Region
Gewählt ist: Die Versammlungswahl – zumindest vorläufig

Noch vier Gemeinden im Fricktal kennen die Wahlversammlung, an der sie ihre Amtsträger küren – drei wollen dabei bleiben. Aber nicht alle, die an der Urne wählen würden, sind auch bereit, einen halben Tag für die Wahlversammlung zu opfern.

Thomas Wehrli
Drucken
Teilen
«Ein brutal direktes Feedback»: Bei der Versammlungswahl sieht jeder Kandidat, wie gut er ankommt.

«Ein brutal direktes Feedback»: Bei der Versammlungswahl sieht jeder Kandidat, wie gut er ankommt.

Hanspeter Baertschi/Archiv

Noch 9 der 213 Aargauer Gemeinden, samt und sonders kleinere Gemeinden, küren ihre Amtsträger an einer Wahlversammlung. In einer davon, Habsburg, entscheiden die Stimmberechtigten demnächst über einen Systemwechsel – zur Urnenwahl. Ist die Wahlversammlung also ein alter Zopf, der abgeschnitten gehört, eine Tradition, deren Uhr abgelaufen ist?

Nein oder allenfalls Jein, findet man in drei der vier Fricktaler Gemeinden, die noch zur Wahlversammlung laden: Hellikon, Sisseln und Wölflinswil. Über die Bücher gehen will dagegen Roger Fricker, Gemeindeammann von Oberhof. Er will dem Gemeinderat für die nächsten Wahlen, 2017, einen Systemwechsel schmackhaft machen; Urnenwahl statt Händemehr soll es künftig auch in Oberhof heissen.

Fricker, den Basisdemokratie-Puristen, stört an der Versammlungswahl vor allem eines: «Wer krank ist oder am Wahltag arbeiten muss, kann nicht teilnehmen. Wir entziehen ihm somit sein Wahlrecht.» Das gehe nicht an. Zudem nähmen an den Wahlversammlungen nur rund 15 Prozent der Stimmberechtigten teil. «Zu wenig, um die Wahl demokratisch zu legitimieren.»

Alle Wahlen in einem halben Tag

Natürlich habe die Versammlungswahl auch Vorteile, räumt Fricker ein. Das unbürokratische Moment gehöre dazu, die Effizienz ebenso. «In nur einem Nachmittag können die Behörden- und Kommissionswahlen erledigt werden.» Das spare Zeit, spare Kosten.

Dennoch bleibt der SVP-Politiker dabei: «Die Versammlungswahl gehört abgeschafft.» Diese Forderung würde Rainer Schaub, Gemeindeammann von Sisseln, nicht unterschreiben. Eine Abschaffung sei in Sisseln noch nie ein Thema gewesen, die Wahlversammlung stosse auf «breite Akzeptanz». Auch in Wölflinswil, wo eine Bevölkerungsbefragung zeigte: Die Einwohner wollen an der Tradition festhalten.

Schaub selber schätzt an der Versammlungswahl das direkte Moment, diesen Augenblick, in dem man als Kandidat darauf wartet, dass die Stimmen ausgezählt sind, diese bisweilen langen Minuten, bis es heisst: «Gewählt ist . . .» «Das ist immer sehr emotional.» Köbi Brem, Gemeindeammann von Wölflinswil, spricht von «Hühnerhaut», die einen überkommt, wenn der Wahlleiter fragt, ob man die Wahl annimmt. «Dann aufzustehen, Ja zu sagen – das ist ein Moment, den man nie vergisst.»

Der emotionale Höhenflug bedingt aber auch, dass man mit einem Absturz umgehen könnte. Denn: «Wer sich zur Wahl stellt, stellt sich auch zur Schau», sagt Kathrin Hasler, Gemeindeammann von Hellikon. Das heisst auch: «Man muss das Resultat aushalten, egal, wie es herauskommt.» Schaub nennt es ein «brutal direktes Feedback».

Fragezeichen: Repräsentanz

Wie in Sisseln und Wölflinswil stand die Abschaffung der Versammlungswahl auch in Hellikon bislang nie zur Debatte. Ob dies auch noch in zehn Jahren so ist, darüber mag Hasler nicht spekulieren. Ein mögliches Fragezeichen sieht sie bei der Repräsentanz der Wahlart. An die Versammlungen komme oft nur der harte Kern der Stimmberechtigten, «an einer Urnenwahl dagegen würden sich mehr beteiligen».

Dass die Wahlbeteiligung bei der Versammlungswahl tiefer ist, wissen auch Rainer Schaub und Köbi Brem. Nicht alle, die an der Urne wählen würden, sind auch bereit, einen halben Tag für die Wahlversammlung zu opfern.

In Sisseln und Wölflinswil nehmen jeweils zwischen 100 und 150 Stimmberechtigte an den Wahlversammlungen teil; das entspricht 10 bis 20 Prozent der Stimmberechtigten. Schaub relativiert: «Damit nehmen rund doppelt so viele an den Wahlen teil wie an einer normalen Gemeindeversammlung.» Die Wahlen seien ein fester Bestandteil im Dorf, ein Dorfanlass, bei dem man nachher noch zusammen in die «Pinte» gehe und auf die Wahl anstosse. Die Zechen zahlt – «der Gemeinderat, natürlich».

Den Puls fühlen

Einen grossen Vorteil sehen Schaub, Hasler und Brem in der Direktheit des Verfahrens. «Die Leute können sich vor Ort ein Bild der Kandidaten machen», sagt Schaub. Oder während der Versammlung weitere Kandidaten küren. «Das passiert immer wieder», so Brem, und Schaub ergänzt: «Es kommt auch vor, dass ein Kandidat gewählt wird, der bis zum Wahltag gar nicht Kandidat war und nichts von seinem Glück ahnte.»

Schaub ist die Versammlungswahl viel wert. «Wir verlieren in der heutigen Zeit mehr und mehr den direkten Kontakt zu den Bürgern», sagt er. Die Versammlungswahl sei eine gute Gelegenheit, den Puls zu fühlen.

Aktuelle Nachrichten