen; viele, die den Verstorbenen gekannt haben, sind damit vom Abschiednehmen ausgeschlossen. «Man spürt einen Leidensdruck», sagt Linzmeier.

Trend zu Abdankungen im Familienkreis

Den Seelsorger beunruhigt die ohnehin vorhandene Entwicklung zur Privatisierung der Abdankung, die nun mit Corona einen zusätzlichen Schub erhalten hat. Immer öfter liest man bei Todesanzeigen, dass Beisetzung und Abdankung im Familienkreis stattfinden. «Damit nimmt man ganz vielen Menschen die Chance, Abschied zu nehmen.» Linzmeier hält kurz inne, fügt dann hinzu:

«Jeder Mensch ist grösser als sein Familienkreis.»

Als Angehöriger könne man gar nicht wissen, mit wem jemand in Kontakt stand. «Wenn ein Mensch stirbt, dann fehlt er ganz vielen – auch Menschen, deren Bezug nicht so eng war.» Doch auch sie hätten das Bedürfnis, vom Verstorbenen Abschied zu nehmen. «Die Gelegenheit sollte man jedem geben.» Nach Corona.

Die Coronapandemie erlebt Linzmeier als eine herausfordernde Zeit, eine Zeit aber auch, die er nicht nur als negativ empfindet. «Wir haben uns als Gemeinschaft, als Kirche durch Corona weiterentwickelt.» Er spricht von einem «Potenzial an Kreativität», das die Coronasituation freigesetzt hat. Das gilt für neue Lernformen im Religionsunterricht ebenso wie in den Gottesdiensten.

«Wie die ganze Gesellschaft haben auch wir einen Digitalisierungsschub durchgemacht.»

Einen Teil der Gottesdienste übertragen die Pfarreien Frick und Gipf-Oberfrick live und stellen sie danach auf Youtube. Die Einschaltquote ist unterschiedlich; mal schauen kaum mehr als eine Handvoll zu, mal haben die Feiern einige Hundert Aufrufe.

Online-Gottesdienste werden geschätzt

Aus Rückmeldungen weiss Linzmeier, dass das Angebot geschätzt wird. Gerade auch ältere Pfarreiangehörige, die wegen Corona nicht kommen können oder wollen, nutzen das Angebot. Auch ins Alterszentrum Frick werden die Feiern jeweils übertragen.

Die Frage ist: Kommen die Menschen wieder in die Kirche zurück, wenn Corona vorbei ist – oder vielleicht besser: Wenn das Virus nicht mehr derart virulent ist? Einige Beobachter sagen: Nein, die Coronapandemie führt zu einer bleibenden Distanzierung bei vielen. Daran mag Linzmeier nicht glauben.

«Wer vor der Coronakrise einen engen Bezug zur Kirche hatte und in die Gottesdienste kam, wird auch nach der Krise kommen.»

Linzmeier kann sich sogar vorstellen, dass einige durch die Krise einen neuen Bezug zum Glauben bekommen. «Fragen nach der eigenen Endlichkeit hatten viele vor der Krise verdrängt. Die Coronapandemie hat diese Fragen neu ins Bewusstsein gebracht.» Dabei haben viele, nicht nur Gläubige, auch Erwartungen an die Kirche. «Selbst wer selber distanziert ist, schätzt, dass die Kirche versucht, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.»

Solidarität wurde gestärkt

Dieser Beitrag heisst: Solidarität und Diakonie. Ehrenamtliche schauen unentgeltlich für andere in der Pfarrei, besuchen sie, hören ihnen zu, helfen ihnen, kaufen bei Bedarf auch für sie ein. «Die Sorge füreinander ist gross», hat Linzmeier beobachtet. «Die Coronakrise hat den solidarischen Gedanken, der schon immer gelebt wurde, weiter gestärkt.»

Linzmeier hofft, dass diese Entwicklung hin zu mehr Solidarität der Gesellschaft auch nach der Coronapandemie erhalten bleibt. «Der Rest kann wieder gehen.» Insbesondere die Distanz. «Ich freue mich darauf, wieder ohne Beschränkungen miteinander unterwegs zu sein.»

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