Gipf-Oberfrick
«Ich fühlte mich wie ein halber Mensch» – weshalb Schauspieler Kaspar Lüscher ab sofort wieder ein ganzer Mensch ist

Ab Mittwoch steht Schauspieler Kaspar Lüscher nach der Corona-Zwangspause mit «Abendstunde im Spätherbst» wieder auf der Bühne. «Endlich», sagt der Fricktaler, für den die Auftritte ein Lebenselixier sind. Doch was hat er in der in der Zwangspause gemacht? Geschrieben, natürlich.

Thomas Wehrli
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Kaspar Lüscher, Schauspieler, Regisseur und Autor aus Gipf-Oberfrick. Ab dem 28. April tritt er nach der Corona-Zwangspause wieder auf.

Kaspar Lüscher, Schauspieler, Regisseur und Autor aus Gipf-Oberfrick. Ab dem 28. April tritt er nach der Corona-Zwangspause wieder auf.

Thomas Wehrli / Aargauer Zeitung

Die Abendstunde kommt zwar nicht wie ursprünglich geplant im Spätherbst, aber sie kommt – und zwar jetzt: Ab heute Mittwoch geht der Fricktaler Schauspieler Kaspar Lüscher endlich mit seiner neuen Produktion «Abendstunde im Spätherbst» nach dem Hörspiel von Friedrich Dürrenmatt auf Tournee.

Die erste Vorstellung in der Stanzerei in Baden ist längst ausverkauft – weil die Zahl der Zuschauer coronabedingt auf 50 Personen beschränkt ist, weil Kaspar Lüscher ein begnadeter Schauspieler und Autor ist und auch «weil die Menschen das Bedürfnis haben, wieder auszugehen, wieder Kultur zu erleben», sagt Lüscher. Er blickt von seinem Einfamilienhaus auf das Dorf, Gipf-Oberfrick, herunter, fügt dann an:

«Ich freue mich auch darauf, mit meiner Frau endlich wieder einmal auszugehen.»

Ins Kino, ins Theater, ins Restaurant. «Das hat uns allen extrem gefehlt.» Ihm, dem kulturellen Tausendsassa aus dem Fricktal, haben die Bretter gefehlt, die vielleicht nicht die Welt bedeuten, aber doch Lebenselixier sind. Für die Psyche fand er vor allem das dauernde Hin und Her, das Absagen, Bangen, Absagen, Hoffen schwierig. «Das kostete viel Energie», so Lüscher.

Auftritte vermisst

Sobald Klarheit herrschte, was ging – oder besser: was nicht ging, trat bei ihm Entspannung ein. Aber eben: «Ich fühlte mich zugleich nur wie ein halber Mensch.» Vor allem den Austausch mit dem Publikum vermisste er in den letzten Monaten, dieses Gefühl, auf den Punkt genau zu 100 Prozent da zu sein, voll konzentriert, in sich ruhend, um aus sich herauszugehen.

Im Herbst konnte Kaspar Lüscher seine Bözberg-Geschichtenwanderung «Der verletzte Berg» vor dem zweiten Lockdown fortsetzen.

Im Herbst konnte Kaspar Lüscher seine Bözberg-Geschichtenwanderung «Der verletzte Berg» vor dem zweiten Lockdown fortsetzen.

Zvg

Ohne dieses Da-Sein sei das Leben gemütlicher geworden, mäanderte vor sich hin. Wobei, wer Lüscher kennt, weiss: Die Zeit nutzte er. Für neue Projekte, ein neues Stück auch, das er im Herbst auf die Bühne bringen wird, ein Stück, das andere, das junge Sichtweisen in sich vereint. Lüscher lacht.

«Das ist auch ein Mittel gegen die Angst, irgend einmal ein Geraniumstöckli-Theater zu machen.»

Wie sich dieses Jugendliche, dieses Junge auswirkt, will Lüscher noch nicht sagen. Nur so viel: «Es wirkt sich auch auf die Besetzung aus.» Im Zwei-Personen-Stück wird neben ihm seine ebenso talentierte Tochter auf der Bühne stehen. Es ist die erste gemeinsame Produktion. «Darauf freue ich mich sehr.»

Mit neuem Bühnenpartner auf Tournee

Vorab freut er sich, dass es mit der Abendstunde-Tournee weitergeht – auch wenn einige Vorstellungen wegen Corona respektive wegen der für manch einen Veranstalter zu rigiden Schutzvorschriften bereits wieder gestrichen sind. Er freut sich auch für seinen Bühnenpartner Peter Höner, der im letzten Jahr einsprang, weil der deutsche Kollege, der eigentlich spielen sollte, wegen Corona nicht einreisen konnte. Höner lernte das Stück, «ein riesiger Aufwand», die beiden probten – und kurz vor der ersten Vorstellung kam dann der zweite Lockdown.

«Das war natürlich hart», blickt Lüscher zurück. Die beiden haben am Montag und Dienstag nochmals intensiv geprobt. «Wir sind bereit», sagt Lüscher, der hofft, dass die Coronasituation bald auch wieder grössere Gastspiele zulässt. Denn das Spielen bedeutet für ihn, lebendig sein.

«Das Leben setzt sich ja aus dem zusammen, was man erlebt.»

Wie erlebt er die Gesellschaft in der Coronazeit? Lüscher überlegt kurz, sagt dann: «Bisweilen wie ein Schiff, das keine Strömung hat und deshalb nicht weiss, wie es weitergeht.» Was ihn ärgert, «sind Leute, die aus dieser Situation Profit schlagen». Er hofft, wie wohl alle, dass der Wind bald wieder auffrischt und das Schiff vorwärtsbringt.